Polizisten in Gefahr  Gewalt gegen Einsatzkräfte in Aurich und Niedersachsen

| | 11.08.2024 15:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens akzeptiert keine Gewalt gegen Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Foto: DPA
Die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens akzeptiert keine Gewalt gegen Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Foto: DPA
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Selbst einfache Verkehrskontrollen können für Polizisten gefährlich werden. Immer wieder werden Beamte angegriffen – auch im Bereich der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund.

Aurich - Gewalt gegen Einsatzkräfte der Auricher Polizei ist ein Problem, das sich nicht nur auf Einzelfälle beschränkt. Im Jahr 2023 wurden laut Polizeistatistik 97 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte in der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund erfasst, teilt Pressesprecherin Wiebke Baden auf Anfrage unserer Redaktion mit. Davon seien 54 Fälle im Rahmen eines Widerstands, 28 tätliche Angriffe und zwölf Bedrohungen gewesen. Meist seien die Angreifer männlich und alkoholisiert, so Baden. Nur in Einzelfällen handele es sich um weibliche Angreifer. Darüber hinaus fänden oft Beleidigungen und Bedrohungen statt, die deutlich aus dem Rahmen des Erträglichen fielen.

In der Regel handele es sich um Angriffe im Zusammenhang mit Einsätzen von häuslicher Gewalt, alkoholisierten Ruhestörern oder Veranstaltungen wie Schützenfesten, erklärt Baden. Meistens seien es Schläge und Tritte, mit denen die Beamten umgehen müssten. Vereinzelt gebe es auch Angriffe mit Flaschen, Schlagwerkzeugen oder Wurfgegenständen. Bedenklich zugenommen hätten die Einsätze mit psychisch kranken und zum Teil bewaffneten Personen, die unvermittelt die Polizei oder Dritte angreifen würden.

Bedrohung und Beleidigung von Auricher Einsatzkräften

Bei den Einsätzen werde nicht jede Beleidigung angezeigt, erklärt Baden. In Ausnahmesituationen von Menschen dürfe man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Jedoch müssten die Beamten sich oft vulgäre Beleidigungen, die unter der Gürtellinie seien, anhören. Das sei völlig inakzeptabel, auch wenn es nicht immer zur Anzeige komme. Auch Bedrohungen von Beamten seien ein Problem, sagt Baden. Nicht selten werde den Polizisten gedroht, sie auf dem Heimweg abzufangen oder ihr Haus anzuzünden.

Mit Situationen umzugehen, in denen den Beamten Gefahr droht, sei ein Teil des Studiums der Polizisten, sagt Baden. Selbstverteidigung sei ein wichtiger Aspekt für die Sicherheit der Beamten. Wichtig sei auch das Training zur Gefahrenerkennung, um an bestimmten Verhaltensmustern eine potenziell drohende Gewalttat erkennen zu können. Deeskalierende Kommunikation werde geübt, um Gefahrensituationen zu vermeiden. Das funktioniere jedoch nicht immer, sagt Baden. Etwa, wenn die Beamten aufgrund einer Sprachbarriere nicht mit der Person reden könnten.

Gewalttätigem Verhalten würden in der Regel Drogen oder psychische Störungen zugrunde liegen, sagt Baden. Auch übermäßiger Alkoholkonsum würde aggressives Verhalten häufig zum Vorschein bringen.

Unterstützung nach besonders schweren Vorfällen

Nach besonders belastenden Situationen, unter Umständen mit einer Eigenverletzung oder einem Waffeneinsatz, gebe es besondere Formen der Einsatznachbereitung, so Baden. Außerdem stelle eine interne Beratungsstelle Angebote für die Verarbeitung und den Umgang mit den Erlebnissen im Dienst. Oftmals helfe jedoch schon das Gespräch mit Kollegen und Vorgesetzten. Hilfreich sei für viele der Polizisten auch der Zuspruch aus der Bevölkerung und der Politik, sowie die vielen positiven Momente und Erlebnisse im Berufsalltag, die grundsätzlich überwiegen würden.

Um die Einsatzkräfte aller Art zu schützen, werden die gewalttätigen Taten gegen Einsatzkräfte aller Art konsequent von der Staatsanwaltschaft und Justiz verfolgt, erklärt Wiebke Baden. Man setze die polizeilichen Maßnahmen konsequent durch und leite in jedem Fall von Gewalt gegen Polizisten ein Strafverfahren ein.

Politik gibt Zahlen für Niedersachsen zu Gewalt gegen Einsatzkräfte

Die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens (SPD) hat kürzlich die Jahresbilanz „Brandschutz, Katastrophenschutz und Rettungsdienst“ vorgestellt. Für das Jahr 2023 gaben sie die Zahlen für „Gewalt gegen Einsatzkräfte“ heraus.

Demnach ist im vorigen Jahr die Anzahl der Gewaltdelikte gegen Einsatzkräfte gegenüber 2022 um einen Fall auf 4467 Fälle gestiegen. Vor allem Polizeikräfte seien betroffen. Im Bereich der Rettungsdienste sei eine Steigerung der Angriffe um rund ein Prozent festgestellt und damit ein neuer Höchststand verzeichnet worden. Bei der Feuerwehr sei ein vergleichsweise starker Rückgang der Angriffe um 25 Prozent festzustellen.

Einsatzkräfte in Niedersachsen erlitten keine tödliche Angriffe

In den vergangenen zehn Jahren sei keine Einsatzkraft in Niedersachsen tödlich durch einen Angriff verletzt worden, heißt es von der Pressestelle der Ministerin Behrens. Trotzdem sei die Anzahl der Angriffe auf Einsatzkräfte auf einem hohen Niveau. Verletzungen durch die Angriffe würden jedoch immer seltener werden.

Behrens sagte, es sei absolut inakzeptabel, diese Menschen bei der Ausübung ihrer so wichtigen Tätigkeiten anzugreifen, während sie sich für die Sicherheit und das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger einsetzen – sei es verbal oder mit körperlicher Gewalt. Die Polizisten seien hervorragend ausgebildet und wüssten, dass es ihre Aufgabe ist, auch in Konfliktsituationen einzuschreiten. Aber auch das habe Grenzen, die nicht überschritten werden dürften.

Schutz von Einsatzkräften soll verbessert werden

Zur Verbesserung des Schutzes der Polizeibeamten würden eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt: Neben der flächendeckenden Einführung von Bodycams werde Priorität auf die persönliche Schutzausstattung für die Beamten gelegt. Außerdem werde die Nutzung geeigneter Führungs- und Einsatzmittel bei der Polizei Niedersachsen regelmäßig auf mögliche Verbesserungen überprüft.

Darüber hinaus würden Nachsorgeangebote für Einsatzkräfte weiter in den Behörden implementiert, heißt es in dem Schreiben. Psychosoziale Notfallversorgung für haupt- und ehrenamtliche Einsatzkräfte (PSNV-E) seien ein Beispiel dafür. Auch die Ausbildung der Feuerwehrkräfte werde mit Blick auf die Themen Deeskalation und Kommunikation angepasst. Die Rettungsschulen in Niedersachsen böten entsprechende Module an. Erfahrungen mit Deeskalationstrainings für den Bereich der Rettungsdienste werden ausgewertet und für eine Ausweitung des Angebots genutzt.

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