Psycho-Stalker vor Gericht  83-Jähriger fürchtete, vom Nachbarn vernichtet zu werden

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 09.08.2024 15:21 Uhr | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein 42-Jähriger soll viele Jahre lang seine Nachbarn terrorisiert haben. Nun steht er vor Gericht. Foto: Ortgies
Ein 42-Jähriger soll viele Jahre lang seine Nachbarn terrorisiert haben. Nun steht er vor Gericht. Foto: Ortgies
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Im Prozess um einen 42-Jährigen, der seine Nachbarn gestalkt haben soll, kommen jetzt vor dem Landgericht Hintergründe ans Licht. Der Konflikt schwelt schon seit Jahrzehnten.

Aurich - Das Ehepaar, das fast 23 Jahre lang von ihrem Nachbarn in der Auricher Kernstadt terrorisiert worden ist, hatte massive Vernichtungsängste. Wie stark diese Empfindungen waren, wird am Freitag, 9. August 2024, beim zweiten Verhandlungstag im Landgericht Aurich deutlich. Mit großem Fingerspitzengefühl vernimmt Karsta Rickels-Havemann das 83-jährige Opfer. Die Vorsitzende Richterin der 4. Großen Strafkammer lässt den Mann erstmal reden, ohne ihn zu unterbrechen. Aus ihm quillt alles hervor, was sich in vielen Jahren durch Beleidigungen, Bedrohungen, Zerstörung von Eigentum und Nötigung angestaut hat. Das Gericht muss in dem Sicherungsverfahren darüber entscheiden, ob der beschuldigte Nachbar wegen seiner paranoiden Schizophrenie für seine Taten nicht verantwortlich zu machen ist und deshalb dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht wird.

Um den Zeugen zu schützen und ihm den Anblick des Beschuldigten zu ersparen, wird im Gerichtssaal ein Sichtschutz aufgebaut, eine sogenannte spanische Wand. Der 83-Jährige beginnt seine Schilderung chronologisch, erzählt, wie das Nebenhaus um die Jahrtausendwende herum von dem Mann bezogen wurde, der seiner Frau und ihm später das Leben zur Hölle machen sollte. Ursprünglich sei auch eine Frau eingezogen, die nach einigen Monaten ein Kind zur Welt gebracht habe. „Es hat immer wieder Unstimmigkeiten gegeben“, berichtet der Zeuge. Man habe oft lautstarken Streit gehört, wohl auch Prügelgeräusche. Besorgt sei er gewesen, als die Rollläden eines Tages nicht hochgezogen wurden. Er habe die Polizei gerufen. Den Beamten habe er auf deren Bitte hin auch eine Leiter geliehen, damit sie die Rollläden von außen hochschieben konnten. „Es hätte ja sein können, dass Tote darin liegen.“

Der Zeuge hatte massive Ängste

Der 83-Jährige vermutet, dass ihm der Beschuldigte „die Sache mit der Leiter“ niemals verziehen hat. Frau und Baby zogen kurz danach aus. Wann genau die Auseinandersetzungen begonnen haben, wird in dem Prozess nicht deutlich. Das Paar musste üble Beschimpfungen ertragen. Irgendwann steigerte sich die Aggression. Bedrohungen wie „Ich mache dich kalt. Ich engagiere jemanden, der dir für 500 Euro die Fresse poliert“ wurden ausgesprochen. Das war der Jargon des Beschuldigten. „Wir wohnen in der Nähe der ehemaligen Kaserne. 80 Prozent der Menschen, die dort leben, gehen durch unsere Straße. Da sind schon Gestalten dabei“, schildert der Zeuge seine Befürchtungen. Die ehemalige Kaserne dient derzeit der Unterbringung von Flüchtlingen. Der Mann sprach von seiner Befürchtung, der Beschuldigte könne einem der dort zeitweilig Wohnenden Geld geben, damit dieser Gewalt gegen ihn und seine Frau ausübt.

Das Paar hat immer wieder Anzeige wegen der Vorfälle mit dem Nachbarn erstattet. 2015 kam es dann zu einem Prozess vor dem Amtsgericht, in dem verfügt wurde, dass der Mann fünf Jahre lang Medikamente gegen seine psychischen Störungen einnehmen muss. „Danach war tatsächlich Ruhe“, sagt der Zeuge. Der Nachbar habe sogar gegrüßt, seine Hecke geschnitten und das Schnittgut anschließend entsorgt. Als er seine Tabletten abgesetzt habe, sei es zum Rückfall gekommen, auch in handfester Form.

Tür musste repariert werden

Immer wieder soll der 42-Jährige mit Gegenständen um sich geworfen haben, die dann auf den umliegenden Grundstücken lagen. Mal waren es Eier, mal Batterien, dann Kastanien. Zuletzt soll er die Glasscheibe einer Tür des Ehepaares getroffen und beschädigt haben. „Die Rechnung für die Reparatur haben wir vor wenigen Tagen gekriegt. Es waren 625 Euro“, berichtet der Zeuge. Von einem Neukauf der Tür habe man abgesehen. Man wisse ja nicht, ob der Nachbar nicht wieder zuschlägt, falls er entlassen werden sollte.

Diese Vorsicht durchzieht offenbar das ganze Leben des Paares. Wenn sie die Wohnung verlassen haben, dann nicht ohne zu schauen, ob die Luft auch rein ist, sprich der tobende Nachbar nicht in Sicht ist. Wenn sie sich dann in Bewegung gesetzt haben, gaben sie Gas, um ihm nicht doch noch in die Arme zu laufen. „Drei Monate haben wir benötigt, um uns halbwegs wieder zu erholen“, sagt der 83-Jährige. Der randalierende Nachbar war Ende Februar festgenommen worden und lebt seither in einem Maßregelvollzugszentrum in Moringen zwischen Göttingen und Hannover.

Die Verhandlung wird am Freitag, 16. August, um 10 Uhr fortgesetzt. Dann wird unter anderem die Nachbarin vernommen.

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