Wildeshausen  Clan-Vermögen oder Sippenhaft? Wenn die Polizei Shisha-Pfeifen einkassiert

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 14.07.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bei einem Shisha-Laden in Niedresachsen wurden rund 4.000 Artikel als mögliches „Clan-Vermögen“gepfändet. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Bei einem Shisha-Laden in Niedresachsen wurden rund 4.000 Artikel als mögliches „Clan-Vermögen“gepfändet. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
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Im kleinen Wildeshausen sind die Behörden einem Clan auf der Spur, dessen Mitglieder im größeren Stil mit Drogen gehandelt haben sollen. Ebenfalls im Fokus: Ein Shisha-Laden. Unsere Redaktion hat sich vor Ort umgesehen.

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass in diesem Geschäft etwas passiert sein muss. Mehrere Regale sind leer. „Wir räumen gerade um“, sagen die Mitarbeiter dann normalerweise schulterzuckend. Stimmt aber nicht.

Die Ware steht verpackt in einer Ecke des Ladens. Es handelt sich um etwa 4.000 Produkte, darunter Shisha-Pfeifen, E-Vapes und Aromenfläschchen im Gesamtwert von etwa 60.000 Euro. Auf den Kartons prangt das Pfandsiegel der Polizeiinspektion Delmenhorst. Gepfändet, aber stehengelassen. „Die Polizisten haben hier vier Stunden gesessen, um die Ware einzukassieren“, sagt ein hochgewachsener Mann in weißen Kapuzenpullover und mehreren Schlüsseln am Band vor der Brust hängend.

Er stellt sich als Betreiber des Geschäftes vor, seinen Namen will er vorerst aber nicht öffentlich lesen. Denn er und sein Geschäft stehen derzeit im Fokus der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Osnabrück, die sich mit Clan-Kriminalität auseinandersetzt.

Schon im Februar geriet die niedersächsische Kleinstadt Wildeshausen deswegen in den Blick der Öffentlichkeit. Die Polizei durchsuchte insgesamt sieben Wohnungen allein in Wildeshausen, nahm 80.000 Euro Bargeld, Fahrzeuge, Waffen und Datenträger mit. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt einen 32-jährigen Mann, zusammen mit anderen Marihuana und Kokain verkauft zu haben.

Er und drei weitere Männer sind mittlerweile unter anderem wegen des bandenmäßigen Handelns mit Drogen in 30 Fällen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft sprach schon im Februar von einem „bedeutenden Schlag gegen die Clan-Kriminalität“. Clan-Kriminalität in Wildeshausen? Das mag kaum einer glauben, weder auf der Straße noch im Rathaus.

Die Drogen wurden laut Anklage hauptsächlich in Bremen und Wilhelmshaven verkauft. Ein halbes Jahr hatten die Beamten zuvor verdeckt gegen Mitglieder der Familie ermittelt.

„Wenn die so gut ermittelt haben, müssten sie wissen, dass ich damit nichts zu tun habe“, sagt der Inhaber des Shisha-Ladens. 34 Jahre ist er alt, lebt beinahe sein ganze Leben in Wildeshausen, machte sich mit dem Laden vor einigen Jahren selbstständig.

Ein kurzer Blick zur Ladentür, drei Kunden sind gerade reingekommen, ein kurzer Gruß. „Hier stecken meine ganzen Ersparnisse drin.“ Man möchte dem selbstständigen Kaufmann die Geschichte des tüchtigen, aber schikanierten Unternehmers gerne abkaufen. Er spricht von guten Umsätzen, zeigt sich gegenüber Mitarbeitern und Kunden kumpelig, seine Geschichte klingt schlüssig.

Doch es ist eben seine Version der Geschichte. Und nicht die der Ermittler. In einem Punkt sind beide Seiten jedoch einig. Der hauptverdächtige mutmaßliche Drogenhändler ist wirklich mit ihm verwandt. Viel mehr aber auch nicht, sagt der 34-Jährige.

Rund 70 Mitglieder der Großfamilie mit kurdischen Wurzeln leben nach seinen Worten in Wildeshausen, seien gut integriert und würden einer normalen Arbeit nachgehen. Bei den meisten stand die Polizei im Februar vor der Tür. „Wegen ein oder zwei schwarzen Schafen werden wir alle verdächtigt“, sagt der Ladenbetreiber.

Schon im Februar waren die Beamten in seinem Geschäft. Anfang Juli kehrten sie zurück. Denn während er selbst im Gespräch seine Unschuld beteuert, kamen die Ermittler offenbar zu einem anderen Verdacht. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft könnte seine Waren und sien Vermögen aus den kriminellen Handlungen seiner Verwandten stammen.

Deshalb froren die Beamten Anfang des Monats einen Teil seines Vermögens ein. Den sogenannten Vermögensarrest beziffert die Staatsanwaltschaft auf 232.000 Euro. Da so viel nicht vorhanden war, wurde gewissermaßen alles von Wert einkassiert. Neben Bargeld, zwei Fahrzeuge und eben die teuren Waren. Das alles zusammen ergibt einen Wert von über 100.000 Euro.

Für den selbstständigen Kaufmann ist das eingefrorene Vermögen nervenzehrend.  „Ein Auto gehört meiner Frau, das ist unsere Familienkutsche. Das andere ist ein geleaster Firmenwagen. Der ist noch nicht mal abbezahlt!“

Aus der Kasse hätten die Beamten nur das Kleingeld da gelassen, neben dem Geschäftskonto auch die Konten seiner Kinder gepfändet. Kann das alles wirklich nur ein Kollateralschaden sein, weil er den falschen Familiennamen trägt? Obwohl die Ermittler schon seit vergangenem September and dem Fall dran sind? „Das ist einfach diskriminierend“, ruft sein Mitarbeiter vom Verkaufstresen herüber.

Daran denkend, wird der sonst eher beherrschte Ladeninhaber ausfällig: „Die wollen mich auf gut Deutsch ficken.“ Mit Ausnahme der Wortwahl hat er damit gar nicht mal Unrecht: Seit einigen Monaten fährt die Zentralstelle zur Bekämpfung krimineller Clanstrukturen der Staatsanwaltschaft Osnabrück die Strategie, möglichst schnell Statussymbole und weiteres Vermögen zu beschlagnahmen.

Sofern der Verdacht besteht, dass es dank krimineller Handlungen angehäuft werden konnte. So etwas tue den Menschen der Strategie nach mehr weh als das Gefängnis. Im Falle des Wildeshausener Ladenbesitzers tut es weh, mit gepfändeter Ware und Konten macht er derzeit kaum Umsätze. Es gehe um seine Existenz, betont er.

Aus Antworten der Staatsanwaltschaft geht hervor, dass gegen den 34-Jährigen und zwei weitere Familienmitglieder ebenfalls in einem separaten Verfahren ermittelt wird. Details wurden nicht genannt.

Zur frühen Nachmittagszeit betritt ein junger Mann im Deutschland-Trikot das Geschäft. Am Abend wird die deutsche Fußballnationalmannschaft Spanien im EM-Viertelfinale treffen. „Gehts du zum Public Viewing“, fragt der Ladeninhaber den Kunden. Kopfschütteln. „Ich glaube, ich gehe auch nicht“, murmelt der 34-Jährige dann mehr zu sich selbst.

Bei aller kämpferischer Trotzigkeit: Die erneuten Durchsuchungen haben ganz offensichtlich Spuren hinterlassen. Er schäme sich, habe keine Lust auf die Blicke. Wildeshausen hat rund 19.000 Einwohner, sein Geschäft liegt nahe der Innenstadt. Klar hätten einige mitbekommen, dass bei ihm wieder mal die Polizei war.

Der Kunde im Deutschland-Trikot gehört allerdings nicht dazu. „Was ist denn hier passiert?“, fragt er auf die leeren Regale deutend. Der Inhaber erzählt ihm seine Version. „Na ja, ist aber besser, als wenn sie nichts tun würden“, sagt der junge Kunde verbindlich. Am Ende werde die Unschuld ja doch bewiesen.

Der Inhaber lächelt gequält, nickt aber. Doch doch, das Rechtssystem sei in diesem Land ja schon ganz ordentlich. Seine Anwälte sind bereits an den Ermittlungen dran. „Ich hab Kinder und ein gut laufendes Geschäft. Ich bin doch nicht so blöd und drehe jetzt krumme Dinger“, brummt er.

Wann er die Kartons in der Ecke wieder auspacken darf, weiß er nicht. „Die Polizisten werden es sicherlich nicht für mich tun“, sagt er und muss unweigerlich lachen. Bei allem Ärger: Er freue sich schon auf den Tag, wenn die Ermittlungen gegen ihn eingestellt werden. Dass der Tag kommen wird, daran hat er keinen Zweifel.

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