Osnabrück Reichtum begrenzen: Experten fordern Obergrenzen für Vermögen
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Ökonomen wie Ingrid Robeyns plädieren für eine Begrenzung von Reichtum. Prominente Superreiche wie Bill Gates sprechen sich für drastischere Besteuerungen ihres Vermögens aus. Warum enormer Reichtum ein Problem ist und was eine Grenze für Reichtum bringen würde.
Im Jahr 2022 belief sich das Vermögen des Tesla-Chefs Elon Musk auf 219 Milliarden US-Dollar. Um auf diese Summe zu kommen, müsste ein Erwerbstätiger über 45 Jahre lang knapp zwei Millionen Dollar pro Stunde verdienen.
Nach einer aktuellen Studie der Organisation Oxfam steigt das Vermögen der Reichen immer weiter an. Demnach konnten seit 2020 alle Milliardäre ihre Vermögen um 3,3 Billionen US-Dollar steigern. Im gleichen Zeitraum haben die weltweit ärmsten fünf Milliarden Menschen 20 Milliarden US-Dollar verloren. In Deutschland ist das Gesamtvermögen der fünf reichsten Deutschen um fast drei Viertel gewachsen. Von 89 auf 155 Milliarden US-Dollar. Die Armutsquote hält sich derweil stabil bei knapp 17 Prozent (2022).
Kein Wunder also, dass die Reichtumsdebatte aktuell wieder anzieht. Federführend ist derzeit die niederländische Ökonomin und Philosophin Ingrid Robeyns. Von ihr stammt auch der Vergleich zwischen Musks Vermögen und dem Stundenlohn eines Angestellten. In ihrem aktuellen Buch „Limitarismus“ plädiert sie dafür, übermäßigen Reichtum zu begrenzen – aus mehreren Gründen.
Aber ab wann ist jemand überhaupt reich? „Bei Vermögen reichen Zahlen von einer Million bis dreißig Millionen Euro“, sagt Christian Neuhäuser, Professor für Wirtschaftsphilosophie an der TU Dortmund, auf Nachfrage. Wer über mehr Geld verfüge, als für ein Leben in Würde notwendig sei, den bezeichne er als reich.
Robeyns wiederum schlägt in ihrem Buch zwei Obergrenzen vor: Ethisch betrachtet benötige niemand mehr als eine Million Euro für ein gutes Leben. Besitzt jemand mehr Geld, steige Lebensqualität dadurch nicht. Die politische Obergrenze, ab der ein Vermögen aus ihrer Sicht schädlich für die Gesellschaft werde, liege bei etwa zehn Millionen Euro.
Nur was soll an Reichtum so problematisch sein? Zum einen, argumentieren sowohl Robeyns als auch Neuhäuser, berge ungleiche Vermögensverteilung sozialen Sprengstoff. Sogar Reiche selbst warnen angesichts dessen vor drohenden Unruhen. Im Januar vergangenen Jahres unterzeichneten über 260 amerikanische Multimillionäre, die sogenannten Patriotic Millionares, einen offenen Brief an die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos. Darin erklärten sie, dass der ungleich verteilte Reichtum zu wachsender politischer Instabilität führe und Aufstände drohten. Ihre Forderung: eine höhere Besteuerung der Reichen.
Dafür sprechen sich Wirtschaftswissenschaftlerin Robeyns und Wirtschaftsphilosoph Neuhäuser aus: „Der wichtigste Schritt wäre eine stark progressive Erbschafts- und Vermögenssteuer. Ein allererster Schritt dahin wäre es sicherlich, die Einnahmen daraus so zu besteuern wie Erwerbseinkommen. Es kann nicht sein, dass auf Arbeit beruhende Einkommen stärker besteuert werden als leistungslose Einkommen“, so Neuhäuser.
Er ist – wie Robeyns und die 260 Multimillionäre – der Überzeugung, dass Überreichtum die Demokratie gefährde. „Meiner Ansicht nach ist das bei uns in Deutschland inzwischen der Fall“, warnt er. „Immerhin besitzen ein Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 32 Prozent des Gesamtvermögens.“ Weil bestimmte Güter wie Wohnraum begrenzt seien, verschärfe das ökonomische Ungleichgewicht auch deren ungleiche Verteilung – zum Nachteil derer mit geringerem Vermögen.
Enormen Reichtum sehe Neuhäuser auch deswegen kritisch, weil mit Reichtum große Macht einhergehe. Demnach könnten reiche Akteure erheblichen Einfluss auf die Politik ausüben: Mit dem Effekt, dass Wirtschaft und Zugänge zu Arbeit und Märkten in ihrer Hand lägen.
Um zu begründen, warum es legitim sei, Reichtum umzuverteilen, führt Forscherin Robeyns die Voraussetzungen für Reichtum ins Feld. Ihr Argument: Ohne staatliche Lenkung gebe es weder Eigentum noch Märkte, auf denen Geld erwirtschaftet werden kann. Beispiel: Die Autorin J.K. Rowling, die ihren ersten Harry Potter Roman auch deswegen schreiben konnte, weil sie Sozialhilfe erhalten hat.
Daher könne man auch nicht behaupten, dass Geld, das Menschen legal auf dem Markt erwirtschaften, nur ihnen gehöre. Damit ein Staat funktionieren kann, brauche er Steuern. Ohne Steuern wiederum könne der Staat weder Eigentum noch Markt schützen. „Die Behauptung, wir hätten ein individuelles und moralischen Recht auf das Einkommen und den Gewinn, die wir am Markt erwirtschaften, ist falsch.“
Aber angenommen, Reichtum würde tatsächlich anders verteilt werden, wie es im Übrigen der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge in seinem neuen Buch „Umverteilung des Reichtums“ ebenfalls fordert: Würde das nicht dem Recht auf Eigentum zuwiderlaufen? „Alle Grundrechte, die wir haben, finden ihre Grenzen in anderen Grundrechten, mit denen sie abzuwägen sind“, sagt Wirtschaftsphilosoph Neuhäuser. Wenn Reichtum die demokratische Gleichheit unterlaufe oder die gesellschaftliche Teilhabe für andere unmöglich mache, sei die Grenze erreicht.
Auch Robeyns gehe es nicht darum, Privatbesitz abzuschaffen oder Marktmechanismen aufzugeben. Einen „Kommunismus sowjetischen Stils“ lehne sie ab. Vielmehr gehe es ihr darum, die Beschränkungen aufzuzeigen, um gesellschaftliche Schäden abzuwenden.
Neuhäuser glaubt nicht, dass Hochvermögende etwas am Status Quo ändern wollten, „weil ihr Reichtum darauf beruht“. Ganz so pessimistisch sieht Robeyns das nicht. Schließlich werden die Patriotic Millionares nicht müde, weiterhin offene Briefe an die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums zu schreiben. In einem dieser Briefe warnen die Superreichen: „Extreme sind unhaltbar, häufig gefährlich und werden selten lange toleriert. Warum dulden Sie also in dieser Zeit multipler Krisen weiterhin extremen Reichtum?“
Selbst Bill Gates spricht sich offen für eine höhere Besteuerung aus. Im deutschsprachigen Raum hat die Millionenerbin Marlene Engelhorn auf sich aufmerksam gemacht. Sie hat nahezu ihr gesamtes geerbtes Vermögen, 25 Millionen Euro, abgegeben und einen Bürgerrat über die Verteilung des Geldes entscheiden lassen. Engelhorn setzt sich zudem mit dem Verein „Taxmenow“ für eine deutliche Erhöhung der Erbschaftsteuer ein.
Laut Ökonomin Robeyns sei der vererbte Reichtum, ihr zufolge der „offenkundigste Fall von unverdientem Reichtum“, eine Hauptquelle zunehmender Ungleichheit. In Europa habe der Anteil des vererbten Vermögens 2010 bei 50 Prozent gelegen und sei in den vergangenen Jahren beträchtlich angestiegen.
Dem widerspricht allerdings der Soziologe und Reichtumsforscher Thomas Druyen, der sich die Reichtumsgenese in 120 Länder angesehen hat und gegenüber tagesschau.de resümierte: „Der Mythos, vor allem durch Erben reich zu werden, stimmt nicht.“ Unternehmertum sei der „entscheidende Faktor“.
Wenn aber Unternehmertum darüber entscheidet, ob es jemand zu Reichtum bringt: Wäre eine Begrenzung desselben dann nicht kontraproduktiv? Neuhäuser glaubt sogar, dass das Gegenteil der Fall wäre: Würde beispielsweise ein Unternehmen nicht mehr nur einer einzelnen Person vererbt werden, sondern einer Gruppe, wäre auch das Kapital weniger ungleich verteilt.
Damit wären nämlich die Produktionsmittel für die Herstellung von Gütern breiter innerhalb der Bevölkerung verteilt. „Dann lohnt sich Leistung wieder, weil man durch Fleiß und Ideen wieder sehr wohlhabend und auch ein wenig reich werden kann.“
Die Wahrscheinlichkeit, dass übermäßiger Reichtum durch Reformen künftig der Vergangenheit angehören, ist gemäß Robeyns allerdings nicht sehr hoch. Es handele sich eher um ein Ideal, das erstrebenswert, aber „wahrscheinlich nie endgültig“ erreicht werde. Auch Neuhäuser malt der Idee keine großen Chancen aus: „Im Moment sieht es nicht danach aus, weil die Politik gegenüber den wirtschaftlichen Eliten ziemlich ohnmächtig und entsprechend mutlos ist.“
Er räumt jedoch ein, dass manche Reformideen lange bräuchten, so wie es bei der Abschaffung der Sklaverei, der Einführung der Demokratie oder der Gleichberechtigung der Frauen gewesen sie. „All diese Dinge haben Menschen über viele Jahrzehnte und gar Jahrhunderte politisch erwirkt.“