Wirtschaft in Papenburg  Meyer Werft in der Krise – so wurde ihr früher schon geholfen

Gerd Schade
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Von Gerd Schade
| 12.07.2024 06:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Raus aus der Stadtmitte: Dieses Foto zeigt die Meyer Werft 1976 im Industriehafen Süd. Foto: Archiv Meyer Werft
Raus aus der Stadtmitte: Dieses Foto zeigt die Meyer Werft 1976 im Industriehafen Süd. Foto: Archiv Meyer Werft
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Die Meyer Werft in Papenburg steckt in einer existenziellen Krise und braucht finanzielle Hilfe – nicht zum ersten Mal. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Unterstützung, direkte und indirekte.

Bürgschaften, Emsvertiefung, Sperrwerk: Damit die trotz guter Auftragslage derzeit ums Überleben kämpfende Meyer Werft weiter in Papenburg Kreuzfahrtschiffe bauen und die Ozeanriesen in die Nordsee manövrieren kann, ist das mehr als 225-jährige Unternehmen immer wieder auf Hilfe angewiesen gewesen. Ein Rück- und Überblick.

Der Auszug aus der Stadt: Ein kurzer „politischer Frühling“ im Kalten Krieg zwischen der damaligen Sowjetunion und den USA machen es 1974 möglich, dass der heutige Seniorchef Bernard Meyer und sein Vater Joseph-Franz den bis dato größten Auftrag der Firmengeschichte an Land ziehen: sechs Gastanker für die UdSSR. „So große Schiffe hatten wir noch nie gebaut“, erinnerte sich Bernard Meyer anlässlich seines 50-jährigen Arbeitsjubiläums 2023.

Weil die Tanker jedoch mit 20,50 Meter nicht durch die Bahnbrücke passen, beschließt das Unternehmen den Umzug in den Industriehafen. Ein wirtschaftlich gewagtes Unterfangen in Zeiten der Ölkrise, aber die Stadt Papenburg und der damalige Landkreis Aschendorf-Hümmling ebnen den Weg. 18 Monate später stehen die Grundzüge der neuen Werft. Zudem wird die Seeschleuse, die derzeit mit mehreren Millionen Euro von Land, Landkreis Emsland und Stadt grundsaniert wird, auf 26 Meter verbreitert.

Ein Umzug der Werft an die Nordseeküste, der später auch von Teilen der Politik immer wieder gefordert wird, kommt schon damals nicht infrage. Bernard Meyer: „Der Sprung ganz nach Emden war uns zu groß, wir brauchten ja unsere Fachkräfte.“

Mehr Tiefgang: Auch auf Initiative der Landesregierung wird die Ems 1985 auf 5,70 Meter vertieft. Davon profitiert die Werft, denn so kann sie ihr erstes Kreuzfahrtschiff, die „Homeric“, ohne Probleme durch den Fluss manövrieren. 1991 und 1993 wird abermals gebaggert, für einen Tiefgang bis zu 6,80 Meter. Stark umstritten war Mitte der 90er auch die Ausbaggerung für die später von Queen Elizabeth II. getaufte „Oriana“, das damals größte in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff.

Gezielter Stau: Nicht zuletzt durch den damaligen emsländischen Landrat Hermann Bröring (CDU) maßgeblich vorangetrieben, wird ab 1998 gebaut und vier Jahre später eröffnet das zeitweise heftig umstrittene Emssperrwerk bei Gandersum nahe Emden. Es soll nicht nur vor Sturmfluten schützen, sondern kann auch die Ems aufstauen – mit einem weiteren Nutzeffekt für die Meyer Werft: Sie kann fortan Schiffe bis zu 8,50 Meter Tiefgang auf die 40 Kilometer lange Passage zur Nordsee schicken. Die Luxusliner aus Papenburg werden immer größer.

Nach einem Vergleich vor dem Bundesverwaltungsgericht verpflichtet sich das Land, neun Millionen Euro für die „Verbesserung der ökologischen Gesamtsituation zur Verfügung zu stellen“. Den klagenden Naturschutzverbänden reicht das nicht. Sie erklären die Ems auch in den folgenden Jahren wiederholt für tot. „Todesursachen“: begradigt, vertieft, befestigt.

Dauerkosten: Vor Inbetriebnahme des Sperrwerks wird die Ems regelmäßig ausgebaggert. Dasselbe gilt bis heute für den Hafen in Papenburg, damit er tidebedingt nicht dauerhaft verschlickt. Das kostet die Stadt jährlich Millionen, hilft aber der gesamten Hafenwirtschaft, die nach Angaben der Verwaltung mehr als 20 Betriebe mit über 4000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten umfasst. In der Corona-Krise beteiligt sich das Land mit neun Millionen Euro an den Baggerkosten.

Friesenbrücke: Die durch eine Frachterkollision Anfang Dezember 2015 zerstörte Friesenbrücke bei Weener wird für rund 200 Millionen Euro mit einer Hub-Dreh-Technik neu gebaut. Damit kann die Bahnbrücke ebenfalls den Weg frei für Meyer-Schiffe machen. Die alte Brücke verfügte über eine Klappfunktion, die aber die Durchfahrt von Kreuzfahrtschiffen nicht möglich machte. Bei jeder Emspassage musste ein Kran ein Mittelstück der Brücke herausheben.

Masterplan Ems 2050: Ebenfalls lange stark umstritten ist der sogenannte Masterplan Ems 2050, der 2015 verabschiedet wird. Kein Wunder, soll er doch den Spagat schaffen, die ökologischen Bedingungen im Fluss zu verbessern und die ökonomische Infrastruktur (Schifffahrt, Häfen, Werften) zu sichern. Vertragspartner sind unter anderem die Meyer Werft, Naturschutzverbände, Bund, Land, die Landkreise Emsland und Leer. Geschlossen wird die Vereinbarung angesichts des Zustandes der Flüsse auf Drängen der Europäischen Union. Hauptproblem der Ems bleibt die Verschlickung.

Höhere Masten: Zwischen Papenburg und der Gärtnersiedlung Halte (Stadt Weener) soll die Hochspannungsleitung über der Ems deutlich erhöht werden – und zwar so, dass die Durchfahrtshöhe für Meyer-Ozeanriesen auf 65,70 Meter über dem höchsten schiffbaren Wasserstand steigt. Das sind zehn Meter mehr als bisher.

Die Meyer Werft braucht wegen der Gefahr der Strom­übertragung auf Metallteile der Kreuzfahrtschiffe einen Sicherheitsabstand zu den Hochspannungsleitungen. Bislang erfolgt die Montage der Abgasrohre, die noch über die Schornsteine der Schiffe hinausragen, vorsichtshalber erst nach der Ems-Überführung. In der Vergangenheit mussten die Leitungen zeitweise abgeschaltet werden.

Straßenverlegung: Zum zweiten Mal seit Ende der 1990er-Jahre wird voraussichtlich ab Dezember 2024 ein Teil der K158 verlegt, die direkt an der Werft vorbeiführt. Geschätzte Kosten: 28 Millionen Euro.

Beim ersten Mal ging es konkret um Erweiterungsmöglichkeiten für die Werft, Hauptgrund diesmal ist laut Landkreis eine Erhöhung der Verkehrssicherheit für die Straße, über die Prognosen zufolge in den kommenden Jahren rund 20.000 Fahrzeuge pro Tag rollen. Papenburgs Bürgermeisterin Vanessa Gattung (SPD) hält die Verlegung aber auch unerlässlich für die gewerbliche Weiterentwicklung „unter anderem des Gesamtsystems Hafen mit der Meyer Werft und dem Seehafen“. 

Bürgschaften: Diese Form der Kreditsicherung hat es für die Meyer-Gruppe, zu der auch Werftstandorte in Rostock und Turku (Finnland) mehrfach gegeben – zuletzt 2023 durch die Länder Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Letztere beispielsweise beträgt 80 Millionen Euro und gewährt den Bau neuer Flusskreuzfahrtschiffe.

Mehr als doppelt so hoch ist eine Bürgschaft des Landes Niedersachsen aus dem vergangenen Frühjahr, die einen 350-Millionen-Euro-Überbrückungskredit der Meyer Werft absichert. Die Landesregierung sprach in diesem Zusammenhang von einem „gängigen Instrument der Wirtschaftshilfe“.  

Auch für den Standort Turku gab es finanzielle Unterstützung durch den finnischen Staat. 

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