Berlin Meyer Werft in großer Not: Am Papenburger Standort wird nicht gerüttelt
Die Rettung der angeschlagenen Meyer Werft läuft auf Hochtouren, gestaltet sich aber schwierig. Klar ist: Das Land Niedersachsen will helfen. Klar ist auch: Eine Verlagerung des kostspieligen Standorts wird es nicht geben.
Wie kann die Meyer Werft stabilisiert werden, damit sie nicht untergeht? Diese Frage beschäftigt seit Wochen eine Armada aus Sanierungsexperten, Politikern und Gewerkschaftern. Der Papenburger Schiffbauer hat in seiner knapp 230 Jahre alten Geschichte zwar schon einige Krisen überstanden, aber so schlimm wie heute war es noch nie.
Dabei mangelt es nicht an Aufträgen. In der Kreuzfahrtbranche gehört Meyer zu den größten und innovativsten Adressen der Welt. Erst vor wenigen Tagen reiste Seniorchef Bernard Meyer nach Tokio, wo er einen Vertrag mit der Oriental Land Company unterzeichnete. Das japanische Unternehmen hat ein neues Kreuzfahrtschiff bei der Meyer Werft bestellt. 2028 soll der Ozeanriese ausgeliefert werden.
Der Termin in Tokio, 9000 Kilometer von der Heimat entfernt, muss wohltuend für Bernhard Meyer gewesen sein. Endlich produzierte sein Unternehmen, das der Patriarch in sechster Generation führt, mal wieder positive Schlagzeilen. Doch auch die täuschen nicht über die desaströse Lage hinweg, mit der die Werft zu kämpfen hat.
Die Meyer Werft braucht dringend Geld. Insgesamt knapp 2,8 Milliarden Euro bis 2027, damit in Papenburg die Produktion der Kreuzfahrtriesen weiterläuft. In der Branche sitzen die Reedereien am längeren Hebel. Sie zahlen 20 Prozent der vereinbaren Kaufsumme an, die restlichen 80 Prozent fließen erst, wenn die Schiffe ausgeliefert werden. Den mehrjährigen Bau müssen die Werften selbst finanzieren. Dazu fehlen der Meyer Werft aber jegliche Reserven.
Bislang weiß niemand, woher eine Geldspritze kommen könnte. Damit das Unternehmen überhaupt noch Kredite erhält, muss das Eigenkapital um mehrere Hundert Millionen Euro erhöht werden. Doch private Investoren scheinen bislang kein Interesse zu signalisieren. Seit Wochen geht es nun darum, ob das Land Niedersachsen und der Bund einspringen, um die Werft mit Mitteln aus der öffentlichen Hand zu retten. Zuletzt gab es immerhin einen Hoffnungsschimmer: Wirtschaftsprüfer haben der Werft ein positives Gutachten bescheinigt. Die Prognose zur wirtschaftlichen Perspektive ist allerdings nur vorläufig. Die finale Version soll im September vorliegen.
Niedersachsen will der Werft großzügig helfen, zum Beispiel mit einer Bürgschaft. Das Land ist jedoch darauf angewiesen, dass der Bund mitzieht, der eigene Bürgschaftsrahmen reicht für dieses Jahr nicht aus. Eine staatliche Beteiligung ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. Aber damit wird offenbar deutlich weniger geliebäugelt. Auf jeden Fall knüpft die Politik Ansprüche an die Geschäftsführung. Inzwischen hat das Unternehmen zugesagt, seinen Sitz von Luxemburg nach Deutschland zurückzuverlegen. Auch einen mitbestimmenden Aufsichtsrat soll es künftig geben.
Doch bei der Frage, wie die Traditionswerft überleben kann, lohnt auch der Blick auf die Landkarte. Papenburg liegt im Binnenland und hat den südlichsten Seehafen Deutschlands. Von dort müssen die Luxusliner knapp 50 Kilometer durch die schmale und flache Ems zur Küste überführt werden. Der Standort der Meyer Werft ist historisch gewachsen, das Unternehmen ist tief in der Region verwurzelt. Er ist aber auch ein kostspieliger Nachteil, der höchst umstrittene Eingriffe in die Natur erfordert. Land und Bund haben laut „NDR“ seit 2005 schon über eine Milliarde Euro in die Werft gesteckt. Davon entfallen allein 400 Millionen auf die Begradigung und Vertiefung der Ems.
In Rostock und im finnischen Turku, wo die anderen Werften der Meyer-Gruppe liegen, ist die Situation nicht vergleichbar. Hier sind die Wege zur offenen See jeweils viel kürzer. Doch in den Gesprächen zwischen Unternehmen, Bund und Land wird der Standort in Papenburg nicht infrage gestellt. Die Suche nach einer Geldspritze, heißt es aus informierten Kreisen, solle nicht durch unnötige Umzugs-Debatten belastet werden.
Für Heiko Messerschmidt, Bezirkssekretär der IG Metall Küste, hat Papenburg einen entscheidenden Vorteil. „Hier ist das Know-how vorhanden, um Kreuzfahrtschiffe in Serie zu bauen.“ Ähnlich äußern sich andere Branchenkenner. Außerdem habe das Unternehmen strukturelle Probleme, leide unter den Folgen der Corona-Pandemie und der Inflation. An der aktuellen Krise sei der Standort nicht Schuld.
„Papenburg mag wegen der Entfernung zur offenen See nicht ideal sein“, räumt Messerschmidt ein, „aber die Werft kann sich nicht einfach einen neuen Standort aussuchen.“ Einen Umzug könne sich die Werft gar nicht leisten. Und wohin? Die Infrastruktur um die Werfthallen, in denen die gewaltigen Kreuzer gefertigt werden, seien in Küstennähe nirgends vorhanden.
Politisch ist eine Verlagerung der Meyer Werft heute kein Streitthema mehr. Das war mal anders. Anfang der 90er-Jahre forderten die niedersächsischen Grünen das Unternehmen auf, an die Außenems nach Emden zu ziehen. Eine weitere Flussvertiefung sollte so verhindert werden. Wenige Jahre später beschloss der damalige Ministerpräsident Gerhard Schröder den Bau eines Sperrwerks. Das besänftigte die Gemüter.
Die Anlage staut das Wasser in der Ems auf, damit die immer größer werdenden Kreuzfahrtschiffe mit ihrem starken Tiefgang in die Nordsee bugsiert werden können. Doch die zahlreichen Eingriffe haben dazu geführt, dass die Flut mehr Schlick in den Fluss presst, als die Ebbe wieder ins offene Meer hinaustragen kann. Und wo viel Schlick ist, ist wenig Leben. Regelmäßig muss die Ems von den Sedimenten, die auch die Fahrrinne verstopfen, befreit werden. Die Baggerarbeiten verschlingen jährlich mehrere Millionen Euro.
Naturschutzverbände wie WWF Deutschland schütteln heute noch den Kopf über den Werftstandort. Zwar stimmten sie 2015 dem „Masterplans Ems“ zu, der den vor sich hin sterbenden Fluss sanieren und die ökologischen Interessen von Meyer berücksichtigen soll. Auch soll das Sperrwerk künftig so gesteuert werden, dass weniger Schlamm in die Ems getragen wird. Doch sie geben nicht auf. Die Meyer Werft, so ihre Hoffnung, könnte ja eines Tages doch noch flussaufwärts nach Emden ziehen.