Osnabrück  Welcher Ernst Barlach ist echt? Bronzegüsse überschwemmen den Kunstmarkt

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 26.06.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Welche der vielen Bronzegüsse von Barlachs Werken sind wirklich echt? Experten warnen vor bloßen Reproduktionen. Im Bild: Eine Skulptur Barlachs in der Ernst-Barlach-Stiftung in Güstrow. Foto: dpa/Danny Gohlcke
Welche der vielen Bronzegüsse von Barlachs Werken sind wirklich echt? Experten warnen vor bloßen Reproduktionen. Im Bild: Eine Skulptur Barlachs in der Ernst-Barlach-Stiftung in Güstrow. Foto: dpa/Danny Gohlcke
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Nicht nur sein „Schwebender Engel“ machte ihn zu einem Mythos, den Bildhauer Ernst Barlach. Aber welche seiner Werke sind wirklich echt? Gibt es zu viele Barlach-Güsse auf dem Kunstmarkt? Ein Besuch in der Barlach-Stadt Güstrow.

Der Weg zu Ernst Barlach führt unter hohen Bäumen dahin. Ihre Kronen wiegt ein sanfter Sommerwind. Darüber spannt sich weit der Himmel. Die letzten Meter holpert das Auto über grobe Kopfsteine. Hier ist alles knorrig und echt, hier ist Barlach-Land. Das Haus des 1938 verstorbenen Bildhauers steht in Güstrow, aber noch in diesem wie vergessen wirkenden Städtchen liegt es versteckt, seitab und verborgen.

„Ernst Barlachs Figuren wirken durch ihre Überzeitlichkeit“, erklärt Magdalena Schulz-Ohm. Ob der entspannt zurückgelehnte „Singende Mann“ oder „Der Rächer“ mit dem drohend erhobenen Schwert – Barlachs Kunst erschließt sich unmittelbar wie ein Alphabet der Emotionen, das jeder irgendwann einmal gelernt hat. Barlach zieht. „Aber seine Popularität nimmt auch langsam ab“, sagt Schulz-Ohm nachdenklich.

In Güstrow hütet die Kunsthistorikerin Barlachs Wohn- und Atelierhaus, die Gertrudenkapelle als weiteren Ausstellungsort – und einen Mythos. Magdalena Schulz-Ohm ist Geschäftsführerin der 1994 errichteten Ernst-Barlach-Stiftung. 1998 kam ein Ausstellungstrakt hinzu. „Der erste Museumsneubau in den neuen Bundesländern nach der Wende“, sagt sie stolz.

Vor allem im Norden zählt Barlach. Hier ist er ein Klassiker der Kunst, ebenso wie Paula Modersohn-Becker, Emil Nolde oder Heinrich Vogeler. Barlach fügt sich bestens in diese Reihe der Eigenbrötler. Seine Unbeugsamkeit macht ihn beliebt. Denn Eigensinn ist echt, oder? Doch genau da liegt das Problem. Es gibt nicht zu wenig Barlach, es gibt zu viel – jedenfalls auf dem Kunstmarkt. Experten warnen vor der Barlach-Inflation.

„Ernst Barlach ist nicht selten“, kritisiert Henrik Hanstein vom Kölner Auktionshaus Lempertz. Was ist wirklich original, was nur authentisch? Selbst Experten haben bisweilen Probleme, das bei Ernst Barlachs Skulpturen genau zu unterscheiden. Auch nach dem Tod Barlachs 1938 seien immer weiter Bronzeskulpturen gegossen worden. „Die Qualität nimmt dabei einfach ab“, moniert Hanstein im Hinblick auf die Gussformen.

Ausgerechnet die beliebtesten Barlach-Motive ärgern ihn dabei am meisten. Die Skulptur „Singender Mann“ ist nach Hansteins Worten nur ein Beispiel für eine Inflation Barlachs auf dem Kunstmarkt. Hinzu kommen verkleinerte Reproduktionen. „Barlach ist Opfer seines Gusserfolges. Mit einer solchen Politik machen sie jeden Künstler kaputt“, warnt der Kölner Auktionator, der 2014 ein Original des „Singenden Mannes“ von Barlach für immerhin 600000 Euro versteigerte.

Auch Marion Scharmann vom Auktionshaus Van Ham bläst den Barlach-Blues. „Wir sichern uns immer ab, wenn es um seine Werke geht“, sagt Scharmann. Auch sie kennt das Problem der inflationären Güsse. Barlach werde weiter gut gehandelt – wenn die Qualität der Werke stimmt. „Die zu Lebzeiten entstandenen Güsse sind beliebter“, sagt Scharmann. Im Klartext: Was nach Barlachs Tod hinzugekommen ist, hat nicht den gleichen Wert.

„Das ist mein Reizthema“, kommentiert auch Magdalena Schulz-Ohm in Güstrow das Problem. Barlach startet als Holzbildhauer. Ab 1927 kommen Bronzeplastiken hinzu, also in jenem Jahr, in dem Barlachs berühmtestes Werk entsteht, das als schwebender Engel bekannte „Güstrower Ehrenmal“. Als Barlach sein Haus mit großem Atelier baut, leistet nach Schulz-Ohms Worten Kunsthändler Alfred Flechtheim eine Bürgschaft. „Seitdem hat er Barlach-Plastiken im Angebot“, erläutert Schulz-Ohm den engen Zusammenhang von Geld und Kunst. Konkret: Barlach braucht Geld. Also werden Bronzen gegossen, die sich gut verkaufen.

Angeblich sind nach Barlachs Tod nur die projektierten Auflagen gegossen worden. Ob es dabei geblieben ist? „Die Güsse sind auch eine Einnahmequelle der Nachlasspflege“, so Schulz-Ohm. So läuft ein enormes Überangebot an Werken auf. Allein von dem „Singenden Mann“ gibt es 57 bekannte Exemplare. Nur 16 von ihnen entstehen zu Lebzeiten Barlachs.

Schulz-Ohm stellt klar: „Juristisch gesehen ist jeder von den Erben in Auftrag gegebene Guss ein Original. Ich ziehe die Wertgrenze allerdings beim Tod des Künstlers.“ Das nächste Problem: Anbieter wie ars mundi oder Bronze Shop bringen Hunderte von verkleinerten Reproduktionen auf den Markt. „Das sind reine Dekorationsobjekte. Wer das erwirbt, weiß oft nicht, was er da eigentlich kauft“, warnt die Güstrower Museumsleiterin. Ein Original Barlachs jedenfalls nicht.

Für Max Büchner von ars mundi in Hannover kann es dagegen gar nicht zu viel Barlach geben. Er vertreibt Reproduktionen nach Werken des Bildhauers zu hunderten. „Das ist eine Liberalisierung der Kunst“, rechtfertigt sich Büchner. Sein Unternehmen nimmt Abformungen von Barlachs Figuren im 3-D-Verfahren und lässt dann Bronzegüsse anfertigen. „Maßgeblich in Deutschland“, sagt Büchner. Den Vorteil hatten offenbar auch immer wieder „Rechtegeber“. Die haben nach Büchners Worten von den Reproduktionen profitiert – mit „sechsstelligen Beträgen“.

Was ist von einer solchen Praxis grundsätzlich zu halten? Nichts, wenn man den Worten von Söke Dinkla folgt. Die Direktorin des Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museums warnt von zu vielen Versionen einer Skulptur. Und vor Reproduktionen ohnehin. Ihrer Meinung nach befinden sich auch von Barlach zu viele Versionen auf dem Markt. Dinkla steht dem für Skulptur der Moderne maßgeblichen Museum in Deutschland vor.

Ihre Meinung zu Wilhelm Lehmbruck, der dem Duisburger Museum den Namen gab, ist klar: „Wir sind mit den Nachfahren des Künstlers einig, dass es keine neuen Produktionen von Skulpturen geben wird. Wir halten das Werk Lehmbrucks klar.“

Magdalena Schulz-Ohm weiß, worauf Kenner bei Barlach achten müssen. Auf den Stempel der Gießerei Noack in Berlin-Friedenau vor allem. Findet sich der in einer Bronze Barlachs, dann ist der Guss auf jeden Fall ein Original. Das kostet dann allerdings auch. Wer Barlach nicht kaufen, sondern einfach nur genießen möchte, ist in Güstrow auf jeden Fall richtig. Im Atelier des Bildhauers stehen, sich von der Aura seiner Skulpturen gefangen nehmen lassen – fernab der Metropolen wartet in Güstrow das große Erlebnis. Denn hier ist Barlach-Land.

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