Tod in Aurich Totschlag durch Frau – das ist ungewöhnlich
Bei Mord und Totschlag sind die Tatverdächtigen in der Regel männlichen Geschlechts. Ein aktueller Fall aus Aurich ist die Ausnahme. Woran liegt das?
Aurich - Eine 63-jährige Auricherin soll ihren 70 Jahre alten Ehemann getötet haben. Die Frau sitzt seit Dienstag, 6. August 2024, wegen des Verdachts des Totschlags in Untersuchungshaft. Über die Hintergründe der Tat, die sich in der Graf-Enno-Straße ereignet hat, ist bislang wenig bekannt. Klar ist allerdings: Weibliche Tatverdächtige sind bei Tötungsdelikten die Ausnahme.
Nach Angaben des Bundeskriminalamtes waren im Jahr 2022 unter den Tatverdächtigen, denen Mord oder Totschlag vorgeworfen wurde, zwölf Prozent weiblichen Geschlechts. Die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund führte in den Jahren 2010 bis 2023 fünf Verfahren wegen Mordes oder versuchten Mordes und zwei Verfahren wegen Totschlags oder versuchten Totschlags gegen Frauen.
Wir werfen ein Schlaglicht auf drei Fälle, in denen Frauen in Ostfriesland wegen Tötungsdelikten verurteilt wurden:
- Am 14. Juni 2015 erdrosselt eine 63-Jährige in Großefehn ihre 95-jährige Mutter in der gemeinsamen Wohnung mit Nylonstrümpfen. Zuvor hat sie ihr durch Faustschläge schwere Verletzungen zugefügt. Das Landgericht Aurich verurteilt die Frau wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und neun Monaten. Dahinter steckt die Geschichte einer Frau, die mit der Pflege der hochbetagten Mutter überfordert ist und ihre Sorgen in Alkohol ertränkt.
- Am 25. Juni 2014 rammt eine 47 Jahre alte Norderin ihrem Lebensgefährten im Streit nach einer Feier in der gemeinsamen Wohnung ein Messer in die Brust. Der 45-Jährige verblutet. Täterin und Opfer sind sturzbetrunken. Das Landgericht Aurich verurteilt die Frau wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Sie ist wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraft. Die Frau leidet an einer extremen Intelligenzminderung und ist schwer alkoholkrank.
- Am 14. August 2010 tötet eine 18-jährige Auricherin in ihrem Elternhaus ihren 20-jährigen Freund durch einen Messerstich ins Herz. Grund: Der Mann wollte sich von ihr trennen. Das Küchenmesser hat sie eigens für die Tat gekauft und in ihrem Bett versteckt. Das Landgericht Aurich verurteilt die Frau wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von achteinhalb Jahren.
Die Psychologin Prof. Dr. Birgitta Stichler (Berlin) befasst sich unter anderem mit Frauenkriminalität. Zu den Gründen für die eklatanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei Mord und Totschlag sagte sie in einem Interview mit dem RBB: „Frauen neigen offenbar eher dazu, Konflikte zu lösen, indem sie die Aggressionen nach innen verlegen, diese unterdrücken oder gegen sich selbst richten. Männer hingegen richten ihre Aggressionen stärker nach außen, greifen andere Personen vorwiegend körperlich an.“
Die Wissenschaftlerin wies außerdem darauf hin, dass Frauen bei Kindesmisshandlung bis hin zur Kindstötung und bei Gewalt gegen Pflegebedürftige als Täterinnen überrepräsentiert seien. Solche Taten geschähen häufig aus einer extremen Belastungssituation heraus. Letztlich sei jedoch jeder Fall einzigartig, und man könne keine pauschal gültigen Aussagen über Frauenkriminalität treffen.