Osnabrück  Ab sofort „Frittenfett“: Peter Dördelmann will trotz Negativerlebnis nur noch Klimadiesel tanken

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 21.07.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Seit April kann in Deutschland ein neuer Klimadiesel getankt werden: HVO25 und HVO100 sind aber noch weitgehend unbekannt. Ein Mann aus Niedersachsen will zeigen, dass jeder Dieselfahrer etwas fürs Klima tun kann.

Eigentlich hätte Peter Dördelmann allen Grund, zu sagen: „Lasst mich bloß in Ruhe mit dem Öko-Sprit-Quatsch.” Vor Jahren hat er seinen alten VW Golf 4 eine Zeit lang mit Biodiesel betankt. „Das hat fürchterlich gestunken”, sagt der selbstständige Unternehmer. „Meine Kunden haben sich beschwert, dass es nach Pommes roch, wenn ich mit meinem Vertriebsauto vorgefahren bin.”

Pommes ist das Stichwort: Denn aus Frittenfett und anderen ölhaltigen Abfällen wird auch der neue Kraftstoff HVO gewonnen. Am Auspuff duftet es aber längst nicht mehr nach Imbiss. Branchenexperten setzen große Hoffnungen in den Öko-Diesel. Auch wenn dieser noch nicht in größeren Mengen produziert werden kann, etwa um alle deutschen Dieselfahrer zu versorgen, kann der pflanzliche Diesel schon heute einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten – nicht zuletzt, weil er zum Umdenken anregt.

Neben dem Gestank eines früheren Rapsöl-Diesels hat Peter Dördelmann damals auch etwas noch Gravierenderes festgestellt: „Der Motor war damit nicht mehr rund gelaufen.” Für die Kausalität könne er bürgen, er hat es lange genug ausprobiert. „Das lag am Biosprit, das Auto war damit auch nicht so leistungsfähig wie sonst.” Inzwischen hat der Golf weitgehend ausgedient und Dördelmann legte sich 2022 einen VW Touran zu.

Damals ahnte er noch nicht, wofür das Kürzel “XTL” steht, das alle VW-Dieselmodelle ab Baujahr 2022 im Tankdeckel tragen. Die Industrie wusste da schon längst, dass die Entwicklung von HVO die Serienreife erlangt hat – im April 2024 erfolgte schließlich die Zulassung in Deutschland. Das „X“ im Kürzel steht für alle möglichen Stoffe, aus denen sich der Treibstoff herstellen lässt, das „TL“ für „to liquid”, also verflüssigt.

Dördelmanns Touran kann problemlos damit betankt werden. Seit seine Stammtankstelle den Kraftstoff als HVO25-Beimischung anbietet, tut der Wallenhorster das auch. Dass er aktuell fünf Cent pro Liter dafür mehr zahlt, interessiert ihn nicht. Er sagt: „Ich möchte meinen Beitrag für den Klimaschutz leisten.“ Seinen Realverbrauch gibt er nach mehreren Testmonaten mit 5,3 Litern auf 100 Kilometer an – genauso viel wie zuvor.

„Seit dem 22. April hat mein Auto keinerlei Leistungsverlust”, sagt Dördelmann. Er findet sogar, es laufe stabiler als mit herkömmlichem Diesel. HVO25 hat einen pflanzlichen Anteil von 33 Prozent. Damit sind CO2-Einsparungen bis zu 25 Prozent möglich. Weil es weniger sperrig klingt, hat sich hierfür die Bezeichnung Klimadiesel25 durchgesetzt. Er kann von allen Dieselfahrzeugen ganz ohne Umrüstung genutzt werden.

Mit HVO 100, auch Klimadiesel90, lassen sich bis zu 90 Prozent CO2 reduzieren. Damit ist der Sprit fast vollständig klimaneutral. In Dördelmanns Nähe bietet das bis dato nur eine Tankstelle an: Die Q1 in Osnabrück. Er will es ausprobieren und hat hinsichtlich der Technik „keine Befürchtungen“.

Pioniere wie Dördelmann sind aber nicht der Regelfall. Den meisten Autofahrern dürften HVO25 und HVO100 trotz Markteinführung im April noch unbekannt sein. Eine Nachfrage bei der Q1-Pächterin zeigt, dass von einem „Andrang” bislang keine Spur ist. Sie sagt: „Der letzte Kunde, an den ich mich erinnern kann, war letzte Woche hier.” Ob es an den zehn Cent Aufpreis liegt? „Wer weiß“, sagt sie.

Bei der HVO25-Tankstelle in Bramsche ist Ähnliches zu hören. „Die ersten 20.000 Liter sind hier zwar schon durch die Schläuche geflossen”, sagt Betreiber Peter Neumann von der BFT. „Aber es ist noch Luft nach oben.”

Er will so früh wie möglich mit seiner Konkurrenz aus der Nachbarstadt gleichziehen. „Aber das ist nicht so einfach”, erklärt er. Für die Umrüstung auf HVO100 müssen neue Leitungen und Anschlüsse zu den Zapfsäulen verlegt werden. Mit der Fertigstellung rechnet er „Ende 2024”.

„Um sofort die CO2-Emissionen zu bremsen, ist HVO genau das Richtige”, sagt Neumann. Es sei schließlich besser, wenn jeder seinen Diesel - am besten mit HVO - so lange wie möglich fahre, statt sich zum Beispiel ein neues E-Auto zu holen. Laut einer Studie hätten Elektroautos erst ab einer Laufleistung von etwa 90.000 Kilometern eine bessere Ökobilanz als vergleichbare Verbrenner.

Weil es unter Dieselfahrern aber viele Menschen gebe, denen umweltbewusstes Fahren wichtig sei, glaubt BFT-Betreiber Neumann, dass die Mehrkosten für HVO letztlich nicht über alles entscheiden. Er verweist auf die Abfallwirtschaftsgesellschaft des Landkreises Osnabrück, dessen Fahrzeuge zum Teil schon heute mit HVO betrieben werden. Und Neumann ergänzt: „Ein gewerblicher Stammkunde von mir hat seine Mitarbeiter angewiesen, hier nur noch Klimadiesel zu tanken”, sagt Peter Neumann.

„Der Vorteil bei uns in der Kleinstadt ist, dass sich so etwas schnell herumspricht und auch andere dadurch ins Grübeln kommen.” Der rüstige Bramscher Pächter bekommt mit, dass immer mehr Autohersteller Einzelfreigaben für ältere Modelle erteilen, und hofft, „dass sich das weiter fortsetzt“. Zudem glaubt Neumann, dass sukzessive immer mehr seiner Dieselkunden auf HVO aufmerksam werden und bereit sind, die geringen Mehrkosten in Kauf zu nehmen. Das gute Gewissen sei schließlich unbezahlbar.

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