Hamburg  Hallo, Schwerin? Warum Mecklenburg-Vorpommern der Meyer Werft nicht helfen will

Dirk Fisser, Lars Laue
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Von Dirk Fisser, Lars Laue
| 03.08.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Meyer Werft steckt in der Krise. Nun zeigt sich: Nicht alle wollen Deutschlands größtem Werftenkonzern, der vor allem für seine Kreuzfahrtschiffe bekannt ist, helfen. Foto: dpa/Meyer Werft
Die Meyer Werft steckt in der Krise. Nun zeigt sich: Nicht alle wollen Deutschlands größtem Werftenkonzern, der vor allem für seine Kreuzfahrtschiffe bekannt ist, helfen. Foto: dpa/Meyer Werft
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Die Meyer Werft wird den Sitz ihrer Muttergesellschaft zwar zunächst von Luxemburg nach Rostock verlegen. Mit den Problemen des Schiffbaukonzerns möchte Mecklenburg-Vorpommern aber nichts zu tun haben. Die Ursachen seien in Papenburg zu suchen, heißt es von der Landesregierung.

Mehr als 450 Wörter umfasste die jüngste Stellungnahme der angeschlagenen Meyer Werft: Wortreich erklärte das Unternehmen, wie das nur mühsam zu durchblickende Konzerngeflecht entwirrt werden soll und möglichst viele Bereiche unter dem Dach der „Meyer Neptun GmbH“ zusammengeführt werden sollen.

Wo? Auf jeden Fall nicht länger in Luxemburg. Dort hat der Konzern seit Jahren seinen Sitz. Und erst einmal wohl auch nicht in Papenburg, wo die Wurzeln der Meyer Werft liegen. Neuer Heimathafen wird zumindest vorläufig Rostock, Standort der zur Werftengruppe gehörenden Neptun Werft. Die „Meyer Neptun GmbH“ hat hier in der Werftallee 13 ihren Sitz. Unter deren Dach werden laut Unternehmensmitteilung die Aktivitäten zusammengeführt, ein Umzug der Dachgesellschaft nach Papenburg soll folgen.

Dem Vernehmen nach traf diese Meldung die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern ziemlich überraschend. Die Krise der Meyer Werft war bislang an dem Bundesland weitgehend vorübergegangen, auch wenn einige Hundert Menschen in Rostock über zwei Ecken „für Meyer“ arbeiten. Die Neptun Werft, so heißt es im Umfeld des Unternehmens, stehe schließlich gut da – kein Grund zur Sorge.

Offiziell betonte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums, man sei im Austausch mit dem Unternehmen. Doch spätestens seit der angekündigten Verlagerung drängt sich eine Frage geradezu auf: Der Bund und das Land Niedersachsen suchen seit einigen Wochen gemeinsam mit der Werft nach einer Lösung der Geldprobleme des Konzerns. Berlin und Hannover signalisierten grundsätzlich Bereitschaft, der Werft helfen zu wollen.

Aber was ist eigentlich mit Mecklenburg-Vorpommern?

Dort sieht man offenbar keine Veranlassung, sich an den Hilfen zu beteiligen. Das Wirtschaftsministerium erklärt: „Da die wirtschaftlichen Probleme aus dem Bau der großen Kreuzfahrtschiffe in Papenburg im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie resultieren und auf den niedersächsischen Standort beschränkt sind, bemühen sich gegenwärtig Niedersachsen und der Bund um eine Lösung der dortigen wirtschaftlichen Schieflage.“ Und weiter: „Niedersachsen und der Bund sind bereit und in der Lage, den Konzern in der wirtschaftlichen Schieflage im nötigen Maß zu unterstützen.“

Vorläufig will sich Schwerin also nicht beteiligen. Weder an der Kapitalaufstockung der Werft und dem damit verbundenen Staatseinstieg. Im Gespräch ist hier eine Summe von 400 Millionen Euro, die sich Bund und Niedersachsen aufteilen könnten.

Noch an den staatlichen Bürgschaften, mit denen Kredite abgesichert werden sollen. Hier geht es um Absicherungen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro, die sich Bund und Niedersachsen teilen könnten. In diesem Bereich gebe es das Instrument der sogenannten Rückbürgschaften, bedeutet: Wird eine Bürgschaft fällig, kann der Bürge auf den Rückbürgen zugreifen.

Ein Beispiel: Spätestens in der Corona-Pandemie geriet der Schuh-Konzern HR Group, lange Zeit Mutterkonzern der Marke Reno, in arge finanzielle Schieflage. Niedersachsen erklärte sich bereit, eine Bürgschaft einzugehen. Baden-Württemberg übernahm eine vergleichsweise kleine Rückbürgschaft; im Südwesten befand sich ein großer Logistik-Standort des Konzerns. Das Ausfallrisiko wurde also entsprechend der Bedeutung des Konzerns für die einzelnen Bundesländer verteilt.

Abgesehen vom Ausgang – die HR Group ging tatsächlich Pleite – wäre dieses Modell auch für die Meyer Werft denkbar gewesen: Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern teilen sich das Bürgschaftsrisiko entsprechend der Bedeutung des Konzerns für die beiden Bundesländer. Doch in Schwerin beharrt man nun darauf, dass die Neptun-Werft nicht der Problem-Standort in der Konzernstruktur sei.

Allerdings herrscht nicht nur im Nordosten Deutschlands Zurückhaltung: Der dritte große Standort des Werftenkonzerns liegt in Turku, Finnland. Die finnische Regierung will sich an einem möglichen Hilfspaket offenbar aber auch nicht beteiligen, ergab eine Anfrage unserer Redaktion. Man sei an den Diskussionen um die Meyer Werft nicht beteiligt, heißt es vom Wirtschaftsministerium in Helsinki.

Der Bund und Niedersachsen scheinen also vorläufig alleine dazustehen mit ihren Rettungsbemühungen. Oder wie es Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies im Interview mit unserer Redaktion formulierte: „Momentan fokussieren wir uns auf die Gespräche mit dem Bund. Wir pflegen mit Mecklenburg-Vorpommern durchaus einen inhaltlichen Sachaustausch, aber eben nicht über Fragen der Absicherung etwa durch Rückbürgschaften.“ Und Turku sei wiederum eine völlig eigenständige Werft.

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