Aufarbeitung der Pandemie  Massive Kritik am Corona-Buch des Landkreises Aurich

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 12.08.2024 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
•Ein umstrittenes Thema der Corona-Pandemie waren die Impfungen, wie sie auch im Auricher EEZ stattfanden. Foto: Romuald Banik
•Ein umstrittenes Thema der Corona-Pandemie waren die Impfungen, wie sie auch im Auricher EEZ stattfanden. Foto: Romuald Banik
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Für 12.000 Euro gibt der Kreis Aurich ein Buch über die Jahre der Corona-Pandemie heraus. Einige Aspekte fehlen aber in der Betrachtung.

Aurich - Gibt man bei Online-Buchhändlern das Stichwort „Corona“ ein, erhält man über 30.000 Titel, die sich mit der Pandemie beschäftigen. Diese hatte im März 2020 Deutschland erreicht und massiv Einfluss auf das Leben aller Einwohner genommen. Nun soll ein weiteres Buch hinzukommen. Der Landkreis Aurich wird für 12.000 Euro ein Buch über die Corona-Pandemie im Landkreis Aurich veröffentlichen. Das gab Landrat Olaf Meinen in der Kreistagssitzung im Juni bekannt. Autor ist der ehemalige ON-Redakteur Wolfgang Witte. Ein Vorhaben, das durchaus kritisiert wird. Mehrere Stellungnahmen erreichten diese Redaktion nach der Kreistagssitzung. Eine Veröffentlichung ist jedoch erst jetzt möglich, weil sich die Kreisverwaltung mit der Beantwortung von Fragen zu den Vorwürfen vier Wochen Zeit ließ.

Kritik kommt von Betroffenen, die an Long-Covid oder den Folgen der Covid-Schutzimpfung leiden. Denn diese Personengruppen kommen in dem Buch des Landkreises nicht vor. Das bestätigt Kreissprecher Rainer Müller-Gummels auf Anfrage unserer Redaktion. Demnach werde die Relevanz der Long Covid-Problematik oder eventueller Impfschäden auch vom Landkreis Aurich gesehen. Das sei von der Verwaltung wiederholt öffentlich dargelegt worden. „Eine inhaltliche Einbeziehung dieser speziellen Thematik in das Buchprojekt hätte dessen Rahmen aber gesprengt.“

Betroffene wären gerne eingebunden worden

Ann-Katrin Kruse gehört zu den Menschen, die sich gegen das Coronavirus haben impfen lassen und bis heute an den Folgen der Impfung leiden. Das Geld für das Buchprojekt hätte man besser in eine Anlaufstelle investieren können, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie sei deswegen oft im Kontakt mit dem Landkreis Aurich gewesen, es habe sogar einen Arbeitskreis dafür gegeben. Eine solche Anlaufstelle „wäre ein größeres Zeichen des Kreises gewesen.“ Diese Anlaufstelle hätte nach ihrer Vorstellung dabei unterstützen sollen, dass einerseits Daten zur Vernetzung gesammelt werden und andererseits Betroffene eine erste Ansprechperson haben, die ihnen glaubt, sie ernst nimmt und eventuell an Mediziner im Landkreis vermittelt, die sich dieses Themas angenommen haben.

Ann-Katrin Kruse sprach im Juni dieses Jahres im Auricher Kreistag. Foto: Aiko Recke
Ann-Katrin Kruse sprach im Juni dieses Jahres im Auricher Kreistag. Foto: Aiko Recke

Aber wenn es denn unbedingt ein Buch sein müsste, wäre es schön gewesen, Betroffene einzubinden. Kruse sagt, sie kenne viele Menschen, die wie sie unter den Corona-Folgen litten. „Niemand wurde kontaktiert.“

Landrat nennt Impfschäden „Kollateralschaden“

Dabei hat der Auricher Kreistag einstimmig einen „Appell an die Bundesregierung und das Land“ gerichtet, in dem gefordert wird, „die Erforschung des Post-Vac-Syndroms zu intensivieren, stärker zu fördern und die Bevölkerung über die Ergebnisse zu informieren“. Der Arbeitskreis aber hat nur die Gründung einer Selbsthilfegruppe empfohlen. Eine Anlaufstelle in der Kreisverwaltung wurde abgelehnt.

Kruse weiß, dass nur Long-Covid tatsächlich als Erkrankung anerkannt worden sei. Bei „Post-Vac“, also den Folgen der Schutzimpfung, sei das nicht so. Mit der Anerkennung ändere sich viel, denn dann würden Betroffene ernst genommen. Kruse hat im März dieses Jahres schließlich eine Selbsthilfegruppe mitbegründet. Dieser gehören derzeit 59 Mitglieder an. Doch die Organisation der Gruppe verlangt viel Kraft. Kraft, die Kruse nicht immer aufbringen kann.

Sie hat sich auch an Landrat Olaf Meinen mit der Bitte gewandt, eine Anlaufstelle einzurichten. „Es tat ihm leid, dass ich unter den Folgen der Impfung zu leiden habe“, sagt Kruse. Der Landrat habe das aber als Kollateralschaden im Kampf gegen die Pandemie bezeichnet.

Betroffene sind auf sich alleine gestellt

Enttäuscht ist auch Kinderärztin Andrea Radde-Reinhard. Sie hat die Selbsthilfegruppe mitbegründet. Generell sei es gut, die Corona-Zeit mit einem Buch aufzuarbeiten. Die Frage sei aber, warum vom Landkreis hierfür 12.000 Euro zur Verfügung gestellt würden. „Es gibt in unserem Landkreis sehr viele Opfer der Corona-Maßnahmen, sowohl der Impfung als auch der Kontaktbeschränkungen“, sagt Radde-Reinhard. An den Impffolgeschäden würden auch heute noch Menschen sterben, andere seien seit drei Jahren arbeitsunfähig, einige bettlägerig. „Sie finden weder Gehör, noch Hilfe, noch finanzielle Unterstützung.“ Die Finanzierung einer zentralen Anlaufstelle wäre daher sicher erstmal sinnvoller und könnte dann später ein positives Kapitel in einem Buch werden.

Geimpft wurde während der Pandemie unter anderem im Energie-Erlebnis-Zentrum in Sandhorst. Foto: Heino Hermanns
Geimpft wurde während der Pandemie unter anderem im Energie-Erlebnis-Zentrum in Sandhorst. Foto: Heino Hermanns

Gabriele Folkers nennt die Ankündigung des Buches zur Corona-Zeit „einen Schlag ins Gesicht für betroffene Post-Vac- und Long-Covid-Patienten“. Es sei immer wieder in den vergangenen drei Jahren auf die Situation hingewiesen und um Hilfe gebeten worden, die man nicht erhalten habe. „Es ist unglaublich, dass jetzt ein Budget von 12.000 Euro zur Verfügung steht, aber bisher für Betroffene kein Euro übrig war. Wir müssen uns unsere Hilfe selbst recherchieren und aus eigener Tasche zahlen, obwohl man selbst kaum Kraft dazu hatte und hat.“

Rat des Kreises zu einer Selbsthilfegruppe

Der Kritik angeschlossen hat sich Detlev Krüger, der für die Freien Wähler im Auricher Kreistag sitzt. Die Nachricht, dass der Landkreis Aurich ein Buch über die Corona-Zeit plant, werfe ein ernüchterndes Licht auf den Umgang der Behörden mit den Menschen, die nach der Corona-Impfung unter Komplikationen leiden, schreibt Krüger in einer Mitteilung. „Während offenbar reichlich Ressourcen für die Dokumentation der Pandemie-Erfahrungen bereitgestellt werden, bleibt für diejenigen, die das Post-Vac-Syndrom entwickelt haben, jegliche Unterstützung aus.“ Das werfe schwerwiegende Fragen zur Prioritätensetzung der Kreisverwaltung auf.

Es sei skandalös, dass der Landkreis keine Gelder für diese Betroffenen bereitstellen konnte und eine dringend benötigte Anlaufstelle abgelehnt habe. Statt den Menschen konkrete Hilfe anzubieten, seien die Zuständigkeiten an andere Stellen verwiesen worden, was in der Praxis oft bedeute, dass die Betroffenen im bürokratischen Niemandsland verloren gingen. „Man hat die Betroffenen dazu überredet, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Mehr war nach mehreren Monaten Themenbehandlung in einer extra ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe nicht zu erreichen“, so Krüger.

Freie Wähler: Buch ist Selbstbeweihräucherung

Diese scheinbar pragmatische Lösung sei in Wirklichkeit ein Hohn für diejenigen, die durch die Impfung geschwächt seien und oft nicht die Kraft hätten, sich oder anderen zu helfen. Besonders traurig sei die Tatsache, so Krüger, dass viele Menschen den behördlichen Aufrufen zur Impfung gefolgt sind und nun mit den gesundheitlichen Schäden allein gelassen würden. „Wo bleibt die Verantwortung der Behörden für diejenigen, die ihrem Aufruf gefolgt sind?“, so Krüger.

Grüne stimmten gegen das Buchprojekt

Statt ein Buch zu finanzieren, das möglicherweise als Selbstbeweihräucherung und zur Verbesserung des öffentlichen Images diene, wäre es weitaus sinnvoller, die Mittel und die Aufmerksamkeit denjenigen zu widmen, die reale und dringende Unterstützung benötigen. „Der Umgang mit den Impfgeschädigten ist ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Pandemie und ein beispielloses Versagen der Landkreisbehörde“, so Detlev Krüger.

Debattiert wurde über das Buch im nicht öffentlich tagenden Kreisausschuss. Dort wurde auch über das Werk abgestimmt. Als einzige Fraktion haben die Grünen gegen das Corona-Buch gestimmt. Das teilt Fraktionsvorsitzende Gila Altmann auf Anfrage unserer Redaktion mit. „Wir waren es auch, die es im Kreistag erst öffentlich gemacht haben.“ Die Grünen hätten die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens in Frage festellt.

Kreis: Buch soll Orientierung für die Zukunft geben

Im Fokus des Landkreis-Buches soll jedoch laut Sprecher Rainer Müller-Gummels die „kritische Betrachtung der Verwaltungsarbeit unter den Extrembedingungen der Pandemie-Bewältigung“ stehen. Die Covid-Pandemie habe die Welt vor bis dato unbekannte Herausforderungen gestellt, die in ihrer Grundproblematik vielleicht weitgehend deckungsgleich, aber in ihrer individuellen Problemlage vor Ort jeweils sehr spezifisch ausgeprägt gewesen seien. Im Landkreis Aurich habe die spezielle geografische Lage und die Notwendigkeit, die Inseln zu versorgen und zu schützen, zu besonderen Maßnahmen und Lösungen geführt, die in dieser Form andernorts nicht notwendig gewesen seien. „Daher sehen wir eine gründliche, individuelle Aufarbeitung der Pandemie aus Sicht des Landkreises allemal als wertvoll an, zumal es derartige regionale Darstellungen nach unserem Kenntnisstand kaum gibt“, so Müller-Gummels.

Landrat Olaf Meinen finanziert das Corona-Buch aus seinem Landrats-Budget. Foto: Romuald Banik
Landrat Olaf Meinen finanziert das Corona-Buch aus seinem Landrats-Budget. Foto: Romuald Banik

Es fänden in dem Werk aber auch zahlreiche andere Aspekte Berücksichtigung, wobei die inhaltliche Ausgestaltung in den Händen des Verfassers lag und der Landkreis die gestalterische Umsetzung für die Druckvorbereitung übernehme. Das geplante Buch soll aber laut Müller-Gummels nicht nur die Vergangenheit festhalten und als Erinnerungsstück für diejenigen dienen, die diese Zeit miterlebt haben, sondern auch als Orientierung für künftige Problemlagen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Erfahrungen und Entscheidungen während dieser auch in der Landkreis-Geschichte bislang einzigartigen Lage könne nicht nur für Außenstehende hilfreich sein, die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern auch helfen, zukünftige Strategien zur Bewältigung möglicher ähnlicher Krisen zu verbessern. Dazu aber gehört, wie beschrieben, nicht die Auseinandersetzung mit der Long-Covid-Problematik oder eventuellen Impfschäden.

Auch zu den Kosten für das Buch bezieht Müller-Gummels Stellung. Nur ein Teil der 12.000 Euro entfalle auf die Vergütung für den Autor, mit dem Rest würden Korrektur- und Druckkosten finanziert. Somit konnten die entsprechenden Aufträge als Direktaufträge vergeben werden und hätten nicht ausgeschrieben werden müssen. Die Finanzierung erfolge aus vorhandenen Mitteln, neue Ansätze seien nicht erforderlich. Zudem ständen den Ausgaben zu erwartende Einnahmen aus dem Buchverkauf gegenüber. Im Kreistag hatte Landrat Olaf Meinen mitgeteilt, dass das Geld seinem Landrats-Budget entnommen werde.

Meinen hatte im Juni eine umfassende inhaltliche Aufarbeitung der Pandemie, aber auch eine kritische Einschätzung angekündigt. Ganz so umfassend, wie es sich Betroffene gewünscht hätten, scheint das Buch nun aber nicht zu werden.

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