Osnabrück  Provokation Winnetou: Sollten Kinder noch Bücher von Karl May lesen?

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 02.07.2024 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
"Winnetou" Pierre Brice wird 80 Foto: Horst Ossinger
"Winnetou" Pierre Brice wird 80 Foto: Horst Ossinger
Artikel teilen:

Hand aufs Herz: Darf man noch Indianer sagen und Winnetou gut finden? Kulturwissenschaftler Andreas Brenne zeigt, wo die Fallstricke in einer verzwickten Debatte um das richtige Bild fremder Kulturen liegen.

Der Kulturwissenschaftler Andreas Brenne bekleidet an der Universität Potsdam eine Professur für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik. Er veranstaltete im März 2023 den Kongress „Kulturelle Repräsentationen im Werk Karl Mays im Brennpunkt aktueller Diskurse“. Als Experte für das Werk des Schriftstellers Karl May ist er nicht nur begeisterter Leser von Winnetou-Büchern, sondern auch Kenner der aktuellen Debatten um Europas Bilder von den Indianern als edlen Wilden. Wie wirken sie weiter fort? Andreas Brenne erklärt, warum solche Bilder mehr über die Europäer als über die indigenen Völker Nordamerikas aussagen.

Frage: Herr Brenne, Ihre neue Publikation trägt den Titel „Wer hat Angst vor Winnetou?“. Wer hat denn nun Angst vor Winnetou – und warum?

Antwort: Eigentlich dürfte man vor Winnetou keine Angst haben. Es handelt sich ja um eine fiktive Gestalt. Gleichzeitig repräsentiert Winnetou wie keine andere literarische Figur das Bild des Deutschen vom indigenen Menschen, dem „Indianer“. Dieses Konzept wird mittlerweile als problematisch, wenn nicht gar als gefährlich eingestuft. Die damit verbundene Angst löst dann ein Vermeidungsverhalten aus. Zum Beispiel sind die Indianer, anders als in der Vergangenheit, nicht mehr Gegenstand des Unterrichts in der Grundschule. Adäquate Bücher wie Ursula Wölfels „Fliegender Stern“ werden nicht mehr gelesen oder aus Schülerbibliotheken entfernt. Insofern nimmt die Angst vor „Winnetou“ mannigfaltige Formen an und es geht etwas verloren.

Frage: Gilt das sonst auch?

Antwort: Die Freilichtbühnen, die Stücke nach Motiven von Karl Mays aufführen, haben natürlich keine Angst vor Winnetou. Für sie ist er eine Lichtgestalt, die tausende Besucher anzieht, übrigens weit mehr als noch vor einer Dekade. 

Frage: Es gibt längst das so genannte N-Wort. Inzwischen gibt es das I-Wort – für Indianer. Warum sollte man das Wort Indianer nicht mehr verwenden?

Antwort: Ich bin der Meinung, dass man das Wort Indianer durchaus noch verwenden kann. Man sollte sich jedoch bewusst sein, in welchem Kontext man es benutzt. Das N-Wort ist negativ konnotiert; das Wort Indianer dagegen affirmativ. Den indigenen Menschen Nordamerikas werden Eigenschaften zuerkannt, die zwar wenig mit ihrer realen Geschichte zu tun haben, diese aber nobilitieren. Da geht es um die Figur des edlen Wilden, der vornehmlich über all das verfügt, was den westlichen Zivilisationen abhanden gekommen zu sein scheint.

Frage: Es gibt etwa den „Ehrlichen Huronen“ Voltaires, der einen kritischen Blick auf die Zivilisation Europas wirft. Mit einem Afrikaner als Figur hätte man sich niemals vorstellen können, nicht?

Antwort: Genau. Insofern repräsentiert der Indianer eine Typologie, die über das Wilde hinaus weißt. Er ist der Edle, der sich wie einer der römischen Cäsaren ausnimmt. Wir sehen dies in den Portraits des amerikanischen Malers Charles Bird King aus dem frühen 19. Jahrhundert. Sein Bildnis indigener Anführer “Young Omahaw, War Eagle, Little Missouri, and Pawnees” entwirft ein romantisches Konzept des edlen Wilden. 

Frage: Der Begriff Indianer umfasst nun viele indigene Völker. Welche dieser Völker haben denn vor allem die Bilder des edlen Wilden geliefert?

Antwort: Das waren zunächst einmal die sesshaften Stämme und Verbünde des Ostens wie die der Irokesen (Haudenosaunee), der Algonkin oder der Cherokee. Sie hatten frühen Kontakt zu den europäischen Kolonisten und lebten in einer spannungsreichen Koexistenz. Nach der Gründung der USA und deren extensive Ausdehnung in den Westen kam es zu Kontakten mit den zum Teil nomadisierenden Stämmen an der sogenannten Frontier, wie die Mandan, Lakota oder Comanchen. Diese Gruppen prägen das Bild des „Indianers“ bis heute. Ein Blick in die ethnografischen Sammlungen Westeuropas zeigt aber, dass auch Gruppen gänzlich verschiedener Kulturen von Interesse waren. Dazu gehören zum Beispiel Stämme des Nordwestens. 1886 widmete sich der Hagenbecksche Tierpark im Rahmen seiner Völkerschauen der Kultur der Nuxalk (Bella Coola), allerdings nur mit mäßigem Erfolg, denn die Erwartungen des breiten Publikums orientierten sich nicht an der Ethnographie sondern an „Buffalo Bills Wild West“.

Frage: Was sagt das über das Bild indigener Völker?

Antwort: Wendet man sich dagegen den ethnographischen Sammlungen ab 1900 zu, zeigen damalige Publikationen und Kataloge, dass man schon damals um eine angemessene Repräsentation der indigenen Völker gerungen hat. Die heutige Diskussion ist in der Fachwelt überhaupt nicht neu.

Frage: Sprechen wir denn mit dem Wort Indianer immer nur über andere oder nicht auch über uns selbst?

Antwort: Allerdings, das zeigt etwa die Jugendliteratur aus der Zeit des Nationalsozialismus. Der Romanzyklus von Fritz Steuben/Erhard Wittek, der sich der historischen Figur des Shawnee-Führers Tecumseh widmet, stellt die Indianer als „Proto-Germanen“ dar und konstruiert Ähnlichkeiten. Diese Bücher enthalten eine regelrechte Allegorie auf den Führer-Kult der NS-Zeit. Der Autor war selbst überzeugter Nationalsozialist. In eine ähnliche Richtung sind die Bilder von Wilhelm „Elk“ Eber zu bewerten, die sich kritisch kommentiert im Karl-May-Museum Radebeul befinden. Der Propaganda-Maler war Freikorpskämpfer und SA-Mitglied, verfügte über eine umfangreiche Sammlung indigener Artefakte und war Mitglied des Münchner Cowboy Clubs. Er malte zahlreiche Indianer-Portraits. Darin spiegelt sich eine durchaus problematische und ambivalente Faszination für die „Indianer“ wider.

Frage: Karl May war auch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts groß in Mode. Wie erklärt sich diese Mode im deutschen Wirtschaftswunder?

Antwort: Die Karl-May-Filme sind quasi eine Variante des deutschen Heimatfilms, in denen Traumata des Weltkriegs, des Zusammenbruchs und des Neuaufbaus in exotischer Atmosphäre bearbeitet werden. Der Deutsche erscheint in diesen Filmen nicht mehr als Verantwortlicher eines Genozids, sondern als eine Figur, die im fernen Westen Gutes bewirkt. Dazu gehört auch, sich intensiv mit unterdrückten Minderheiten zu befreunden. Diese Fantasie macht den Deutschen zu einem positiven Menschen und grenzt ihn vom angloamerikanischen Kolonisten ab. Natürlich liegt darin auch ein Eskapismus, sich in große Weiten zu begeben und Freiheit zu erleben. Karl Mays ist ein fiktionaler Raum, der sich für vielen Projektionen eignet.

Frage: 2022 gab es eine heftige Debatte um das Buch und den Film „Der junge Häuptling Winnetou“. Hat Sie die Heftigkeit der Kontroverse überrascht?

Antwort: Ich war nicht überrascht denn die Diskussion über die Aneignung und Repräsentation indigener Kulturen hat eine lange Vorgeschichte. Dokumentar-Filme wie „Forget Winnetou“ von Red Haircrow oder „Searching for Winnetou“ von Drew Hayden Taylor haben das Thema bereits vor fünf Jahren aus postkolonialer Perspektive beleuchtet. Es wird zum Beispiel gefragt, was Deutsche eigentlich bewegt, wenn sie sich am Wochenende als Indianer verkleiden. Auch die aktivistische Instagram-Gruppe „Natives in Germany“ widmet sich seit geraumer Zeit diesem Themenfeld und kritisiert zum Beispiel die Rassismen in Karnevalskostümen.

Frage: Und was hat Sie überrascht?

Antwort: Ich fand überraschend, dass der Ravensburger Verlag nach einem netzbasierten Protest aktivistischer Gruppen das Buch zum Film vom Markt genommen hat. Stereotype findet man ja auch in anderen Produkten dieses Hauses. Das entspricht dem, was ich als „normative Position“ in den Debatten um die Repräsentation indigener Kulturen nenne. Man orientiert sich in seinen Handlungen an dem, was sozial erwünscht und insofern marktgängig ist. 

Frage: Es gab damals auch eine große Aufregung um die Wokeness, die als übertreibend und bevormundend wahrgenommen wird. Dürfen wir denn Winnetou noch gut finden?

Antwort: Winnetou darf man genauso wertschätzen, wie Siegfried und die Nibelungen, die Musik Richard Wagners oder die Werke von J.R.R. Tolkien. Es ist legitim, weil diese Werke zur Kulturgeschichte gehören. Man darf auch ein leidenschaftlicher Leser der Werke Karl Mays sein. Darüber hinaus stelle ich mir schon die Frage, ob diese Formen einer vergangenen Kultur noch pädagogisch relevant sind. Gehören diese Texte in Schulbücher? Soll man sie seinen Kindern an die Hand geben?

Frage: Sind Bücher Karl Mays in pädagogischen Zusammenhängen noch sinnvoll?

Antwort: Aus meiner Sicht schon, denn ich halte wenig von einer „Bewahrpädagogik“. Kinder und Jugendliche beschäftigen sich zwangsläufig mit Alltagskultur beziehungsweise sind zutiefst mit ihr verwoben. Inwieweit sich dies negativ auswirkt, hängt von den Möglichkeiten ab, sich alltagskulturelle Produkte aktiv und reflexiv anzueignen. Es geht vor allem darum, über all das in pädagogischen Kontexten zu sprechen, und sich nicht abzuschotten. In den Texten Karl Mays gibt es viel zu lernen und zu entdecken, problematische Positionen aber auch Möglichkeiten der produktiven Bewältigung von Fremdheitserfahrungen – May ist ein radikaler Humanist. Romane wie „Schatz im Silbersee“ oder „Unter Geiern“ sind unglaublich vielschichtige Bücher mit hochimmersivem Potential. Dazu gehören auch die grandiosen Landschaftsinszenierungen.

Frage: Welche Bücher Karl Mays finden Sie noch interessant und warum?

Antwort: Winnetou I zum Beispiel, weil es in dem Buch um die Begegnung mit dem Anderen geht. Ein hochaktuelles Thema und pädagogisch relevant. Kaum ein anderer Autor hat sich so intensiv um die Begegnung mit dem Fremden beschäftigt wie Karl May, mit allen Ambivalenzen. 

Buchtipp: Andreas Brenne, Florian Schleburg und Laura Thüring (Hrsg.): Wer hat Angst vor Winnetou? Karl May im Spannungsfeld postkolonialer Diskurse. Kopoaed Verlag München. 342 Seiten. 22,80 Euro.

Ähnliche Artikel