Osnabrück Machtanspruch: China holt bei nuklearer Abschreckung auf
China untermauert seinen internationalen Machtanspruch, indem es sein Atomwaffenarsenal schneller ausbaut als jede andere Nuklearmacht. Und es gibt es noch einen weiteren Trend, der Sorgen bereiten muss.
Das chinesische Atomwaffenarsenal ist innerhalb eines Jahres von 410 Sprengköpfen im Januar 2023 auf 500 Sprengköpfe im Januar dieses Jahres gestiegen – und die Experten erwarten, dass es weiter wächst. Das geht aus dem Jahresbericht des Friedensforschungsinstituts in Stockholm (Sipri) hervor. Darin bewerten die Experten den Stand internationaler Sicherheit.
„Je nachdem, wie es seine Streitkräfte strukturiert, könnte China bis zur Wende des Jahrzehnts über mindestens so viele ballistische Interkontinentalraketen verfügen wie Russland oder die USA, obwohl sein Bestand an nuklearen Sprengköpfen immer noch viel kleiner sein dürfte als der dieser beiden Länder“, stellen die Sipri-Forscher fest.
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Tatsächlich sind die Chinesen nicht die einzigen mit wachsenden nuklearen Ambitionen. „In fast allen nuklear bewaffneten Staaten gibt es entweder Pläne oder erhebliche Bestrebungen, die Nuklearstreitkräfte aufzustocken“, sagt Hans M. Kristensen, Sipri-Experte für Massenvernichtungswaffen. Die Modernisierung nuklearer Waffen schreite seit einiger Zeit unaufhörlich voran.
Vom weltweiten Gesamtbestand von geschätzten 12 121 Sprengköpfen im Januar 2024 befanden sich etwa 9585 in militärischen Lagerbeständen für den potenziellen Einsatz. Schätzungsweise 3904 dieser Sprengköpfe werden auf Raketen und Flugzeugen vorgehalten – 60 mehr als im Januar 2023. Der Rest befand sich in zentralen Depots.
Etwa 2100 der Sprengköpfe wurden auf ballistischen Raketen in hoher Alarmbereitschaft gehalten. Fast alle diese Sprengköpfe gehörten Russland oder den USA. Erstmals soll aber auch China über einige Sprengköpfe in hoher Alarmbereitschaft verfügen.
„Während die Gesamtzahl der nuklearen Sprengköpfe weltweit weiter sinkt, da die Waffen aus der Ära des Kalten Krieges allmählich abgebaut werden, steigt die Zahl der einsatzbereiten nuklearen Sprengköpfe bedauerlicherweise von Jahr zu Jahr weiter an“, sagt Sipri-Direktor Dan Smith. Dieser Trend werde sich fortsetzen und wahrscheinlich sogar noch zunehmen.
Weltweit gibt es neun nuklear bewaffneten Staaten: USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel.
Indien, Pakistan und Nordkorea streben alle die Fähigkeit an, mehrere Sprengköpfe auf ballistischen Raketen einzusetzen, was Russland, Frankreich, Großbritannien, die USA und seit kurzem auch China bereits können. Dies würde eine rasche potenzielle Erhöhung der Anzahl der eingesetzten Sprengköpfe ermöglichen und den atomar bewaffneten Ländern die Möglichkeit geben, mit der Zerstörung von wesentlich mehr Zielen zu drohen, warnen die Sipri-Experten.
Russland und die USA verfügen zusammen über fast 90 Prozent aller Atomwaffen. Die Größe ihrer jeweiligen militärischen Bestände (d. h. der einsatzfähigen Sprengköpfe) scheint 2023 relativ stabil geblieben zu sein, obwohl Russland schätzungsweise 36 Sprengköpfe mehr mit einsatzfähigen Kräften stationiert hat als im Januar vergangene Jahres. Die Transparenz in Bezug auf die Nuklearstreitkräfte hat in beiden Ländern nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Februar 2022 abgenommen – und nicht nur dort.
Auch die Regierung in Großbritannien, die 2021 angekündigt hat, die Obergrenze von 225 auf 260 Sprengköpfe anzuheben, hat inzwischen wissen lassen, dass sie die Anzahl ihrer Atomwaffen, der stationierten Sprengköpfe und der stationierten Raketen nicht mehr öffentlich bekannt geben werde.