Hamburg  Clan-Forscher: „Sie haben keine Angst vor Polizei, Justiz und Gefängnissen. Aber vor...“

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 05.07.2024 07:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Clan-Forscher Mahmoud Jaraba wirbt für einen sachlichen und differenzierten Blick auf die sogenannte Clan-Kriminalität. Er will die Ermittler stärken und verrät, welche Maßnahmen in der Szene für Abschreckung sorgen.

Beim Thema Clan-Kriminalität ist der Forscher Mahmoud Jaraba eher nicht als Befürworter besonders restriktiver Maßnahmen bekannt. Die Vokabel „Clan-Kriminalität“ selbst sei bereits problematisch, weil sie pauschal alle Mitglieder einer Großfamilie mit einschließt. Auch die in Nordrhein-Westfalen angewandte Politik der „1.000 Nadelstiche“ findet er „stigmatisierend.“

Meist stehen in der Öffentlichkeit türkisch-arabische Clans im Fokus. Familiennamen wie Abu Chakar, Remmo und Miri sind eng mit Kriminalität und der Ablehnung des Rechtsstaates verbunden. „Die pauschale Verfolgung aufgrund einer Zugehörigkeit oder auch nur aufgrund des falschen Nachnamens sorgt für viel Frust bei unschuldigen Menschen, die zu Unrecht im Fokus der Öffentlichkeit stehen“, sagt Jaraba.

Gleichzeitig fordert der Clan-Forscher harte Konsequenzen für Clan-Kriminelle: „Abschiebungen krimineller Mitglieder helfen“, wird er deutlich. Jahrelang hat Jaraba Clan-Mitglieder begleitet, Hunderte Interviews geführt, kennt sich bestens in der Szene aus. „Sie haben keine Angst vor Polizei, sie haben keine Angst vor der Justiz oder vor Gefängnissen. Aber vor einer Abschiebung haben sie Angst“, betont er. Auch, weil sie anderswo keine echte Heimat haben.

Abschiebungen einzelner Personen hätten im kriminellen Milieu immer einen abschreckenden Effekt, führt er aus. Sie würden „Ängste und Diskussionen“ in der Community“ auslösen.

Doch politisch sind Abschiebung schwierig. Allein von den etwa 3.300 verdächtigen Clan-Mitgliedern in Niedersachsen hatten nach Angaben des Innenministeriums rund 55 Prozent die deutsche Staatsangehörigkeit. Viele weitere, etwa Mitglieder der kurdischen Volksgruppe der Mhallamyie, gelten häufig als staatenlos. Wohin sollte man sie also abschieben?

Jaraba weiß nach eigenen Worten, wie schwierig solche Abschiebungen sind. Auch würde das die Kriminalität nicht automatisch beenden. In der Türkei würden gerade neue Strukturen entstehen, die ebenfalls nach Deutschland wirken könnten. Trotzdem müsse da mehr Energie hineingesteckt werden. Er habe bei manchen kriminellen Mitgliedern keine Hoffnung, dass sie sich ändern.

Mit seiner Forderung ist der Forscher grundsätzlich auf einer Linie mit vielen Innenpolitikern. Erst vergangenen Sommer gelangte eine Idee des Innenministeriums an die Öffentlichkeit, nach der Angehörige krimineller Clan-Strukturen „unabhängig von einer strafrechtlichen Verurteilung“ abgeschoben werden sollen.

Eine einheitliche Vorgehensweise gibt es bislang nicht. Derzeit nehmen nur Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Berlin, Bremen und neuerdings auch Brandenburg Clan-Kriminalität in den Fokus. Dabei sei es ein Trugschluss, dass die Thematik nur ein paar Bundesländer betrifft. Sie sind längst auch woanders aktiv, sagt Jaraba. Aber wenn sie nicht den gleichen Familiennamen haben, können sie schon durch die Statistik fallen.

Für Jaraba ist das aber nur eine von vielen Maßnahmen gegen die Clan-Kriminalität, die er lieber „familienbasierte Kriminalität“ nennt. „Man muss vor allem viel mehr in Prävention stecken.“ Gerade den jungen Frauen aus kriminellen Clan-Familien komme eine besondere Rolle zu. Denn immer mehr von ihnen würden gerne ein selbstbestimmtes Leben außerhalb des patriarchalen Systems führen, heiraten und arbeiten, wen und wo sie wollen. Hier müsse der Staat helfen, sagt Jaraba.

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