Hamburg  Sternenkind-Fotografin über ihren ersten Einsatz: „Die Fruchtblase lag noch schützend um das Kind“

Ankea Janssen
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Von Ankea Janssen
| 09.07.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sternenkindfotografen machen das erste und letzte Bild eines verstorbenen Kindes. Foto: Dein Sternenkind Stiftung
Sternenkindfotografen machen das erste und letzte Bild eines verstorbenen Kindes. Foto: Dein Sternenkind Stiftung
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Manchmal endet das Leben schon vor oder kurz nach der Geburt. Denise Snieders ist eine sogenannte Sternenkindfotografin und fängt den Moment des Abschiednehmens ein. Hier erzählt sie von einem.

Der Verlust des eigenen Kindes ist eine der schlimmsten Erfahrungen, die Eltern machen können. Sterben Babys bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt, ist Denise Snieders zur Stelle.

Die 31-jährige Emsländerin aus Twist ist eine sogenannte Sternenkindfotografin und damit eine von über 600 ehrenamtlichen Fotografen, die für die Stiftung „Dein Sternenkind“ tätig ist. Erst vor wenigen Monaten hat sich Snieders für diese herausfordernde Aufgabe entschieden. Hier berichtet sie von ihrem ersten Einsatz*.

Es war der 12. Juni 2024 und ich saß gerade im Büro, als der Alarm auf meinem Handy ertönte. Die Stiftung „Dein Sternenkind“ arbeitet mit der Feuerwehr-App „Alarm Dispatcher“ und es erklingt ein schriller Ton. Ich habe in der Nachricht gesehen, dass das Krankenhaus, in dem ein Baby verstorben ist, in meiner Region liegt und mich spontan entschieden, den Einsatz anzunehmen. Meine Arbeit konnte ich noch beenden, habe dann meine Mutter gefragt, ob sie meinen Sohn vom Kindergarten abholen kann und schließlich meine Kameratasche gepackt und mich auf den Weg gemacht.

Im Krankenhaus angekommen schlug mir das Herz bis zum Hals, ich hatte Angst und ein mulmiges Gefühl. Ich habe mich beim Personal als Sternenkindfotografin vorgestellt, kurz erklärt, was ich mache und gefragt, wo es zum Kreißsaal geht. Ich wusste aus der App, dass es sich um ein Kind in der 13. Schwangerschaftswoche handelt, das am Tag zuvor verstorben war. Die Oberschwester, bei der ich mich bereits angemeldet hatte, führte mich in den Raum. Und dort lag dieser kleine Mensch in einem Behälter mit kühlem Wasser, man kann es sich wie eine Art Aquarium vorstellen. Ich wurde sofort ganz ruhig und war fasziniert von dem Anblick. Es war sogar noch die Fruchtblase vorhanden, die sich schützend um das kleine Kind gelegt hatte.

Die Eltern wollten bei den Aufnahmen nicht dabei sein und waren schon am Vortag entlassen worden. Ich habe damit begonnen, das Kind von allen Seiten im Wasser zu fotografieren: Hände, Füße, Augen, Ohren – es war alles da und sichtbar. Anschließend habe ich es aus dem Wasser genommen und auf kleine Deckchen gelegt, die ich mitgebracht hatte. Auch ein paar selbstgepfückte Blumen hatte ich dabei. Während meiner Arbeit habe ich angefangen mit diesem kleinen Menschen zu reden. Ich habe Sätze gesagt wie „So du kleine Maus, jetzt legen wir dich nochmal hierhin.“ Als ich fertig war und das Kind zurück ins Wasser gelegt habe, kamen mir kurz die Tränen.

Nachdem ich wieder zu Hause ankam, habe ich sofort angefangen, die Bilder zu bearbeiten, zu bestellen und einen Karton für die Familie zu packen, in den ich die Blumen und die nochmal extra verpackten Bilder gelegt habe, damit sie nach dem Öffnen nicht sofort sichtbar sind. Dann habe ich in unserer App noch eine Art Einsatzbericht geschrieben. Als ich mit allem fertig war, habe ich meinen Sohn abgeholt und ihn ganz fest in den Arm genommen. Ein gesundes Kind zu haben, schätzt man nach so einem Einsatz nochmal viel mehr.

Etwa eine Woche nachdem ich alles verschickt hatte, habe ich eine Karte bekommen, die der Vater des verstorbenen Kindes geschrieben hat. Er hat sich bedankt und mir mitgeteilt, dass er und seine Frau sich die Fotos bisher noch nicht angesehen haben, es aber tun werden, sobald der richtige Moment gekommen ist. Von der Oberschwester hatte ich erfahren, dass sie sich schon sehr lange ein Kind wünschten.

Ich spreche so offen über dieses Thema, weil ich möchte, dass es Gehör bekommt. Ich hatte selbst mal eine Fehlgeburt in einem sehr frühen Stadium und wurde dadurch auf das Thema der Sternenkindfotografie aufmerksam. Es hat mich nie wieder losgelassen und ich habe lange – wirklich lange – überlegt, ob ich das machen möchte und vor allem mental schaffe. Ich bin aber ein sehr positiver Mensch und versuche immer das beste aus einer Situation zu machen. Mein Umfeld hat mir gesagt: Wenn das jemand kann, dann du.

Die Fotos, die wir Sternenkind-Fotografen machen, sind die ersten und die letzten, die die Familie jemals besitzen wird, und das ist auch der Leitspruch der Stiftung. Ich habe das Gefühl, ich tue damit etwas Gutes. Man hat gar keine Vorstellung davon, wie oft Kinder tot zur Welt kommen. Allein in diesem ersten Halbjahr hatten wir rund 2500 Einsätze in Deutschland. Der Alarm auf meinem Handy erklingt mehrmals täglich. Ich opfere meine Freizeit für dieses Ehrenamt, weil ich finde, dass es, so schrecklich diese Situation auch ist, vor allem eines ist, was man in diesem Moment vorfindet: Liebe. Und etwas, das so lange unter dem Herzen getragen wurde, sollte auch gebührend verabschiedet werden.

* Protokoll: Ankea Janßen

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