Fachkräftemangel Stadt Aurich setzt auf Quereinsteiger
Gegenseitig werben sich die Kommunen im Landkreis Aurich teilweise die Mitarbeiter ab. In der Kreisstadt wird man daher kreativ, um neues Personal zu bekommen und Kollegen nicht zu verlieren.
Aurich - Fachkräftemangel ist ein Problem, das nicht nur die Wirtschaft betrifft. Auch die Verwaltungen müssen sich einiges einfallen lassen, um den Personalbedarf decken zu können. Für Laura Vorwerk, Erste Stadträtin der Stadt Aurich, liegt ein Lösungsansatz auf der Hand. „Quereinsteiger sind die Zukunft, das gilt auch in der Verwaltung“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Im Baubereich gebe es das schon sehr lange. Ingenieure würden auch ohne Verwaltungsausbildung eingestellt. Aber auch Steuerfachangestellte, Bürokaufleute oder die Personalabteilung selbst seien offen für Bewerber von außerhalb.
Im Grunde gehe dies nur bei Abteilungen nicht, bei denen es keine entsprechenden Ausbildungen in der Privatwirtschaft gebe. So gebe es im Ordnungsamt oder im Baugenehmigungsamt zum Beispiel nur klassische Verwaltungsarbeit. Aber selbst in diesen Fällen, ergänzt Sachgebietsleiter Reemt Mönck, könne oft nachträglich ein Verwaltungslehrgang für die nötige Qualifikation sorgen.
Weiterbildung mit Stipendium
Das Problem von Verwaltungen ist, dass sie Bewerber nicht mit einer höheren Bezahlung locken können. Denn es gilt der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, an den die Stellenbeschreibungen gekoppelt sind. „Wir müssen also überlegen, was wir noch tun können“, sagt Vorwerk.
Ausbildung, aber auch Fort- und Weiterbildung werde immer wichtiger. So ist laut Günter Harms, Leiter des Inneren Dienstes in der Stadtverwaltung, die Zahl der Auszubildenden bei der Stadt in den vergangenen Jahren gestiegen. Außerdem vergibt die Stadt Aurich Stipendien, sagt Mönck.
So habe eine Kollegin nach ihrer Ausbildung ein Studium zur Bauingenieurin aufgenommen. Ein weiterer wolle Ingenieur bei der Stadtentwässerung werden. Beide erhalten monatlich 600 Euro bis zum Bachelor-Abschluss. Daran seien aber bestimmte Bedingungen geknüpft.
Hohe Wechselbereitschaft der Mitarbeiter
Ingenieure sind in der Arbeitswelt ein rares Gut. Insbesondere Verwaltungen sind auf diese Berufsgruppe angewiesen, wie Vorwerk im sagt. Sie nennt ein Beispiel: In privaten Baufirmen kann auch ein Meister die Bauleitung übernehmen. „Der kann das mindestens so gut wie ein Ingenieur.“ Aber im öffentlichen Dienst benötigt man dafür einen Ingenieur. Die sind schwer zu bekommen, weswegen die Stadt nun Stipendien für das Studium vergibt. Die Bedingung dafür: Frisch gebackene Ingenieure müssen sich für bis zu fünf Jahre verpflichten, bei der Stadt Aurich zu bleiben. Gehen sie früher, muss ein Teil des Stipendiums zurückgezahlt werden.
Die Zahl der Bewerber ist rückläufig, zudem gebe es eine immer höhere Wechselbereitschaft, sagt Reemt Mönck. „Und die Stadt Aurich hat viel Konkurrenz.“ Gegenüber vom Rathaus lockt die Kreisverwaltung, außerdem benötigen auch die umliegenden Kommunen Personal. Daneben gibt es in der Behördenstadt Aurich auch Landesbehörden, die ebenfalls ständig auf der Suche nach neuen Mitarbeitern seien. Dazu gehören zum Beispiel die Beihilfestelle des Landes, die niedersächsische Straßenbaubehörde oder auch das Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN).
Hansefit und Fahrrad-Leasing müssen sein
Daher stellt sich für die Stadt nicht nur die Frage, wie man Nachwuchs findet. Die vorhandenen Mitarbeiter, derzeit sind es über 700 in der Stadtverwaltung, müssen auch gehalten werden.
Das Gehalt, sagt Laura Vorwerk, ist in aller Regel bei den öffentlichen Verwaltungen kein Argument. Denn es ist tariflich geregelt, was bezahlt wird. Höhere Einstufungen müssen durch entsprechende Stellenbeschreibungen gerechtfertigt sein.
Ein Weg sei es, so Nina Rabenstein aus der Personalabteilung, die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern. Programme zum Gesundheitsmanagement wie Hansefit seien heute selbstverständlich. Auch die betriebliche Altersvorsorge oder das Fahrrad-Leasing würden erwartet. Hinzu kämen Angebote zur Altersteilzeit und – ganz wichtig als familienfreundliche Kommune – flexible Arbeitszeiten sowie Homeoffice und mobiles Arbeiten.
Weiterbildungen werden finanziert
Wechselwillige Mitarbeiter sollen mit einer weiteren Idee in der Stadtverwaltung gehalten werden. Es gebe nun ein spezielles Mailpostfach für Wechselwünsche, sagt Mönck. Wer innerhalb der Verwaltung die Abteilung wechseln möchte, um ein anderes Aufgabenfeld zu haben, kann das dort anmelden. Wenn man einen Tauschpartner findet, können solche Wünsche auch umgesetzt werden.
Auch die Fort- und Weiterbildung werde immer wichtiger, sagt Vorwerk. Bei offenen Stellen werde immer überlegt, ob es jemanden im Rathaus gibt, der diese Position ausfüllen könnte. Wenn dafür dann eine Weiterbildung nötig sei, werde die eben finanziert.
Erste Stadträtin: „Leute wollen nicht mehr bis zum Umfallen arbeiten“
Wie in der freien Wirtschaft ist das Personalmanagement auch in der Stadt Aurich im Wandel. Es gibt nun ein Personalentwicklungskonzept. „Das gibt es nicht in jeder Kommune“, sagt Vorwerk. Dazu gehöre in Aurich ab dem 1. Oktober auch eine Mitarbeiterin, die für die Umsetzung des Konzeptes zuständig sei. Denn die Aufgaben in diesem Bereich würden immer komplexer. „Ich bin der Politik dankbar, dass es diese Stelle nun gibt.“
Zum Wohlfühlen gehört laut der Ersten Stadträtin aber auch, dass neue Mitarbeiter eingearbeitet werden. Onboarding heißt das Neudeutsch. Aber auch das Offboarding, wenn also jemand die Stadtverwaltung verlasse, sei wichtig. „Es geht um Wertschätzung für die Mitarbeiter“, sagt Vorwerk. Denn man sehe sich im Leben immer zweimal. Und es sei auch schon vorgekommen, dass Mitarbeiter ihren Weg zurück ins Auricher Rathaus gefunden hätten.
Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass die Menschen nicht mehr bis zum Umfallen arbeiten wollen. Das sei auch völlig richtig, so Vorwerk. Darauf müsse man sich bei der Rekrutierung einstellen. „Wenn ich einen qualifizierten Bewerber habe, der aber nur 25 Stunden pro Woche arbeiten will, dann nehme ich den.“ Danach schaue man, wie man die restlichen 15 Stunden abdecken könne.
Zum Wohlfühlen gehört aber auch der neue große Sozialraum im Rathaus. Rund 40 Personen passen rein. Er hat die Räume der einzelnen Abteilungen abgelöst. Jetzt können sich die Mitarbeiter abteilungsübergreifend treffen, gemeinsam Kaffee trinken oder etwas essen.