Berlin  Ralf Schumacher: Hassnachrichten nach Coming-out – was triggert diese Menschen?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 19.07.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nachseinem Coming-out ist Ralf Schumacher im Internet mit offenem Hass konfrontiert. Foto: IMAGO/ABACAPRESS
Nachseinem Coming-out ist Ralf Schumacher im Internet mit offenem Hass konfrontiert. Foto: IMAGO/ABACAPRESS
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Ralf Schumacher und sein Freund sind nach ihrem Coming-out mit offenem Hass konfrontiert. Seine Ex-Frau Cora Schumacher erhält Beleidswünsche. Ein Expertengespräch über homophoben Hass und seine Triggerpunkte.

Unter den Instagram-Fotos, mit denen Ralf Schumacher und sein Freund ihre Beziehung öffentlich machen, findet man viele Herzchen und Glückwünsche. Aber auch Kommentare wie diese:

Nicht nur bei Ralf Schumacher fließt die Homophobie in die Kommentarspalten. Auch auf dem Account seiner Ex-Frau Cora Schumacher wird die Beziehung übergriffig diskutiert, hier in Form von Beileidsbekundungen. Unter einem Video, in dem Schumacher sichtlich zufrieden ein Motorboot steuert, wird sie als „gebrochene Frau“ bemitleidet, die „belogen“ und „tyrannisiert“ worden sei – weil ihr Ex-Mann mehr als neun Jahre nach der Scheidung einen Mann liebt.

Welche Triggerpunkte berührt Schumachers spätes Coming-out? Darüber haben wir mit Kerstin Thost vom Lesben- und Schwulenverband LSVD gesprochen.

Frage: Kerstin Thost, nach Ralf Schumachers Coming-out wird sein Instagram-Account mit homophoben Beleidigungen geflutet. Seine Ex-Frau wird mit Beileidsbekundungen behelligt. Triggert ein spätes Bekenntnis die Menschen besonders?

Antwort: Offenbar fühlen diese Fans sich hintergangen. Paradoxerweise dürften gerade ihre eigenen Vorbehalte ein Grund dafür sein, dass Menschen sich spät offenbaren. Es gibt in der Gesellschaft noch keine hundertprozentige Akzeptanz queeren Lebens, es gibt immer noch Vorurteile und auch Gewalt. Wer sich von Ralf Schumacher belogen fühlt, sollte sich also fragen: Was fühlt ein Mensch, der seine Beziehung bislang lieber im Verborgenen leben wollte? Wenn die Reaktionen auf Ralf Schumacher besonders extrem ausfallen, liegt es sicher auch am Beruf: Im Profi-Sport spielen traditionelle Männlichkeitsbilder eine große Rolle.

Frage: Offenbar fällt es vielen Menschen schwer, ihrem Star eine Entwicklung zuzugestehen. Wieso ist das so?

Antwort: Die Sexualität ist ein Prozess, bei dem man sich selbst kennenlernt und das lebenslang und nicht nur als junger Mensch. Für viele ist das schwer zu akzeptieren. Das ist das eine Problem. Das andere ist der Anspruch, überhaupt über die Sexualität meines Idols Bescheid zu wissen. Das betrifft queere Menschen besonders. Niemand erwartet ein Bekenntnis von heterosexuellen Stars zu ihrer Sexualität. Darin drückt sich immer noch die Unterscheidung aus, wonach es eine „normale“ Sexualität gibt und eine „andere“. Von Ralf Schumacher wissen wir allerdings nicht mal, ob er überhaupt eine Entwicklung gemacht hat und ob er sich über die Zeit erst über seine Zugehörigkeit zur LSBTIQ*-Community bewusst wurde oder sie aus Angst der Queerfeindlichkeit bewusst verschwieg.

Ralf Schumacher und sein Partner werden unter Istagram-Fotos wie diesem homophob geschmäht:

Frage: Ein Coming-out aus einer heterosexuellen Beziehung heraus ist sicher besonders schwer, weil es für den Partner mit einer Kränkung verbunden sein kann. Was raten Sie Menschen in dieser Situation?

Antwort: Es gibt keine Patentlösung. Betroffene erzählen uns, dass es in jedem Fall anders läuft. Bei vielen ist auch nach dem Coming-out eine Freundschaft möglich. Und viele Partner sind erleichtert und dankbar für die Offenheit – schon weil sie beiden den Weg freimacht, das Glück in einer neuen Beziehung zu suchen. Ein Coming-out ist allerdings keine bewusste Kränkung einer Person, sondern vor allem ein Bekenntnis zu sich selbst.

Unter diesen vergnügten Bildern von Cora Schumacher kondolieren Fans wegen einer angeblichen „Lebenslüge“:

Frage: Ist es überhaupt richtig, die Konstellation als queere Besonderheit einzuordnen? Dass die Lust auf den Partner aufhören kann, erleben doch auch heterosexuelle Paare. Dazu braucht es keine schwule Selbstfindung.

Antwort: Stimmt und das ist wichtig anzuerkennen, dass queere Menschen nicht die einzigen sind die ihre Sexualität entdecken, die Entwicklungen wahrnehmen und ihre sexuelle Selbstdarstellung nach außen verändern. Das gibt es in vielen Biografien, egal ob queer oder heterosexuell. Und auch die gesellschaftlichen Erwartungen betreffen alle Beziehungskonstellationen. Denken Sie an all die heterosexuellen Paare, die nach außen an ihrer Ehe festhalten, obwohl sie längst neue Partner oder Partnerinnen haben.

Frage: Senken die Sozialen Medien die Hemmung, homophobe Ressentiments zu äußern?

Antwort: Wir merken, dass die Leute in den Kommentarspalten ihre Queerfeindlichkeit offener, drastischer und enthemmter äußern. Das hat sich auch über die letzten Jahre massiv gesteigert. Und je enthemmter sich Queerfeindlichkeit offenbart, desto schwerer fällt es queeren Menschen, offen zu leben, sich online zu zeigen und am politischen Diskurs teilzunehmen. Es ist wichtig, dass diese Queerfeindlichkeit jedoch nicht nur als Online-Problem behandelt wird, sondern auch der Bezug zur gestiegenen Hasskriminalität auf der Straße deutlich wird: aus Online-Kommentaren können Taten werden.

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