Liebe in Ostfriesland Verliebt, verlobt, verheiratet – und das mit 80
Die Liebe kommt, wenn man sie am wenigsten erwartet: Diese Erfahrung haben Gerhard Bruns und Christel Hoppe aus Aurich gemacht. An seinem 80. Geburtstag haben sie sich das Jawort gegeben.
Aurich - Sie wirken wie frisch verliebt. Gerhard Bruns und Christel Hoppe sitzen aneinandergekuschelt in ihrem Wintergarten in Aurich-Sandhorst. Sie geben sich Küsschen und schmusen, auch vor der Kamera. So etwas erlebt Fotograf Klaus Ortgies nur selten, wenn er Menschen um die 80 ablichtet. Bei Bruns und Hoppe ist alles ein bisschen anders. Die beiden lernten sich im Rentenalter kennen, nachdem das Schicksal zugeschlagen hatte und sie keine neue Liebe erwarteten.
Es kam anders. An Gerhard Bruns‘ 80. Geburtstag haben sie sich in der Andreaskirche in Plaggenburg das Jawort gegeben. Das war am 6. August 2023. 50 Gäste waren dabei, der älteste 96, der jüngste anderthalb Jahre alt. „Wir trafen uns, als wir uns nicht suchten“, sagt Bruns. „Wir haben uns kennengelernt, als wir es am wenigsten erhofften.“ Diese beiden Sätze hat er auf einem Zettel notiert, so wichtig sind sie ihm.
Mit 36 Jahren Witwe
Rückblende: Im Mai 2010 buchte Christel Hoppe eine Busreise nach Südtirol. Sie wohnte damals im Norder Ortsteil Süderneuland und hatte anderthalb Jahre zuvor ihren langjährigen Lebensgefährten durch eine Krebserkrankung verloren. Es war der zweite Mann, den sie begraben musste. Bereits 1981, im Alter von 36 Jahren, war die gebürtige Castrop-Rauxelerin Witwe geworden. 1974 war sie mit ihrem Mann nach Ostfriesland gezogen. Sie hat keine Kinder und keine Verwandten in der Region. „Da habe ich mir gesagt: Du musst unter Leute. Die kommen ja nicht zu dir.“ Eine neue Liebe habe sie jedoch nicht gesucht, betont sie – zumal Männer in ihrem Alter ja immer jüngere Frauen wollten, wie sie damals annahm. „Und einen Jüngeren wollte ich nicht.“
Mit dieser Grundstimmung setzte Hoppe sich in Norden in den Reisebus. Der Busfahrer hatte andere Pläne. „Du bleibst mir aber nicht allein sitzen“, sagte er. In Aurich stieg ein groß gewachsener Mann zu, Gerhard Bruns. Diesem wies der Busfahrer den Platz neben Hoppe zu. Bei beiden hielt sich die Begeisterung in Grenzen. „Ich hab mich so schmal gemacht“, sagt Hoppe und deutet mit einer Geste an, wie sie sich an den äußersten Rand des Sitzes quetschte. Bloß keine Berührung mit dem Fremden riskieren. „Jetzt muss ich neben der sitzen“, habe er gedacht, sagt Bruns. Auch er hatte 2008 seine Frau durch eine schwere Krankheit verloren. Von Bekannten hatte er sich zu der Busreise überreden lassen.
„Einen Mann will ich nicht“
Weil beide höfliche Menschen sind, stellten sie einander vor. Hoppe sagte gleich dazu, dass sie Witwe sei: „Aber einen Mann will ich nicht. Ich will für keinen mehr Wäsche waschen und Strümpfe stopfen.“ Nachdem das geklärt gewesen sei, habe sie sich entspannt, sagt die 79-Jährige rückblickend. „Wir waren uns auf Anhieb sympathisch.“ Sie habe sich dem Witwer aus Aurich und dessen mitreisenden Bekannten angeschlossen. In der Gruppe habe man sich gut verstanden und den kompletten Urlaub zusammen verbracht. Im Hotel habe man am selben Tisch gesessen und am Ende Telefonnummern ausgetauscht.
Nach dem Urlaub habe sie mit ihrer Schwester telefoniert, erinnert sich Hoppe. Sie habe den neuen Bekannten erwähnt und gesagt: „Wir haben uns gut verstanden. Ich glaube aber nicht, dass der sich meldet.“ Das Telefonat war kaum beendet, da klingelte es an der Tür. „Da steht er mit einer Rose in der Hand“, sagt Hoppe und lächelt. Bruns, von Beruf Landwirt, habe gesagt, er wolle sich das Land angucken, das man mit der Spitzhacke bearbeiten muss – eine Anspielung auf den Kleiboden in Süderneuland.
„Du musst es deinen Kindern sagen“
Von da an waren die beiden unzertrennlich. Gleich im ersten Jahr verkaufte Hoppe ihr Haus und zog zu Bruns nach Sandhorst. Sie wollte klare Verhältnisse. „Du musst es deinen Kindern sagen“, habe sie ihrem Liebsten gesagt. Die beiden Söhne und die Tochter des Aurichers waren zu diesem Zeitpunkt längst erwachsen und freuten sich mit ihrem Vater. „Es klappte vom ersten Tag an“, sagt Bruns. Seine Frau habe durch ihn etwas bekommen, das ihr bis dahin gefehlt habe: eine eigene Familie. Dazu gehören mittlerweile vier Enkel und zwei Urenkel. Sie nennen Hoppe selbstverständlich Oma.
Am meisten fasziniert ist das Paar von der Vertrautheit, die von Anfang an da gewesen sei. „Wir sagen nichts, aber wir haben im Grunde die gleichen Gedanken“, sagt Bruns. Selbst die eigenen Kinder hätten bezweifelt, dass sich die beiden nicht schon vorher gekannt hatten. Sie hätten keine Probleme gehabt, sich im fortgeschrittenen Alter noch einmal auf einen neuen Partner einzustellen, sagen beide. „Wir mussten uns nicht verbiegen.“ Die gemeinsame Erinnerung an die verstorbenen Partner gehöre dazu. Deren Todesdaten lägen nur einen Tag auseinander. Man pflege gemeinsam die Gräber, besuche sie an jedem Geburtstag und jedem Hochzeitstag.
Heiratsantrag am Valentinstag
Das Paar hat miteinander schwere Zeiten gemeistert. Bruns hatte große gesundheitliche Probleme, überstand unter anderem eine Krebserkrankung. „Wir machen alles gemeinsam“, sagt der 80-Jährige. Sogar eine Kur hätten sie zusammen verbracht, außerdem viele weitere gemeinsame Urlaube. Unter anderem in Südtirol – dort, wo alles begann.
Als sie schon mehr als ein Jahrzehnt zusammen waren, kam Bruns das Thema Heirat in den Sinn. Am Valentinstag 2023 machte er ihr einen Antrag. „Er fragte mich“, erinnert sich Hoppe. Sie habe mit einer Gegenfrage geantwortet: „Hast du die Kinder gefragt?“
Offiziell sind Bruns und Hoppe kein Ehepaar. Sie haben nur kirchlich geheiratet, nicht standesamtlich. Das hat finanzielle Gründe. Hoppe bekäme sonst keine Witwenrente mehr. Dieser wenig romantische Gedanke ändert nichts an ihren romantischen Gefühlen füreinander. Für sie besteht kein Zweifel: Sie werden den Rest ihres Lebens miteinander verbringen. In ihrem Alter müsse man jeden Tag genießen. „Wir verstehen uns einfach“, sagt er, und sie antwortet: „Das Vertrauen ist einfach da.“