Berlin Modetrendforscher: Darum ist Kleidung aus den 2000ern wieder in
Plattform-Schuhe, bunte Haarspangen und Röcke über Hosen: Die 2000er feiern ein modisches Comeback. Weshalb alte Mode wiederkehrt und warum dieser Trend politisch ist, erklären zwei Trendforscher.
Beim Blick in Schaufenster und Modemagazine wundern Sie sich vielleicht, dass Kleidung, die Sie vor 20 Jahren getragen haben, dort abgebildet ist: Plateau-Sandalen, tiefe Jeans und getönte Sonnenbrillen sind besonders bei der Generation Z beliebt. Zwei Trendforscher erklären das Phänomen der wiederkehrenden Mode.
Modische Looks durchlaufen Zyklen, bestätigt Autor und Chefanalyst vom „Deutschen Mode-Institut“ Carl Tillessen: „Sie werden von neuen Trends abgelöst und fallen bei den Leuten in Ungnade, bis sie schließlich als Inbegriff der Geschmacksverirrung gelten.“
„Genau dann, wenn Kleidungsstücke bei den älteren Generationen am Tiefpunkt ihrer Beliebtheit angekommen und in großen Mengen auf dem Second-Hand-Markt verfügbar sind, werden sie von der nachfolgenden Generation wiederentdeckt“, führt der Modeexperte aus.
Die Jüngeren haben den ursprünglichen Trend nicht miterlebt und freuten sich bei dem Tragen der alten Kleidung „diebisch über das Entsetzen ihrer Eltern und Lehrer“.
Modetrends können dabei nicht isoliert von Medien wie populärer Musik und Serien betrachtet werden, erläutert Handels- und Trendexperte Boris Planer vom „Zukunftsinstitut“: „Wenn alte Künstler und Filme wiederentdeckt werden, dann bringt das gleichzeitig auch die damaligen Outfits auf das Radar junger Leute.“
Bisher wiederholte sich der Kreislauf alle 20 bis 25 Jahre, denn jede Generation komme an den Punkt, an dem sie die Musik und die Mode ihrer Eltern für sich entdecke. Die Entwicklung, dass Menschen immer später Kinder bekommen, führt Planers Einschätzung nach dazu, dass zukünftig eher 30 bis 35 Jahre vergehen werden, bis die nächste Generation Mode ihrer Eltern wiederbelebt.
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die 2000er Jahre als Mode-Inspiration dienen, erklärt Tillessen. „Um diesen Look mithilfe von Musik verständlich zu machen, könnte man sagen, dass wir nach der Hip-Hop-Attitüde der Zehner-Jahre nun zum Rock‘n‘Roll der Nullerjahre zurückkehren. Jeder weiß, was zum Rock‘n‘Roll dazugehört, nämlich Sex and Drugs. Und das ist genau das, wonach die Menschen sich jetzt, nach drei Jahren Pandemie, Hausarrest und Kontaktbeschränkung, sehnen.“
Planer empfindet den Trend ähnlich rebellisch. Die Menschen würden kollektiv ein „Dauerfeuer der Krisen“ erleben.
Es entstehe der Wunsch nach einer Flucht in die vermeintlich heile Vergangenheit. Die Wiederbelebung des 2000er-Stils sei Ausdruck einer Sehnsucht nach Zeiten, die zwar nicht ohne Krise waren, aber trotzdem an die sorgenfreiere Kindheit erinnere. Experte Planer: „Der Modetrend spiegelt also die emotionalen Tiefenströmungen unserer Gesellschaft wider. Die Rückkehr der 2000er-Mode ist nostalgisch aufgeladen.“
„Ich sehe seit einiger Zeit vermehrt metallische Designs aus den 2000er-Jahren. Auch tief sitzende Low-Rise-Jeans und Schuhe mit dickem Plateau-Absatz machen den Y2K-Trend aus“, erzählt Planer.
Allerdings komme Mode nie 1:1 wieder, sondern werde immer mit einem kreativen Dreh der Gegenwart ergänzt. Gerade für junge Menschen sei Kleidung ein Sprachrohr. Laut dem Zukunftsexperten möchten sie dadurch ihre Identität finden, sich abheben – und durchaus auch provozieren.
Die Modekollektion der Influencerin Kayla Shyx ist ein Beispiel für den Y2K-Trend 2024:
Provokation sieht auch Mode-Chefanalyst Tillessen in dem Wunsch, sich wie vor 20 Jahren zu kleiden: „Dazu passt die aufreizende Mode der Jahrtausendwende – die String-Tangas, welche aus extrem tief geschnittenen Hüfthosen herausgucken, die Raubtier-Drucke, die bauchfreien Tops, die transparenten Stoffe, das verschwitzte Make-up.“