Neustadt am Rübenberge Wie die Belegschaft in einem Malereibetrieb immer bunter wurde
Ulrich Temps ist Chef einer der größten Malereibetriebe in Deutschland und hat „um die 30 Nationen an Bord“. Um so breit und bunt aufgestellt zu sein, musste der Unternehmer viel Geld in die Hand nehmen und gegen Widerstände kämpfen – auch in den eigenen Reihen.
Wäre es nach den damaligen Meistern gegangen, würde Vahid Ghasemi heute nicht bei Temps in Neustadt am Rübenberge arbeiten. „Herr Ghasemi stammt aus Afghanistan“, sagt Ulrich Temps, geschäftsführender Gesellschafter der Temps GmbH Malereibetriebe. Das Familienunternehmen mit insgesamt sechs Firmen in Neustadt (zwei Betriebe), Magdeburg, Brandenburg, Hamburg sowie Peine und zusammen mehr als 520 Mitarbeitern zählt nach eigenen Angaben zu den zehn größten Malereibetrieben in Deutschland.
„Wir holen uns doch nicht die Probleme der Welt ins Haus“: Mit diesem Argument hatten fünf Meister damals die Bewerbung von Vahid Ghasemi unisono abgelehnt. Da hatten sie allerdings die Rechnung ohne ihren Boss Ulrich Temps gemacht. „Wir stellen ihn ein“, entschied er.
Das war vor exakt zehn Jahren. Heute ist Ghasemi so weit, dass er eigene Baustellen von A bis Z begleitet. Er sagt: „Das hier ist die perfekte Firma für mich.“ Der 38-Jährige ist kürzlich Vater geworden, hat zwischenzeitlich die deutsche Staatsbürgerschaft erworben und mittlerweile ein Haus gekauft.
Bei der Erinnerung an den einst etwas holprigen Einstieg von Vahid Ghasemi legt Ulrich Temps großen Wert auf die Feststellung, dass es sich bei den Vorbehalten seiner Meister um die „Denke von damals“ gehandelt habe. „Da hat ein komplettes Umdenken stattgefunden“, betont Temps, dessen Belegschaft heute so bunt ist wie die Welt der Farben, mit denen sie tagtäglich arbeitet.
Syrien, Palästina, Irak, Iran, Montenegro, Armenien, Polen, Kroatien, Tunesien, Ukraine und Deutschland: Allein die mehr als 30 Azubis am Standort Neustadt gehören elf Nationen an, „insgesamt haben wir sogar um die 30 Nationen an Bord“, sagt der Unternehmer Ulrich Temps.
Der drahtige Chef ist heute 66 Jahre alt und dabei, den Betriebsübergang sowie seinen Wechsel in den Ruhestand zum 31. Dezember 2027 einzufädeln. Deutlich früher hatte er damit begonnen, sich die demografische Entwicklung seiner Unternehmensgruppe mal genauer anzusehen. „Das war im Jahr 2012“, erinnert sich Temps und fügt hinzu: „Ich habe damals einen halben Herzinfarkt bekommen.“
„So konnte es nicht weitergehen, wir mussten uns dringend um jungen Nachwuchs bemühen, wenn wir am Markt bestehen wollten“, macht Temps die damalige prekäre Situation deutlich. Gesagt, getan.
Heute investiert das Unternehmen nach eigenen Angaben allein in Neustadt jährlich etwa eine Million Euro in Aus- und Weiterbildung. Dazu gehört nicht nur die Ausbildungsvergütung, sondern vor allem auch die Förderung der Azubis und übrigen Mitarbeiterschaft über das im Jahr 2016 gegründete betriebsinterne Schulungs- und Ausbildungszentrum.
Eigentlich haben die Auszubildenden im ersten Lehrjahr zwei Tage in der Woche Berufsschule und wären drei Tage auf der Baustelle. Bei Temps aber sind die Azubis einen Tag pro Woche im internen Schulungszentrum, um intensiv auf die Prüfungen vorbereitet zu werden. Im zweiten und dritten Lehrjahr kommt wieder ein Praxistag hinzu, weil nur ein Tag Berufsschule ist, die interne „Nachhilfe“ aber bleibt bestehen.
Und um die kümmern sich drei ehemalige Gymnasiallehrer. Einer von ihnen ist Klaus Birkenhagen, der intern im Scherz und aufgrund seiner Fachkenntnisse auch gern mit „Professor Doktor“ angesprochen wird. „Wir haben hier teilweise junge Menschen mit höllischen Schulerfahrungen sitzen“, sagt der 72-Jährige und stellt klar: „Wir machen keine Tests und Prüfungen, sondern wir gehen rein über die Inhalte.“ Mit Erfolg: Bei Temps rasselt kaum mehr ein Azubi durch die Prüfungen.
Auch Birkenhagens Frau Anike hat einen kleinen Job im Unternehmen. Die Juristin hilft den Kollegen in jeder Lebenslage. „Wir haben schon ein paar Einbürgerungen hinbekommen und Abschiebungen verhindert“, sagt sie. Auch bei überteuerten Handyverträgen habe sie schon „so manches Leid gelindert“, betont Ulrich Temps, der sein Engagement mit sozialer Verantwortung begründet, aber ebenso sagt: „Das ist ganz klar auch ein Selbsterhaltungstrieb.“
Dabei verläuft freilich nicht jede Karriere so erfolgreich wie die von Vahid Ghasemi. „Wir können zwar Brücken bauen, aber rübergehen muss jeder alleine“, verdeutlicht Temps, dass seine Azubis schon einen gewissen Eigenantrieb mitbringen müssen. Sei das nicht der Fall, gebe es Hilfestellungen. „Aber nach dem dritten Gespräch ziehen auch wir die Reißleine.“