Hamburg Dark Eagle, Tomahawk und SM-6: Was sie können und wie sie Deutschland sicherer machen
Die USA werden ab 2026 Tomahawk-Marschflugkörper und Langstreckenraketen in Deutschland stationieren. Schon ist wieder von „Wettrüsten“ die Rede – doch was können die Waffen eigentlich und wie könnte Russland reagieren?
Die Ankündigung am Rande des Nato-Gipfels, dass die USA Langstreckenraketen vom Typ SM-6 sowie Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland stationieren werden, ist eingeschlagen wie ein Taurus. Aus Moskau kamen sofort bedrohliche Töne, in Deutschland meldete sich Sahra Wagenknecht mit Kritik, das böse Wort des „Wettrüstens“ macht wieder die Runde. Doch was bedeutet die Stationierung und was können die Waffen eigentlich?
Das Wichtigste zuerst: Bei allen drei vom Weißen Haus genannten Waffentypen handelt es sich um konventionelle Waffen und nicht um Atomwaffen. Sie werden nicht der Bundeswehr übergeben, sondern bleiben unter Kontrolle der US Army, stationiert werden sie vermutlich in Wiesbaden und beim 56th Artillery Command in Mainz-Kastel.
Marschflugkörper vom Typ „Tomahawk“ kamen erstmals bei der Operation „Desert Storm“ im ersten Golfkrieg zum Einsatz. Sie haben eine Reichweite von mehr als 2000 Kilometern, also deutlich mehr als der deutsche „Taurus“, und können somit Ziele in Russland erreichen. Der 5,56 Meter lange Marschflugkörper wird üblicherweise von Kriegsschiffen aus gestartet, kann aber über entsprechende Vorrichtungen auch landgestützt abgefeuert werden. Ähnlich wie der deutsche „Taurus“ ist auch der „Tomahawk“ in der Lage, im Tiefflug sein Ziel zu erreichen. So bleibt er für gegnerischen Radar oft länger unentdeckt.
Die SM-6 ist eine Boden-Luft-Rakete, die zur Bekämpfung von Flugzeugen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen eingesetzt wird. Sie wird ebenfalls vom „Tomahawk“-Hersteller Raytheon produziert und soll auch gegen Hyperschallraketen einsetzbar sein. Raytheon bewirbt die Rakete als „3-in1“-Modell: Sie kann demnach zur Flugabwehr, zur Bodenabwehr und zur Abwehr ballistischer Raketen eingesetzt werden. Ihre genaue Reichweite ist geheim, es wird von mehr als 350 Kilometern ausgegangen.
Der „Dark Eagle“ ist noch in der Entwicklung, soll aber ab 2026 ebenfalls in Deutschland stationiert werden. Dabei handelt es sich um eine Hyperschallrakete, deren Gefechtskopf sich in einer bestimmten Höhe von der Rakete trennt und dann ins Ziel gleitet. Das macht die voraussichtliche Flugbahn für den Gegner weniger berechenbar.
Überraschend ist die Stationierung der Waffensysteme in Deutschland nicht. „Die Stationierung ist seit Jahren vorgesehen, aber die Signalwirkung des jetzigen Communiqués soll eine klare Botschaft gegenüber Russland sein“, sagt Severin Pleyer, Nuklearexperte und Wissenschaftsoffizier an der Helmut Schmidt Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg. „Die Langstreckenraketen heben die Kosten für eine mögliche Aggression der Russischen Föderation deutlich an“, so die Einschätzung des Experten.
Mit den Marschflugkörpern und Raketen können Ziele tief in Russland getroffen werden, insbesondere Logistik und Kommandozentren sind damit bedroht. „Das bedeutet eine größere Unwägbarkeit für die Russische Föderation Falle eines Krieges“, sagt Militärexperte Pleyer im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Flugkörper heben zudem die Schwelle eines nuklearen Einsatzes während eines Konfliktes deutlich an. Somit reduziert sich die Gefahr eines niedrigschwelligen Einsatzes durch die Russische Föderation.“
Pleyer weist außerdem auf die effektive Lücke der Nato im Bereich der taktisch-operativen Nuklearwaffen hin. „Diese Lücke wird nun mit konventionellen Waffensystemen geschlossen.“ Eine Nachrüstung mit nuklearen Waffen sei weit teurer und liege in ferner Zukunft, so der Experte.
Severin Pleyer rechnet damit, dass Russland wohl „in den nächsten Wochen“ eine neue, deutlich schärfere Nukleardoktrin vorlegen wird. Das aber liege nicht an den aktuellen Stationierungsplänen, sondern an der konventionellen Unterlegenheit der russischen Streitkräfte insgesamt. „Nukleare Wirkmittel sind ohnehin Teil der Russischen Operationspläne im Falle eines Krieges mit der Nato“, so der Experte – unabhängig davon, was hier stationiert wird oder nicht.