Überraschung in Norden  Drei Schulen werden im Startchancenprogramm gefördert – doch eine fehlt

| | 26.06.2024 09:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Grundschule Norddeich ist eine von drei Norder Schulen, die für das Startchancenprogramm ausgewählt wurden. Foto: Rebecca Kresse
Die Grundschule Norddeich ist eine von drei Norder Schulen, die für das Startchancenprogramm ausgewählt wurden. Foto: Rebecca Kresse
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Drei Norder Schulen profitieren vom Startchancenprogramm des Bundes und der Länder. Bürgermeister Florian Eiben zeigte sich von Auswahl überrascht. Das Kultusministerium kündigte Überprüfung an.

Norden – Noch immer hängt der Bildungserfolg zu sehr vom Geldbeutel oder dem Status der Eltern ab. Das Startchancenprogramm von Bund und Ländern soll dies ändern und für mehr Chancengerechtigkeit sorgen. Auch in Norden sind drei Schulen dabei – die Grundschule Norddeich, die Grundschule Lintel und die Oberschule. Bürgermeister Florian Eiben zeigte sich überrascht, dass die Grundschule Im Spiet nicht berücksichtigt wurde.

„Ich habe mich schon sehr gewundert, dass die Grundschule Im Spiet nicht als Startchancenschule mit aufgenommen wurde“, sagte Eiben im Gespräch mit unserer Zeitung. Grundsätzlich freue er sich natürlich darüber, dass drei Schulen aus Norden dabei sind. „Das sind gute Neuigkeiten aus Hannover!“, so Eiben.

Julian Glusa, Schulleiter der Grundschule Norddeich, erklärte, warum seine kleine und sehr beliebte Grundschule Teil des Programms ist. „Ich war zwar zunächst positiv verwundert. Als ich mir die Auswahlkriterien angesehen habe, war mir aber schnell klar, warum wir dabei sind, sagte er.

Migration, Armut und Förderbedarf sind wichtige Faktoren

Hintergrund: Die Schulen mussten sich für die Teilnahme zum Programm nicht extra bewerben. Ausgewählt wurden die Schulen ausschließlich auf der Basis amtlicher Schuldaten, die die Schulen ohnehin ans Ministerium melden. Für das Programm zählte der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund, ohne deutsche Staatsangehörigkeit sowie der Anteil an Schülern, die an Sprachfördermaßnahmen teilnehmen. Neben finanziellen Aspekten der Schüler war außerdem der sonderpädagogische Unterstützungsbedarf wichtig. Insbesondere die Förderbedarfe Lernen sowie emotionale und soziale Entwicklung werden laut Ministerium mit einer Bildungsbenachteiligung in Zusammenhang gebracht. Die Indikatoren wurden unterschiedlich gewichtet: Migration ist mit 45 Prozent angesetzt, Armut mit 35 Prozent, die beiden weiteren Indikatoren sind mit jeweils 10 Prozent gewichtet.

Diese Faktoren treffen auf die Grundschule Norddeich in besonderem Maße zu, erklärte Julian Glusa. Das sei aber nicht alles: Für die Auswahl zum Programm sei es auch wichtig, dass die Schulen ihre Daten korrekt und vollständig ans Ministerium übermitteln. „Meine Statistiken sind sauber geführt“, betonte Glusa.

Interne Probleme könnten zu fehlerhaften Daten geführt haben

Dieser Punkt könnte die Grundschule Im Spiet benachteiligt haben, da es dort zur Zeit der Datenerhebung große interne Probleme gab, die zu ungenauen Daten geführt haben könnten. Das Kultusministerium bestätigte, dass die Auswahl ausschließlich auf Basis der gemeldeten Daten erfolgte, die die Schulen in eigener Verantwortung eingetragen haben. „Grundsätzlich ist natürlich nicht auszuschließen, dass erforderliche Angaben fehlerhaft zusammengestellt oder übermittelt werden“, so ein Sprecher.

Was ist das Startchancenprogramm?

Das Startchancenprogramm ist das größte Bildungsprogramm von Bund und Ländern und richtet sich an Schulen zur Förderung von benachteiligten Schülern, um ihnen einen guten Start ins Schulleben und später ins Berufsleben zu ermöglichen. Es soll für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – unabhängig von den Rahmenbedingungen, unter denen sie aufwachsen – die Teilhabe ermöglichen und den Bildungserfolg verbessern. Es geht darum, den Bildungserfolg von der sozioökonomischen Herkunft zu entkoppeln. Das Programm soll sowohl auf der individuellen Ebene der Schüler als auch auf der institutionellen und der systemischen Ebene wirken. Der Bund stellt für den gesamten Zeitraum insgesamt 10 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Länder stellen eine Kofinanzierung in gleicher Höhe sicher. Niedersachsen wird in den nächsten zehn Jahren also rund 98 Millionen Euro pro Jahr vom Bund erhalten und im gleichen Umfang Maßnahmen für die Startchancen-Schulen aus eigenen Mitteln finanzieren. Bis zum Ende der Programmlaufzeit soll die Zahl der Schüler, die derzeit die Mindeststandards in Mathematik und Deutsch verfehlen, an den Startchancen-Schulen halbiert werden.

Objektiv, so sagte es auch Bürgermeister Eiben, sei die Grundschule Im Spiet mit hohem Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund, Armut und Förderbedarf ein klassischer Kandidat für das Programm. Mit rund 300 Schülern ist es die größte Grundschule in Norden. Das Problem: Als die Daten für das Startchancenprogramm erhoben wurden, gab es an der Grundschule Im Spiet massive Personal-Probleme, Unterrichtsausfall, fehlende Betreuung im Ganztag, aber auch Unzufriedenheit mit der Schulleitung. Der Elternrat der Schule hatte öffentlich die Absetzung der damaligen Schulleitung gefordert. Die war monatelang krankgemeldet, wenn überhaupt, nur wenige Tage an der Schule. Auch im Kollegium herrschte zu der Zeit eine große Unzufriedenheit. Dinge würden nicht angepackt, Hinweise ignoriert, die verbleibenden Lehrer mit der Situation allein gelassen. Vieles davon hat sich mittlerweile verbessert. Die Schulleitung verließ die Schule zum Schuljahr 2023/2024. Die Wogen glätteten sich. Im Frühjahr übernahm Ivonne Behnke die Schulleitung. Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Daten für das Startchancenprogramm längst erhoben. Die Spietschule äußerte sich auf Anfrage nicht dazu.

Ministerium will Auswahl der Schulen überprüfen

Vom Kultusministerium hieß es: „Viele Schulen haben große Herausforderungen, das ist uns bewusst.“ Die Anzahl der geförderten Schulen sei eine Vorgabe des Bundes und eine Verabredung im Bund-Länder-Programm. Das Ministerium kündigte aber an, alle Hinweise zur Auswahl der Schulen überprüfen zu wollen.

Julian Glusa geht nach eigenen Worten voller Tatendrang in das kommende Jahr, in dem das Programm in seinen Einzelheiten ausgestaltet werden soll. Wie viel Geld ihm durch das Programm genau zur Verfügung stehen wird, weiß Glusa noch nicht. Festgelegt ist, dass 40 Prozent der Fördermittel für eine bessere Infrastruktur und Ausstattung eingesetzt werden sollen. 30 Prozent der Mittel fließen als Chancenbudgets in die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Hier können die Schulen eigene Lösungen umsetzen. Die Möglichkeiten reichen von Leseförderung mit außerschulischen Partnern über Zirkusprojekte bis hin zu Projekten zur Gewaltprävention und vieles mehr. Weitere 30 Prozent fließen in die Stärkung multiprofessioneller Teams, etwa durch Schulsozialarbeiter und pädagogische Mitarbeiter.

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