London Verwanzt, verfolgt, beschattet: So skrupellos ist die britische Boulevardpresse
Prinz Harry hat es erlebt, aber auch andere Prominente wie Hugh Grant wurden mutmaßlich Opfer. Jahrelang hat die britische Boulevardpresse Mobiltelefone gehackt, Menschen verfolgt und ausgespäht. Eine Dokumentation des britischen Senders ITV rollt die Skandale um britische Boulevard-Medien seit den 1990er-Jahren auf.
Über seine royale Familie verliert er kaum ein Wort, als Prinz Harry einmal wieder den Weg in die Öffentlichkeit sucht und auf dem Sofa neben der Journalistin Rebecca Barry Platz nimmt. Sein an Krebs erkrankter Vater, König Charles III.? Seine kranke Schwägerin Prinzessin Catherine? Sie waren nur am Rande ein Thema. Sein Fokus war ein anderer und keinesfalls neuer: Prinz Harry und sein ewiger Feldzug gegen die britische Regenbogenpresse. Ein Kampf, für den wohl niemand besser gewappnet sei als er selbst, wie er in dem einstündigen Film des britischen Senders ITV sagt.
Neben dem Royal kamen in der Dokumentation „Tabloids on Trial“, “die Boulevardpresse vor Gericht”, die am späten Donnerstagabend im Königreich ausgestrahlt wurde, auch der britische Schauspieler Hugh Grant und der ehemalige Labour-Premierminister Gordon Brown zu Wort. Sie alle eint der Wunsch nach Gerechtigkeit. Sie waren abgehört, verfolgt und beschattet worden, in einem Fall gab es sogar einen Einbruch. Es ist eine unglaubliche Geschichte mit schockierenden Details.
Die Dokumentation beginnt mit einem Durchbruch für die Opfer. Ein britisches Zivilgericht entschied im Dezember vergangenen Jahres, dass das Telefon von Prinz Harry im Auftrag der „Mirror Group Newspapers“ (MGN) zu der die Zeitung „Daily Mirror“ gehört, gehackt wurde. 15 der 33 Artikel, die im Rahmen der Klage des Prinzen verhandelt wurden, seien das Ergebnis von Telefon-Hacking oder anderen rechtswidrigen Informationsbeschaffungen gewesen.
Darunter war auch ein Bericht aus dem Jahr 2002 mit dem Titel „Harry nahm Drogen“, in dem es darum ging, dass der Prinz mit Freunden in einem Pub Haschisch geraucht haben soll. Dem Royal wurde Schadenersatz in Höhe von umgerechnet über 160.000 Euro zugesprochen. „Ich versuche, Gerechtigkeit für alle zu erreichen“, sagt der 39-Jährige. „Das ist eine David-gegen-Goliath-Situation – die Davids sind die Kläger, und der Goliath ist dieses riesige Medienunternehmen.”
Die Anfänge der Verfolgung durch den Mirror und anderen Blättern, so wird in dem Film deutlich, reichen weit zurück. Spätestens seit den 1990er-Jahren wurden Prominente, aber auch Menschen, die unfreiwillig im Licht der Öffentlichkeit standen, bespitzelt. „Es wurden nicht nur Telefone abgehört. In den Fensterkästen vor dem Haus befanden sich Mikrofone. Es gab Wanzen und Mikrofone in meinem Auto“, erzählt der Schauspieler Hugh Grant, während er auf einem braunen Ledersofa sitzt.
Krankenakten seien gestohlen worden, am vielleicht „spektakulärsten” sei jedoch der Einbruch in seine Wohnung und sein Büro gewesen. Grant hat im Frühjahr bekannt gegeben, dass er eine Klage gegen den Herausgeber der Sun vor dem Obersten Gerichtshof gegen eine „enorme Summe“ beigelegt hat. Der Schauspieler deutet die Zahlung als Schuldeingeständnis.
Schon in den 1990er-Jahren versuchten Betroffene immer wieder, sich Gehör zu verschaffen, doch die erste ernsthafte Aufarbeitung der Machenschaften der Klatschpresse begann erst 2011. Damals führten Telefonhacks zur Einstellung der Boulevardzeitung „News of the World“ des Medienmoguls Rupert Murdoch. Journalisten hatten sich Zugang zur Mailbox der 2002 ermordeten Teenagerin Milly Dowler verschafft und so deren Eltern falsche Hoffnungen gemacht, sie sei vielleicht noch am Leben. Der Fall hatte auch Folgen für die Rechtssprechung: vieles, was früher legal war, ist nun verboten.
Führende Redakteure wurden wegen Verschwörung zum Hacken von Voicemails angeklagt, jedoch nur wenige verurteilt. Und das, obwohl das Abhören von Mobiltelefonen quasi im industriellen Maßstab betrieben wurde, wie ein früherer Mitarbeiter berichtet. Ex-Premier Gordon Brown fordert deshalb, dass die Metropolitan Police die Ermittlungen wieder aufnimmt. In seiner Zeit als Premier- und Finanzminister hätten die Medien unter anderem sein Bankkonto gehackt. „Für mich ist klar, dass man uns nicht die ganze Wahrheit gesagt hat.“
Für Harry, der seine Mutter Diana als vermutlich erstes Opfer von Hacking bezeichnet und sich seit Jahren von der Presse verfolgt fühlt, geht der Kampf weiter. In zwei weiteren Fällen, die die Eigentümer der Sun und der Daily Mail betreffen, sind die Verfahren bisher nicht abgeschlossen. Auf die Frage, was der Royal von der Entscheidung etwa seines Bruders Prinz William halte, nicht wie er öffentlich vor Gericht zu ziehen, antwortet er: Sein Vorgehen gegen die Presse habe „einen Teil der Kluft verursacht”. Harry warf den Royals in der Vergangenheit vor, im Bunde mit der Presse zu stehen, Informationen zu leaken und Geschichten zu lancieren.