Hannover Schiffbauer droht Pleite: „Es gibt sehr gute Gründe, die Meyer Werft zu retten“
Die Meyer Werft in Papenburg steckt in einer tiefen Krise. Braucht es staatliche Hilfen? Und was würde ein Aus des Schiffbauer für die Region bedeuten? Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Ems-Achse, gibt im Interview Antworten.
Der regionale Wirtschaftsinteressenverband Ems-Achse macht sich dafür stark, die finanziell schwer angeschlagene Meyer Werft mit staatlicher Unterstützung vor dem Aus zu bewahren. „Aus mindestens zwei Gründen sind Hilfen des Staates angebracht: Erstens konkurriert die Meyer Werft mit Staatswerften in Italien und Frankreich, deutsche Hilfen würden ein bisschen mehr Fairness in den Markt bringen“, sagt Ems-Achse-Geschäftsführer Dirk Lüerßen im Interview mit unserer Redaktion.
Als zweiten wichtigen Grund führt Lüerßen an, dass insgesamt rund 18.000 Arbeitsplätze von der Werft abhängig seien. „Diese Menschen zahlen Steuern. Alleine bei Einkommens- und Mehrwertsteuer dürfte man auf 250 Millionen Euro pro Jahr kommen. Wenn der Staat der Werft hilft, macht er es am Ende mit dem Geld der Menschen, die es erwirtschaftet haben.“
Mit Blick auf den geplanten Abbau von 340 Arbeitsplätzen zeigt Lüerßen sich zuversichtlich, dass dies in der Region abzufedern sei. „Schließlich verzeichnen wir seit Jahren einen Arbeits- und Fachkräftemangel. Und aktuell sind wir schon mit interessierten Arbeitgebern aus der Region im Gespräch.“
Lesen Sie hier das vollständige Interview im Wortlaut:
Frage: Herr Lüerßen, der Wirtschaftsverband Ems-Achse setzt sich für Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen im Emsland, in Ostfriesland und in der Grafschaft Bentheim ein. Wie sehr besorgt blicken Sie vor diesem Hintergrund auf die aktuelle Krise der Meyer Werft?
Antwort: Wir betrachten zwei mögliche Szenarien mit unterschiedlich großer Sorge: Den aktuell angekündigten, natürlich bedauerlichen Abbau von 340 Arbeitsplätzen sollte der Arbeitsmarkt in unserer Region auffangen können. Schließlich verzeichnen wir seit Jahren einen Arbeits- und Fachkräftemangel. Und aktuell sind wir schon mit interessierten Arbeitgebern aus der Region im Gespräch. Ganz anders sieht das im schlimmsten Szenario aus.
Frage: Was würde denn ein Aus der Werft für die Region beziehungsweise für Niedersachsen aus Ihrer Sicht bedeuten?
Antwort: Dann sprechen wir plötzlich von der zehnfachen Zahl an Arbeitsplätzen nur bei der Werft und in einer Sogwirkung bei Zuliefern und nachgelagerten Branchen nochmal von weiteren tausenden Menschen. Das wäre ein empfindlicher Schlag – nicht nur für den Arbeitsmarkt in der Ems-Achse und in Niedersachsen, sondern auch für den Industriestandort und die Wahrnehmung dieser ,Wachstumsregion´.
Frage: Stichwort Zulieferer: Wer hängt so alles am Tropf der Werft?
Antwort: Auf jeden Arbeitsplatz bei der Werft kommen sicherlich drei bis vier weitere Fachkräfte bei Zulieferern. Kreuzfahrtschiffe sind kleine Städte, dementsprechend sind nahezu alle Branchen und Gewerke betroffen. Hotels und Restaurants in und um Papenburg würden ein Aus natürlich ebenso deutlich spüren wie der Einzelhandel, den die fehlende Kaufkraft von Beschäftigten bei der Werft, Zulieferern und nachgelagerten Branchen treffen würde.
Frage: Herr Lüerßen, halten Sie Hilfen des Landes und des Bundes für erforderlich oder sollte man die Werft den Kräften des Marktes überlassen?
Antwort: Aus mindestens zwei Gründen sind Hilfen des Staates angebracht: Erstens konkurriert die Meyer Werft mit Staatswerften in Italien und Frankreich, deutsche Hilfen würden ein bisschen mehr Fairness in den Markt bringen. Zweitens: Insgesamt sind rund 18.000 Arbeitsplätze von der Werft abhängig. Diese Menschen zahlen Steuern. Alleine bei Einkommens- und Mehrwertsteuer dürfte man auf 250 Millionen Euro pro Jahr kommen. Wenn der Staat der Werft hilft, macht er es am Ende mit dem Geld der Menschen, die es erwirtschaftet haben.
Frage: Es heißt, Fehler im Management seien zu großen Teilen mitverantwortlich für die aktuelle Schieflage der Werft. Ein Eindruck, den Sie teilen?
Antwort: Ich halte es für vermessen, das zu beurteilen. Corona, Ukraine-Krieg, Rohstoff- und Energiepreise sind als externe Faktoren bekannt. Alles Weitere muss in den Gesprächen der Werft mit Investoren, Bund und Land geklärt werden.
Frage: Welche Möglichkeiten gibt es für die Ems-Achse mit ihren zahlreichen Kontakten in die Bundes- und vor allem Landespolitik sowie in die regionale Wirtschaft, an der Rettung der Werft mitzuwirken?
Antwort: Wir sind im intensiven Austausch mit allen Ebenen: Stadt, Land und Bund. Zudem bereiten wir uns gemeinsam mit vielen Mitglieds-Unternehmen auf den Stellenabbau vor, um möglichst vielen Beschäftigten direkt eine Perspektive hier in der Heimat zu bieten.
Frage: Zum Schluss noch ein Blick in die Glaskugel? Wird die Rettung der Werft gelingen?
Antwort: Es gibt sehr gute Gründe, die Meyer Werft zu retten – Wirtschaftsfaktor, Schlüsseltechnologien und Angebotsvielfalt sind nur drei Stichworte. Insofern bin ich optimistisch – zumindest vorsichtig optimistisch, denn am Ende liegt es nicht mehr alleine bei der Werft oder in der Region.