Sport und Show in Timmel So geht es dem Reitverein nach dem plötzlichen Aus des RTC
Als das Reitsport-Touristik-Centrums (RTC) gebaut wurde, zog der Fahr- und Reitverein Timmel hier ein und die Gemeinde Großefehn übernahm die Schulpferde. Jetzt ist beim RTC Schluss. Was jetzt?
Timmel - Es ist wuselig in der kleinen Halle des Reitsport-Touristik-Centrums (RTC) in Timmel. Im hinteren Bereich lässt Helena Bekel Pony Lisa im Kreis laufen. Zwischen ihr und dem Vierbeiner am anderen Ende der Longe reihen sich die jüngsten Voltigierer des Fahr- und Reitvereins Timmel (FuR) wie die Perlen einer Kette. So könnte es jedenfalls aussehen, wenn es für die Beinchen leichter wäre, mit dem Pony schrittzuhalten. Die Kinder purzeln, hopsen und quietschen – während Pony Lisa geduldig seine Runden dreht. Im anderen Teil der Halle spielen die übrigen Kinder bei den Eltern mit Holzpferd, Bällen und Matten. Helena Bekel strahlt. „Dafür stehen wir“, sagt sie: „Ein lebendiges Vereinsleben.“
Bekel ist die Vorsitzende des Reitvereins, der mit dem Start des RTC hier eingezogen ist. Sie unterrichtet jeden Donnerstagnachmittag die jüngsten Mitglieder im Voltigieren. Bekel hat gerade viel um die Ohren, denn der Verein steckt mitten in den Vorbereitungen für sein großes Sommerturnier vom 16. bis zum 18. August. Es ist bereits die 75. Auflage – ein Jubiläum. Mitten in den Turniervorbereitungen platzte am 25. Juni die Bombe: Nach gerade einmal sechs Monaten beendete die Großefehn Tourismus GmbH (GTG) den Vertrag mit Andy Klasing, dem Pächter des RTC. Innerhalb von vier bis sechs Wochen sollen die Einstellpferde ihre Boxen räumen. Nur die bereits geplanten Veranstaltungen werden im RTC noch durchgeführt – glücklicherweise auch das große Sommerturnier. Aber danach ist Sendepause. Neue Veranstaltungen werden nicht mehr angenommen, heißt es aus der Gemeinde Großefehn.
Was bringt das Nutzungsrecht?
Obwohl der FuR bis 2034 ein Nutzungsrecht im RTC hat, hat diese Entscheidung auch für ihn Folgen. Denn etwa die Hälfte der 43 Pferde, die jetzt in kürzester Zeit ein neues Zuhause finden müssen, gehören laut Bekel Vereinsmitgliedern. Nicht nur das: Aus der Gemeindeverwaltung heißt es, dass die Bedingungen für das Nutzungsrecht wohl neu verhandelt werden müssen. In welche Richtung die Vereinbarungen mit dem FuR gehen werden, könne er jetzt noch nicht sagen, so Großefehns Bürgermeister Ewin Adams (parteilos): „Wir stehen noch ganz am Anfang.“ Nur eins ist sicher: Die Gemeinde Großefehn nimmt mit dem RTC Kurs auf den Verkauf.
„Wir haben den Auftrag von der Politik erhalten, die Möglichkeit eines Verkaufs zu prüfen“, sagt Adams. Mit diesem Satz beantwortet Adams viele Fragen, die ihm am Telefon gestellt werden. Der Satz sagt allerdings auch sehr viel: Denn es war nicht allein Adams Entscheidung, kann er damit ausrücken. Und: Es wird lediglich die Möglichkeit geprüft, ob das RTC verkauft wird. Der Satz sagt aber auch, dass eine erneute Verpachtung momentan nicht zur Diskussion steht und Adams seine persönliche Meinung zu diesem Schlamassel lieber für sich behält.
Jetzt geht es um den Verkauf
Vor etwas mehr als einem Jahr war bereits eine ähnliche Bombe eingeschlagen. Damals hatte die Gemeinde Großefehn angekündigt, dass die gemeindeeigene GTG den Reit- und Veranstaltungsbetrieb im RTC Ende 2023 aus finanziellen Gründen einstellt. Damals übernahm Pächter Andy Klasing nahtlos den Betrieb. Stehen die Verantwortlichen jetzt wieder genau da, wo sie vor einem Jahr schon standen? „Nein“, sagt Adams. Damals stand die Verpachtung im Fokus, jetzt geht es um den Verkauf. Denn der ist mittlerweile möglich.
Das RTC war im April 2008 eröffnet worden, vor 16 Jahren. Die Gemeinde hatte damals für den Bau 3,3 Millionen Euro vom Land Niedersachsen und vom Landkreis Aurich erhalten. Hätte sie das RTC vor Ablauf der Zweckbindung dieser Gelder geschlossen oder verkauft, hätte das Geld zurückgezahlt werden müssen. Mit diesem Argument waren Vorstöße aus der Politik, sich von dem defizitären Prestige-Objekt zu trennen, bisher zurückgewiesen worden. Damit ist jetzt Schluss: Ende Juni 2023 lief die Zweckbindung der Fördermittel aus.
Schulpferde wurden abgeschafft
Doch wie geht es für den Verein weiter? Der FuR war bis zu seinem Umzug zum RTC auf der vereinseigenen Reitanlage zur Mühle in Timmel zu Hause, die kurz danach abgerissen wurde. Mit dem Einzug ins RTC übernahm die GTG sämtliche Schulpferde und führte den Reitschulbetrieb weiter. Erst einmal. „Das RTC war unser zu Hause. Die gemeinsamen Reitstunden haben uns verbunden. Wir haben hier sogar gemeinsam übernachtet“, erinnert sich Tomke Grünefeld. Die 31-Jährige ist bereits seit 23 Jahren im Reitverein. Inzwischen voltigieren ihre Kinder bei den Minis. Die Voltigierstunden sind der einzige Reitschulunterricht, der noch vom Verein angeboten wird.
Im Laufe der Zeit hatte die GTG immer mehr Schulpferde zugunsten lohnender Einsteller abgeschafft. „Der Reitschulunterricht wurde immer mehr zurückgefahren“, sagt Grünefeld. Die wenigen noch verbliebenen aktiven Schulpferde waren verkauft worden, als Andy Klasing das RTC zum Jahreswechsel übernommen hatte. Seitdem gibt es keinen Reitschulunterricht mehr am RTC. Einen Weg zurück gibt es für den Verein unter den aktuellen Bedingungen nicht. Ihm steht laut Vertrag laut Klasing nur Platz für ein Vereinspferd zu. Wieder eigene Schulpferde anzuschaffen sei bei den Stallpreisen deshalb nicht möglich, sagt Helena Bekel. Mit einer eigenen Anlage hätte das anders ausgesehen.
Gibt es wieder Reitschulbetrieb in Timmel?
Neben dem eigenen Voltigierpferd kümmert sich der Verein jetzt auch um das einzige noch verbliebene gemeindeeigene Schulpferd „Moritz“. Dem 18-jährigen angehenden Rentner in Altersteilzeit wollte der ehemalige Pächter Andy Klasing eigentlich einen Ruhestand im RTC ermöglichen. Mit dem Pachtende hat der Reitverein jetzt die Verantwortung für „Moritz“ übernommen. „Ihm wird es gutgehen“, sagt Bekel – wie auch dem Verein, da ist sich die Vorsitzende sicher. Wie genau es weitergeht, dazu kann sie noch nichts sagen. „Unser Fokus ist jetzt das Turnier. Über alles andere sprechen wir im Anschluss.“ Für Bekel ist die aktuelle Situation ein Anreiz dafür, jetzt erst recht zu zeigen, wie lebendig der Verein ist und ein tolles Turnierjubiläum auf die Beine zu stellen.
Trotz der schwierigen Zeit habe sich einiges auch zum Positiven verändert, findet Tomke Grünefeld: „Insgesamt ist das Kursangebot in den letzten Jahren vielfältiger geworden.“ Kurse wie in Sattelkunde, Geländetraining und Gelassenheitstraining kommen zu klassischen Dressur- und Springlehrgängen hinzu. Nicht nur die Pferde stehen im Mittelpunkt, sondern auch die Reiter: Grünefeld selbst gibt als Physiotherapeutin monatlich Unterricht in Reiterfitness – mit dem Fokus auf Gleichgewichtstraining. Den weggefallenen Schulunterricht kompensiert der Verein durch die Vermittlung von Trainern an die Mitglieder.
„Egal wie und wo es jetzt für uns weitergeht, der Verein wird es schaffen“, ist Grünefeld sich sicher: „So eine Verbundenheit wie hier habe ich noch nirgends erlebt, wir werden es gemeinsam überstehen.“ Grünefeld lebt zwar inzwischen in Rhauderfehn, ist trotzdem Mitglied im FuR geblieben und kommt immer wieder gerne nach Timmel. Für ihre Kinder wünscht sie sich neben dem Voltigieren einen Einstieg in den Reitsport, wie sie ihn auch selbst erleben durfte – am liebsten mit anderen in einer Gruppe beim regulären Reitschulunterricht. Laut Helena Bekel soll auch darüber nach dem Turnier gesprochen werden. Vielleicht können die Minis, die an diesem Nachmittag durch die Reithalle toben, irgendwann in Timmel gemeinsam in den Reitschulunterricht starten – wie schon ihre Eltern.