Arbeitsmarkt in Ostfriesland Leichte Brise in der Azubi-Flaute
Industrie, Handel und Handwerk verzeichnen ein leichtes Plus bei den Ausbildungsverträgen. Doch die Sorgen sind weiter groß – auch weil sich ab 2025 die Fachkraft-Krise verschärfen wird.
Aurich – Der Fachkräftemangel ist aus Sicht der meisten Betriebe das größte Zukunftsrisiko – noch vor den hohen Energiekosten und der ausufernden Bürokratie. Kein Wunder also, dass der Ausbildung eine wachsende Bedeutung zukommt. Das Problem: Es gibt zu wenige Schulabgänger für die vielen freien Stellen. Zahlreiche Betriebe gehen leer aus. Das zeigt sich deutlich am 1. August. Dann ist in den meisten Unternehmen Start für die neuen Lehrlinge. Eigentlich.
Die Azubi-Flaute bleibt in Ostfriesland ein Problem. Zum Stichtag gibt es dort nach Angaben der Agentur für Arbeit unbesetzte 882 Ausbildungsstellen. 2679 Stellen wurden gemeldet. Das bedeutet, dass rund jede dritte davon nicht besetzt wurde. Insbesondere kaufmännische Berufe, das Hotel- und Gaststättengewerbe und das Handwerk seien betroffen, so die Arbeitsagentur.
Immerhin: Sowohl die Industrie- und Handelskammer Ostfriesland und Papenburg (IHK) als auch die Handwerkskammer für Ostfriesland verzeichnen einen Aufwärtstrend – eine leichte Brise in der Flaute also. „Wir sind seit langer Zeit wieder im Plus bei den Ausbildungsverträgen“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Max-Martin Deinhard im Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber wir sind noch lange nicht damit zufrieden.“
Im Landkreis Aurich Zuwachs im kaufmännischen Bereich
Das „leichte Plus“ beträgt 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt gab es im Bereich Ostfriesland und Papenburg zum Stichtag 1289 neu eingetragene Ausbildungsverhältnisse. Das entspricht einer geringen Verbesserung nach einem laut IHK „drastischen Rückgang“ in den vergangenen zehn Jahren.
Aufwärts geht es etwa im Bereich Handel, in dem 39 mehr Ausbildungsverträge geschlossen wurden als im Vorjahreszeitraum sowie im Hotel- und Gaststättenbereich mit einem Plus von 18 Verträgen.
In anderen Branchen ist der Trend weiter negativ: etwa im Transport und Verkehr mit 25 weniger Azubi-Verträgen als im Vorjahr, Elektrotechnik (14 Verträge weniger) sowie den Banken mit 11 Verträgen weniger. Im Landkreis Aurich registrierte die IHK einen leichten Rückgang bei den gewerblich-technischen Berufen, aber einen Zuwachs im kaufmännischen Bereich.
„Handwerk hat wieder einen höheren Stellenwert“
Ein Plus verzeichnet auch die Handwerkskammer für Ostfriesland in Aurich. Bis Ende Juli sind in den Betrieben 674 Ausbildungsverträge geschlossen worden. Das sind 172 mehr als im Vorjahreszeitraum. Das sei aber eine Momentaufnahme, erläutert Ausbildungsberater Jörg Harms gegenüber dieser Zeitung. Viele Betriebe starten mit ihren Ausbildungen traditionell erst im September, etwa die Frisöre, oder in anderen Monaten.
Der Ausbildungsberater sieht aber einen generellen, wenn auch leichten Aufwärtstrend im Handwerk. „Die Ausbildung hat wieder einen höheren Stellenwert als vor ein paar Jahren. Alle Institutionen tun viel dafür, dass das Thema weiter vorangebracht wird.“
Die Bereitschaft der Betriebe, junge Leute auszubilden, sei weiter groß. Denn der Wirtschaft in Ostfriesland gehe es nicht schlecht, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Deinhard. „Wir sind einigermaßen gut durch die Corona- und die Energiekrise gekommen.“ Doch es mangele schlicht an geeigneten Bewerbern.
Das hat mehrere Ursachen. An erster Stelle steht der demografische Wandel. Auf den Arbeitsmarkt kommen jetzt geburtenschwächere Jahrgänge. Die geringere Zahl verteilt sich ungleichmäßig auf die verschiedenen Berufe. Nicht alle sind bei den jungen Menschen gleich beliebt. Gute Kandidaten haben die große Auswahl. Und nicht alle Bewerber genügen den Ansprüchen der Arbeitgeber. So stehen die 882 freien Stellen in Ostfriesland 723 jungen Leuten gegenüber, die derzeit auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind.
Fachkräfteeinwanderungsgesetz wecke „große Hoffnung“
„Ich rate den Betrieben, auch Bewerbern mit nicht so guten Noten eine Chance zu geben“, sagt Jörg Harms von der Handwerkskammer. „Viele Betriebe gucken auch gar nicht mehr auf den Notenschnitt. Auch junge Leute, die nicht gut in der Schule sind, können gute Auszubildende sein, das zeigt sich immer wieder.“ Aber: „Es gibt Betriebe, die dreimal schlechte Erfahrungen mit einem Azubi gemacht haben und deshalb die Suche aufgeben. Das ist auch nicht die Lösung.“ Da gelte es, hartnäckig zu bleiben und es weiter zu versuchen.
Eine mögliche Erleichterung wird in der Politik in Migration gesehen. Das sogenannte Fachkräfteeinwanderungsgesetz wecke „große Hoffnung“, sagt Max-Martin Deinhard von der IHK. Das Thema sei für den Arbeitsmarkt überaus wichtig. Nur müsse auch wirklich integriert werden – sprachlich und gesellschaftlich. Es genüge nicht, die Menschen ins Land zu bringen und sich selbst zu überlassen, mahnt er.
Ukrainer seien in Ostfriesland bisher kaum ein Faktor. „Die Ukrainer sind für uns schwer zu fassen“, sagt Deinhard. Es ziehe sie offenbar eher in die Ballungsräume als in die hiesige Region.
„Babyboomer“ gehen ab 2025 in Rente
Eines ist klar: Auch wenn in Industrie, Handel und Handwerk ein leichter Aufwärtstrend bei den Ausbildungsverträgen festzustellen ist, ist die Krise noch längst nicht überwunden. Frische Fachkräfte braucht Ostfriesland – und das dringender denn je. Denn ab 2025, also schon im kommenden Jahr, gehen die „Babyboomer“ in steigender Zahl in Rente. Das sind die Menschen, die in den außergewöhnlich geburtenstarken Jahrgängen nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. In den 1950er Jahren kamen durchschnittlich fast doppelt so viele Kinder zur Welt wie in den zehn Jahren danach. Gehen diese Menschen dem Arbeitsmarkt verloren, wird die ohnehin schon weit klaffende Lücke noch größer.