Osnabrück/Hamburg/Berlin  Krise der Meyer Werft: „Papenburg ist nicht zu retten“

Burkhard Ewert, Dirk Fisser, Leon Grupe
|
Von Burkhard Ewert, Dirk Fisser, Leon Grupe
| 25.07.2024 16:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Standort der Meyer Werft in Papenburg ist Herzstück des internationalen Konzerns, der in einer tiefen Krise steckt. Foto: dpa/Lars Penning
Der Standort der Meyer Werft in Papenburg ist Herzstück des internationalen Konzerns, der in einer tiefen Krise steckt. Foto: dpa/Lars Penning
Artikel teilen:

Mensch, Meyer! Das Papenburger Traditionsunternehmen steckt in der größten Krise seiner langen Geschichte. Damit die Werft nicht untergeht, soll und muss die Politik helfen. Aber will sie das überhaupt? Wer sich umhört, erhält unverblümt skeptische Prognosen.

Es war endlich mal wieder eine positive Nachricht, die die Meyer Werft nach den vielen negativen Schlagzeilen der vergangenen Wochen vermelden konnte: Das Unternehmen sei grundsätzlich sanierungsfähig und – das klang mit durch – könne die aktuelle Krise mit entsprechender Hilfe des Staates überstehen, hieß es aus Papenburg. Den entsprechenden Befund hatte nicht irgendwer erhoben, sondern der renommierte Wirtschaftsprüfer Deloitte, dessen Mitarbeiter das Unternehmen derzeit durchleuchten.

Das optimistische Signal aus Papenburg basiert auf einem Zwischengutachten der Analysten. Was genau in dem Papier steht, wissen nur wenige, denn die Werft will es nicht veröffentlichen. Die Landesregierung in Hannover aber ist eingeweiht. Sie spielt bei der Rettung des Unternehmens eine entscheidende Rolle und scheint den Papenburger Optimismus zu teilen.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kommentierte etwa: „Die Meyer Werft ist zukunftsfähig.“ Sein Wirtschaftsminister und Parteikollege Olaf Lies befand, die Ergebnisse lieferten die Grundlage dafür, das Unternehmen in den kommenden drei Jahren „wieder wettbewerbsfähig am Markt zu machen.“

Die traditionsreiche Meyer Werft steckt in existenzbedrohenden Schwierigkeiten. Obwohl es genug Arbeit gibt, fehlen dem Unternehmen gut 2,8 Milliarden Euro. Die riesige Finanzierungslücke hat mehrere Gründe: Nachwehen aus der Corona-Pandemie, als weltweit Kreuzfahrtschiffe im Hafen bleiben mussten. Gestiegene Materialkosten. Fehler im Management.

Es geht auch um 400 Millionen Euro an frischem Eigenkapital, das die Werft benötigt, um weiter an Kredite zur Vorfinanzierung zweier Schiffsneubauten zu kommen. An dieser Stelle kommt der Staat ins Spiel, denn ein privater Investor ist bislang nicht in Sicht. Ein Staatseinstieg sei die „überwiegend wahrscheinliche Variante“, hieß es kürzlich dazu von der Werftleitung, zumindest so lange, bis das Unternehmen die Krise überstanden habe. 2027 wird als Zeithorizont genannt.

So viel Geld! So große Risiken! Für das prinzipiell hilfsbereite Niedersachsen allein ist das zu viel. Der Bund soll unterstützen.

Unsere Redaktion hat in den vergangenen Tagen mit zahlreichen Entscheidern aus Berlin gesprochen. Das Ergebnis: In der Hauptstadt teilt man den norddeutschen Optimismus nicht bedingungslos. Mehr noch: Vielerorts gibt es Skepsis darüber, ob und wie der Werft im äußersten Westen von Niedersachsen geholfen werden soll. Nicht nur unter Abgeordneten ohne Bezug zur maritimen Wirtschaft, auch unter küstenkundigen Politikern.

Wirtschaftlich sei es am sinnvollsten, heißt es etwa, wenn sich Meyer ausschließlich auf die weiteren Standorte im finnischen Turku und in Rostock konzentriere. In diesem Szenario wäre Turku alleinig für den Kreuzfahrtmarkt zuständig und Rostock für das Spezialgeschäft. Die Werft in der Ostseestadt könne zudem als Zulieferer wertvoller Teil eines deutschen Werftenverbunds sein, der auch von Rüstungsaufträgen profitiere.

Dass hingegen der Bau von Kreuzfahrtschiffen in Papenburg dauerhaft wettbewerbsfähig bleibe, daran zweifeln die Skeptiker im politischen Berlin. Sie gehen nicht davon aus, dass sich die Bedingungen künftig verbessern.

Zum einen wegen der geografischen Lage der Werft, an der Ems im niedersächsischen Binnenland gelegen, 50 Kilometer von der Nordsee entfernt. Zum anderen wegen der wirtschaftlichen Vorteile der globalen Konkurrenten – sie befinden sich in staatlicher Hand oder werden massiv subventioniert.

Und da sich die Meyer Werft in der Vergangenheit immer mal wieder im Krisenmodus befand, sei kaum anzunehmen, dass die Zukunft besser laufen werde. Das Umfeld für großindustrielle Arbeitgeber in Deutschland werde schließlich eher schwieriger statt einfacher.

Auf zwei weitere hemmende Faktoren wird verwiesen. So brauche eine seriöse und rechtlich saubere Prüfung etwaiger staatlicher Hilfen Zeit. Diese steht der Meyer Werft nur bedingt zur Verfügung. Man müsse sich schließlich am Ende auch rechtfertigen, sagt ein Bundestagsabgeordneter. Vor den Wählern, vor dem Bundesrechnungshof und vielleicht am Ende auch vor Gerichten. Da wolle gut geprüft und überlegt sein, ob und wie geholfen wird. Es wird auf Corona-Hilfen verwiesen, bei denen das nicht immer der Fall gewesen sei. Und ohnehin seien die Zeiten vorbei, wo der Staat großzügig unter die Arme greifen konnte.

Noch komplizierter wird es, falls Beihilfen von der EU-Kommission genehmigt werden müssen – und davon gehen alle Gesprächspartner aus. Die Zustimmung aus Brüssel sei aktuell eher unwahrscheinlich. Andernorts in der EU gebe es ebenfalls leistungsfähige Werften, so die Einschätzung einiger Insider.

Was hingegen fest steht: Bei allem Optimismus in Hannover und Papenburg nach dem Zwischengutachten ist die Zukunft der Werft noch lange nicht gesichert. Womöglich ganz im Gegenteil. So hört man aus für gewöhnlich gut informierten Berliner Kreisen die bittere Prognose: „Papenburg ist nicht zu retten.“ Der Bund könne nicht am Leben erhalten, was nicht lebensfähig sei.

Doch in Berlin gibt es auch jemanden, der von einer Zukunft der Meyer Werft überzeugt ist: Olaf Scholz. Bei der traditionellen Sommer-Pressekonferenz am Mittwoch erklärte der Kanzler, das Thema habe „Top-Priorität“. Er glaube daran, dass der Schiffbauer weitere Aufträge erhalte und „voll wettbewerbsfähig“ bleibe. „Also eine gute Ausgangsbedingung, um etwas dafür zu tun, dass die Werft weitermachen kann“, so Scholz.

Eine Zuversicht, die auch Olaf Lies teilt. Niedersachsens Wirtschaftsminister hält die Skepsis im Berliner Politikbetrieb für absurd. „Bund, Land und die Werft-Verantwortlichen arbeiten daran, Lösungen für die Standorte in Papenburg und Rostock zu finden“, sagte der SPD-Mann unserer Redaktion. Ohne die Werft in Papenburg sei der Bedarf an Kreuzfahrtschiffen nicht zu bewältigen. Er gab aber auch zu: „Wir haben noch Arbeit vor uns.“

Am Freitag kommen in Hannover der Haushalts- und Wirtschaftsausschuss zusammen. Die Parlamentarier unterbrechen ihren Urlaub. Olaf Lies und Finanzminister Gerald Heere von den Grünen unterrichten die Abgeordneten über die Bemühungen zur Rettung der Meyer Werft. Dem Vernehmen nach ist mit einem Durchbruch allerdings nicht zu rechnen.

Ähnliche Artikel