Osnabrück  Kampf gegen Ärztemangel: Erste hybride Hausarztpraxis startet im Landkreis Osnabrück

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 15.07.2024 09:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Linus Drop (links) ist Geschäftsführer des Osnabrücker Start-ups „Lillian Care“, das im Oktober mit der ersten „hybriden Hausarztpraxis“ im Landkreis Osnabrück starten will. Jan-Felix Simon (rechts) übernimmt ab Mitte Juli die Verantwortung für den Aufbau aller Standorte von „Lillian Care“. Foto: André Havergo
Linus Drop (links) ist Geschäftsführer des Osnabrücker Start-ups „Lillian Care“, das im Oktober mit der ersten „hybriden Hausarztpraxis“ im Landkreis Osnabrück starten will. Jan-Felix Simon (rechts) übernimmt ab Mitte Juli die Verantwortung für den Aufbau aller Standorte von „Lillian Care“. Foto: André Havergo
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Wenn sich das Modellprojekt durchsetzt, könnte es ein Meilenstein für die Gesundheitsversorgung im Landkreis Osnabrück sein: Ab Oktober startet die erste hybride Hausarztpraxis in Fürstenau. Wie das innovative Pilotprojekt den Ärztemangel bekämpft und die Patientenversorgung verbessert.

Im Landkreis Osnabrück steht ein wegweisendes Projekt kurz vor der Umsetzung: Die erste hybride Hausarztpraxis, initiiert und betrieben vom Osnabrücker Start-up Lillian Care, wird voraussichtlich im Oktober dieses Jahres in Fürstenau eröffnen. Bekannt ist, dass es schon jetzt zu wenig Hausärzte für unsere Region gibt. Das Problem wird sich in den kommenden Jahren angesichts der bevorstehenden Ruhestandswelle von Hausärzten noch verschärfen.

Problematisch ist die hausärztliche Versorgung aktuell bereits beispielsweise im insgesamt rund 41.000 Einwohner großen Bereich der Städte Quakenbrück und Fürstenau, sowie der Gemeinden Badbergen, Berge, Bippen, Menslage und Nortrup. Bei 22 niedergelassenen Hausärzten liegt der Versorgungsgrad dort nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) bei 90 Prozent. Aktuell fehlen in diesem Gebiet des Nordkreises somit schon jetzt fünf Hausärzte. Im gesamten Landkreis Osnabrück gibt es laut KVN aktuell einen Bedarf für statistisch 23,5 Hausärzte. 

Das innovative Praxiskonzept des Osnabrücker Start-ups kombiniert traditionelle ärztliche Betreuung mit modernen digitalen Ansätzen, um die medizinische Versorgung in der Region zu verbessern. Linus Drop ist Geschäftsführer und einer der drei Gründer des Start-ups. Er hebt die Bedeutung dieses neuen Ansatzes hervor: „Das Projekt der hybriden Hausarztpraxen wird einen maßgeblichen Beitrag zur Bewältigung des Ärztemangels leisten.“

Die vorgesehene Pilot-Praxis in Fürstenau wird derzeit umgebaut. Sie befindet sich in der Bahnhofstraße 15 im ersten Obergeschoss und wird laut Drop voraussichtlich Ende August fertiggestellt sein, um im Oktober den Betrieb aufnehmen zu können. In der Arztpraxis wird es – wie sonst auch üblich – medizinische Fachangestellte und Behandlungszimmer geben.

Der wichtigste Unterschied ist aber: Wenn telefonisch oder online ein Termin ausgemacht wird, wird zunächst abgeklärt, ob die Behandlung durch einen Arzt stattfinden muss, ob sie auch durch einen Arztassistenten erfolgen kann oder ob vielleicht auch eine Videosprechstunde ausreicht.

Im Konzept der hybriden Hausarztpraxen werden die Arztassistenten als „Physician Assistants“ (PAs) bezeichnet, die gemeinsam mit Ärzten arbeiten und durch digitale Technologien unterstützt werden, um eine effiziente Patientenversorgung zu gewährleisten. „Ein PA kann Routineaufgaben und die Erstbetreuung übernehmen, während der Arzt sich auf komplexere Fälle konzentriert und die finale medizinische Verantwortung trägt“, erläutert Drop. Das gilt sowohl für die Diagnose als auch die Behandlung.

Dennoch: Die kürzere Ausbildungszeit – sechs bis sieben Semester – zum Arztassistenten ist ein wesentlicher Bestandteil der Strategie, den Ärztemangel zu bekämpfen. Im Kontrast dazu braucht ein Allgemeinmediziner elf Jahre, bis er als Hausarzt eingesetzt werden kann. Das Studium dauert in der Regel sechs Jahre, bis man es nach dem praktischen Jahr mit dem zweiten Staatsexamen abschließen kann. Anschließend folgt die Facharzt-Ausbildung, die noch einmal fünf Jahre dauert.

Diese strukturierte Arbeitsweise in der Pilotpraxis ermögliche es Ärzten, mehr Patienten zu betreuen, ohne die Qualität der Versorgung zu beeinträchtigen, wie der Gesundheitsexperte herausstellt. Für das Start-up Lillian Care markiert die Eröffnung der ersten hybriden Hausarztpraxis in Fürstenau laut Drop den Beginn einer bedeutenden Initiative zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung im Landkreis Osnabrück.

„Unser Ziel ist es, durch innovative Praxismodelle wie diese die medizinische Versorgung in unterversorgten Gebieten nachhaltig zu stärken“, fügt Jan-Felix Simon, Geschäftsführer der OHA Osnabrück Healthcare Beteiligungs GmbH, hinzu. Die Gesellschaft hat sich im vergangenen Jahr an Lillian Care beteiligt und gehört zum Osnabrücker Start-up-Zentrum Osnabrück Heathcare Accelerator (OHA), das sich um Start-ups in der Gesundheitsbranche kümmert. In beratender Funktion unterstützt Simon auch den Aufbau des Lillian-Care-Standorts Fürstenau.

Neben der verbesserten Zugänglichkeit zur Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten sieht Gründer Drop weitere Vorteile des hybriden Modells: „Es schafft attraktive Arbeitsplätze für Arztassistenten, medizinisches Personal und fördert eine höhere Berufsattraktivität, ohne Schichtdienste, was möglicherweise mehr Fachkräfte in die Region zieht.“

Finanziert wird das Projekt in der Anfangsphase vorerst durch private Investitionen, da das neue Gesundheitsversorgungsgesetz, das bessere Abrechnungsmöglichkeiten für Hausärzte vorsieht, erst 2025 in Kraft tritt. Mit der geplanten Eröffnung im Oktober dieses Jahres in Fürstenau setzt das Projekt der hybriden Hausarztpraxen ein wichtiges Zeichen im Kampf gegen den Ärztemangel im Landkreis Osnabrück.

Und es soll nicht die letzte Lillian-Care-Praxis gewesen sein. Linus Drop und Jan-Felix Simon erwarten, dass dieses innovative Modell nicht nur lokal, sondern auch überregional als Wegweiser für zukünftige Gesundheitsinitiativen dienen könnte, die ähnliche Herausforderungen angehen müssen. Schon 2025 soll es – nicht nur in der Region Osnabrück, sondern bundesweit – zehn Praxen des Osnabrücker Start-ups geben.

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