Zukunft des Wochenmarktes Warum immer mehr Beschicker Aurich den Rücken kehren
Die Situation für Wochenmarkthändler ist durch Personalmangel, Inflation und andere Einflüsse kritisch. Früher gab es Wartelisten für Beschicker, heute werden sie umworben. Woran liegt das?
Aurich - Die Klage ist quer durch die Republik zu vernehmen: Wochenmärkte kümmern vielerorts vor sich hin. Immer weniger Händler bauen ihre Stände auf, weil etliche in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Immer weniger Kunden kommen zum Einkaufen, weil die Sonderangebote aus den Supermärkten attraktiver erscheinen.
Auch in Aurich ist der Schrumpfungsprozess unübersehbar. Seit Wochen fehlen Pflanzenhändler. Mit der Sommerpause alleine ist das nicht erklärbar. Der Fischhändler Hans-Werner Schulz hat Aurich seit Wochen nicht mehr angefahren. Der beliebte Beschicker Holger Schmidt hat sich für ein Jahr abgemeldet − aus logistischen Gründen. Der Käse- und Nussspezialist aus Westoverledingen will den weiten Weg wegen der Sperrung der Ledabrücke in Leer für Gespanne nicht auf sich nehmen. Doch was ist mit den anderen Händlern? Warum kehren sie Aurich den Rücken? Die Redaktion hat mit einigen von ihnen gesprochen.
Jochen Jakobs fährt den Auricher Markt seit rund vier Monaten nicht mehr an. Der Pflanzenhändler aus Holtrop führt vor allen Dingen finanzielle Gründe für seine Entscheidung an: „Wenn ich an einem durchschnittlichen Markttag mit 500 Euro vom Hof reite, dann ist das einfach zu wenig.“ Er habe sich neue Märkte gesucht. So sei er an drei Tagen in Oldenburg und neuerdings auch freitags in Westerstede. Dort sei die Stadt auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob er nicht ihren Markt beschicken wolle. In Aurich habe er sich im Frühjahr stiefmütterlich behandelt gefühlt. Man habe ihm einen Platz vor dem Eiscafé zuweisen wollen, also quasi in der Fußgängerzone. Da habe er die Reißleine gezogen.
Fokus auf Sondermärkte
Der Pflanzenspezialist Bernhard Ambraß wehrt energisch ab, als die Redaktion wissen will, ob er das ebenfalls gemacht habe. Schließlich war er Ende Mai zuletzt in Aurich: „Ich beschicke den Markt seit 30 Jahren. Ich mache nur eine Pause und komme im nächsten Jahr im März wieder.“ Er habe sich auf Märkte fokussiert, die nur zu besonderen Anlässen stattfinden, etwa die Landpartie in Neustadtgödens. Dort finde er das Publikum, das er für seine hochwertigen Stauden und die anderen Pflanzen benötige.
Auf diesen Life-Style-Märkten habe er schon mehrfach Kunden getroffen, die er vom Wochenmarkt in Aurich kenne. Weil die sich dort nicht mehr mit Ware versorgen könnten, steuerten sie jetzt andere Veranstaltungen an. Ein paar Wochenmärkte versorge er noch, unter anderem den in Lingen, wo die Stadt Konsequenzen aus der derzeitigen Flaute gezogen habe und in den Wochenmarkt investiere. „Dort will man eine Homepage für den Markt an den Start bringen“, berichtet Bernhard Ambraß. Außerdem habe sich eine Interessengemeinschaft Wochenmarkt Lingen als Verein gebildet. Das ist der Zusammenschluss aller Beschicker. Der Vorstand ist Ansprechpartner für die Stadtverwaltung.
Fischhändler hat sich abgemeldet
Auch Fischhändler Hans-Werner Schulz hat anderen Wochenmärkten in der Region den Vorzug vor Aurich gegeben. Die Gründe seien aber geschäftlicher Natur.Er habe in den vergangenen Wochen Personal verloren und finde keine neuen Leute. Jetzt könne er nur noch einen seiner zwei Wagen nutzen. Deshalb habe er eine Auswahl treffen müssen. Er habe sich für die Märkte in Leer, Emden, Weener und Rhauderfehn entschieden. Ganz definitiv sei seine Entscheidung indessen noch nicht: „Ich habe mich Mitte Juli bei der Auricher Marktmeisterin erst mal für sechs Wochen abgemeldet.“
Abgemeldet hat sich auch Reinhard Lodde, und zwar bis Ende August. Der Wochenmarktbeschicker handelt mit Fleisch-Spezialitäten. Wer ein Lammkarree erwerben möchte oder Lust auf ein gut abgehangenes Stück Rinderfilet hat, sucht freitags seinen Stand auf. Er mache derzeit Urlaub, sagte Reinhard Lodde beim Anruf der Redaktion. Dieser Urlaub bezieht sich aber offenbar nur auf Aurich, denn am Donnerstag, 7. August 2024, war er auf dem neu aufgelegten Nachmittagsmarkt in Weener vertreten.
Umsätze sinken bundesweit
Nach Recherchen der Redaktion kaufen Menschen in ganz Deutschland weniger auf Wochenmärkten ein. So gingen die Umsätze der Händler und Händlerinnen 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 6,5 Prozent zurück. Das geht aus amtlichen Statistiken hervor. Damit sanken die Erlöse der Branche deutlich stärker als im gesamten Einzelhandel, der 3,3 Prozent weniger Umsatz verzeichnete.
Wie will die Stadt die Attraktivität des Wochenmarktes steigern? „Wir sind kontinuierlich auf der Suche nach neuen Marktbeschickern, die unser Angebot bereichern sollen. Hierfür nutzen wir verschiedene Kontaktwege, insbesondere soziale Netzwerke und unsere Homepage“, sagte Cord Cordes. Der Sprecher der Stadt verwies darauf, dass dieses Bemühen aktuell von Erfolg gekrönt sei. Bald werde ein Feinkosthändler den Markt ergänzen.
Reiz des Marktes soll erhöht werden
Er verwies darauf, dass einige Marktbeschicker nach dem Stadtfest Mitte August wieder auf dem Wochenmarkt vertreten sein würden, da sie jedes Jahr um das Stadtfest herum Betriebsurlaub nähmen. Um den Reiz des Wochenmarktes zu erhöhen, binde die Stadt verstärkt die umliegenden Geschäfte und Gastronomen in den Wochenmarkt ein.
Marktmeisterin Marina Willms-Bürger führe regelmäßig Gespräche mit den Beschickern und Kunden, um deren Meinungen einzuholen. „Dies ermöglicht uns, ein Gefühl für die Marktattraktivität zu gewinnen und gleichzeitig frühzeitig wertvolles Feedback sowie konstruktive Kritik zu erhalten. So können wir diese Erkenntnisse gezielt in unseren kontinuierlichen Anpassungs- und Verbesserungsprozess integrieren.“