Osnabrück  Wie eine neuartige Sütterlin-KI deutsche Kolonialverbrechen aufklären soll

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 28.06.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Blick in das Recherche-Tool des Bundesarchivs Foto: Bundesarchiv
Blick in das Recherche-Tool des Bundesarchivs Foto: Bundesarchiv
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Bei der Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen gibt es ein Problem: Viele alte Akten liegen nur in Sütterlin-Handschrift vor. Nun hat das Bundesarchiv ein Tool entwickelt, das die Unterlagen mit Künstlicher Intelligenz auswertet. Das Projekt ist schon jetzt ein Politikum.

Die Angaben waren denkbar knapp gehalten. „Gesamtzahl sämtlicher Gefangener 4093“, telegraphierte der preußische Kommandeur der deutschen Kolonialtruppen in Deutsch-Südwestafrika, Lothar von Trotha, am 10. März 1905 nach Berlin. „An Entkräftung bereits gestorben: 45 Mann, 57 Weiber, 64 Kinder“. 

Eine erschütternde Notiz, gerade in ihrer demonstrativen Kürze. Und doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. Generalleutnant von Trotha hatte die vollständige Vernichtung der Herero im heutigen Namibia angeordnet, und unter seinem Kommando und dem seiner Nachfolger ermordeten deutsche Truppen innerhalb weniger Jahre rund 100.000 Herero und Nama, ließen sie in der Wüste verdursten oder in Konzentrationslagern zugrunde gehen. Das Massaker gilt als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Ein neuartiges Forschungsinstrument soll nun dabei helfen, die Verbrechen von damals besser zu untersuchen. Das Bundesarchiv in Koblenz, das der Bundesregierung untersteht und die Aufzeichnungen des historischen Reichskolonialamtes verwahrt, startet dazu in diesen Tagen ein Pilotprojekt in Berlin. Und setzt dabei, um das gewaltige Material auszuwerten, auf Künstliche Intelligenz (KI).

„Digitale Schlüsseltechnologien bieten auch Archiven ganz neue Möglichkeiten“, sagt Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs, im Gespräch mit dieser Redaktion. In diesem Fall sollen die Algorithmen helfen, zwei Hauptprobleme der Kolonialismusforschung in den Griff zu bekommen.

Zwar sind die Unterlagen des Reichskolonialamtes schon lange leicht zugänglich: Man kann sie digital im Internet ansehen, sogar ohne Anmeldung. Allerdings sind es erstens sehr viele, rund 10.000 Akten. Und zweitens kann sie kaum noch jemand lesen, und wenn, dann nur mühsam: Große Teile des Materials, etwa die Abschrift des eingangs erwähnten Trotha-Telegramms, liegen nur handschriftlich vor, in der Regel in Sütterlin. Das macht umfangreiche Recherchen in dem Material schwer bis unmöglich.

Doch von nun an kann die Künstliche Intelligenz Sütterlin lesen. Die Experten des Bundesarchivs haben es ihr beigebracht. Mit einem entsprechenden Computerprogramm können Historiker daher künftig den gesamten Bestand der Kolonialamtsakten in Sekundenbruchteilen digital durchsuchen. 

Das neue Tool zeigt ihnen nicht nur alle Quellen an, in denen etwa von „Lothar von Trotha“ die Rede ist. Es ordnet der Suchanfrage auch abweichende Schreibweisen des Namens zu, wie sie in handschriftlichen Notizen häufiger vorkommen. Im Rahmen des Pilotprojekts sollen Forscher die Sütterlin-KI zunächst in einem Bundesarchiv-Lesesaal in Berlin in Präsenz nutzen. Nach rund zwei Jahren Testphase soll sie aber auch online verfügbar sein.

„Mit dieser eigens zur Handschriftenerkennung trainierten Künstlichen Intelligenz bauen wir Verständnishürden ab, schaffen Verbindungen zwischen Dokumenten und machen so Wissen besser zugänglich“, sagt Bundesarchiv-Präsident Hollmann. Damit trage man „zur dringend notwendigen Aufarbeitung der gewaltvollen deutschen Kolonialgeschichte bei.“ 

Und diese Aufarbeitung ist längst nicht mehr nur etwas für die historischen Seminare. Sie gilt als Politikum. Nach Jahrzehnten des Verdrängens ist die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit für die Verbrechen der Kolonialzeit zuletzt immer größer geworden. Die Ampel-Regierung verordnete es sich sogar im Koalitionsvertrag, die „Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte voranzutreiben“.

Ob die neue Sütterlin-KI dabei helfen kann? Die grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth zeigt sich jedenfalls optimistisch. „Zu lange waren die Verbrechen der deutschen Kolonialzeit ein blinder Fleck in unserer Erinnerungskultur“, sagte Roth dieser Redaktion. „Ich bin dem Bundesarchiv deshalb dankbar, dass es mithilfe speziell dafür entwickelter KI-Technologie dabei hilft, das Wissen über dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu stärken. Damit leistet es einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung.“  

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