Interview mit Manfred Tannen  „Landwirte sitzen zu viel am Schreibtisch“

| | 13.06.2024 15:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wegen der Unzufriedenheit trieb es im Winter zahlreiche Landwirte auf die Straßen wie hier Ende Dezember in Aurich. Foto: Helmut Vortanz
Wegen der Unzufriedenheit trieb es im Winter zahlreiche Landwirte auf die Straßen wie hier Ende Dezember in Aurich. Foto: Helmut Vortanz
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Warum Landwirte zu viel Zeit im Büro verbringen und was der Präsident des LHV Ostfriesland zum 175. Geburtstag des Vereins fordert, erklärt er im Interview.

Aurich - Aus einer wirtschaftlichen Not heraus gründete sich vor 175 Jahren der Landwirtschaftliche Hauptverein (LHV) Ostfriesland. Präsident Manfred Tannen erklärt im Interview, was die Landwirte damals und heute sorgte und warum ein Verband wie der LHV nach so vielen Jahren noch eine wichtige Rolle spielt.

Manfred Tannen, Präsident des LHV Ostfriesland. Foto: LWK Niedersachsen
Manfred Tannen, Präsident des LHV Ostfriesland. Foto: LWK Niedersachsen

Immerhin ist diese ostfriesische Interessenvertretung der Bauern die älteste, die sich laut Tannen finden lässt im Land. Das hat nicht nur mit dem Selbstbewusstsein und einer gewissen Häuptlingskultur der Ostfriesen zu tun, sondern begründe sich auf ganz einfache Nöte und Sorgen der ländlichen Bevölkerung gestern und heute.

Ostfriesische Nachrichten: Herr Tannen, aus welchem Grund wurde der Landwirtschaftliche Hauptverein vor 175 Jahren gegründet?

Manfred Tannen: Wenn man dieser Frage nachgeht, kommt man zu der Erkenntnis, dass das Scheitern der Revolution 1848/1849 sich zur Gründung des LHVs bereits abzeichnete. Es gab Ernteausfälle, ausgelöst durch Extremwetterereignisse, zudem breitete sich die Kartoffelfäule aus. Dadurch stand das Grundbedürfnis der Bevölkerung nach ausreichender Nahrung im Vordergrund, das es zu stillen galt. Ein zweiter Grund erklärt sich durch die geografische Lage Ostfrieslands als Halbinsel. Gemeinschaftlich machte man sich auf den Weg, vom Handel im gesamten Land und den Nachbarländern zu profitieren.

In all den Jahren ist der Verein enorm gewachsen. Was ist denn heute das Kernanliegen des LHV?

Das teilt sich in zwei Bereiche, die gleichberechtigt ihre Wichtigkeit haben. Da ist zum einen der Anspruch der Mitglieder nach einer agrarpolitischen Interessenvertretung auf allen Ebenen bis hin zur EU. Da ist Netzwerk und Kompetenz gefragt. Das zweite ist die wirtschaftliche Verantwortung, für Mitarbeiter und Mitglieder, die uns im LHV antreibt. Wir sind darauf konzentriert, wettbewerbsfähig und wirtschaftlich zukunftsfähig zu sein bei den angebotenen Dienstleistungen. Wir bieten umfangreiche Betreuung und Beratung in allen Sach- und Fachfragen rund um die Landwirtschaft vom Antragswesen über Erbrecht bis hin zur Sozialberatung an. Darüber hinaus bieten wir über die Grenzen Ostfrieslands hinweg Steuerberatung für landwirtschaftliche Betriebe und Gewerbe an. Vervollständigt haben wir das Angebot durch passgenaue Versicherungslösungen mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis, insbesondere für unsere Mitgliedsbetriebe.

Hat sich daraus auch die Professionalisierung des Vereins ergeben?

Im Ursprung feiern wir die 175 Jahre Vereinsgeschichte als eingetragener Verein. Aber aus unserem eingetragenen Verein heraus haben sich auch einige landwirtschaftliche Institutionen gegründet, wie im Jahre 1883 der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOSt). Für die einzelnen wirtschaftlichen Aktivitäten sind dann aus dem Verein heraus die Steuerberatung GmbH und unsere Dienstleistungsgesellschaft gegründet worden.

Welchen Beitrag leisten da die Mitglieder selbst noch?

Wir sind ein demokratisch aufgebauter Verein mit einem Delegierten-System bis auf Ortsebene. Unsere Zweigvereine, die in den einzelnen Gemeinden aktiv sind, stellen sicher, dass Informationsfluss nicht nur von oben nach unten stattfindet, sondern auch von unten nach oben. So werden Verbandspositionen basisbasiert erarbeitet, die wir dann politisch mit Nachdruck vertreten.

Welche Sorgen treiben die Landwirte aktuell um?

Zum einen sind es volatile Märkte, die für Verunsicherung und schwankende Betriebsergebnisse sorgen. Was uns im Moment besonders umtreibt, ist die fehlende politische Planungssicherheit, die wir aber für Zukunfts- und Ersatzinvestitionen dringend brauchen. Mut und Unternehmergeist ohne politischen und gesellschaftlichen Rückenwind führen nicht zu der benötigten Weiterentwicklung, um die heutige Wertschöpfung in unserer strukturschwachen Region zu erhalten oder auszubauen. Wir kämpfen für eine nachhaltige Zukunftsperspektive unserer super ausgebildeten Nachwuchskräfte.

Ist die Zukunftsangst ein Grund, der so viele Landwirte Anfang des Jahres zum Protest auf die Straße gebracht hat?

Richtig. Das hat auch viel mit Bürokratie und immer mehr Auflagen zu tun. Die Dokumentationsverpflichtungen sind inzwischen so komplex, dass viele Landwirte bei der Bewältigung auf Hilfe angewiesen sind. Der Anteil an Schreibtischarbeit nimmt ständig zu. Wir Landwirte wollen raus in die Natur, auf die landwirtschaftlichen Flächen und in den Stall. Lebensmittelproduktion und zunehmend auch die Energieerzeugung sind unsere Kerngeschäfte.

Gewinnt durch die Schreibtischaufgaben der LHV noch mehr an Bedeutung?

Dieses Feld ist in der Tat immer weitergewachsen. Aber wir kämpfen politisch dafür, dass wir das ein Stück weit zurückdrehen und es transparenter und leichter machen – Stichwort Bürokratieabbau. Ich sage aber selbstkritisch auch, dass wir als Verbände gefordert sind, unseren Beitrag zu leisten und konkrete Lösungsansätze der Politik auf den Tisch zu legen.

Haben Sie denn eine Idee als konkretes Beispiel?

Wenn ich zum Beispiel an die Düngeverordnung denke, dann glaube ich, haben wir eine ganze Menge an Möglichkeiten, wo wir zusammenstreichen können, ohne dass wir das Ziel einer sachgerechten Düngung aus den Augen verlieren. Da ist zum Beispiel die Anforderung, jährlich eine Stoffstrombilanz, Aufzeichnung der Nährstoffflüsse im landwirtschaftlichen Betrieb (Anm. d. Red.), gefordert. Die bringt nach unserer Meinung keinen zusätzlichen Nutzen, sondern ist ein gutes Beispiel für überbordende Bürokratie.

Werden die Landwirte dann für ihren Protest erneut auf die Straße gehen?

Das schließe ich absolut nicht aus. Die Bilanz aus den Protesten auf Bundesebene ist für mich sehr ernüchternd. Da muss nachgesteuert werden. Es ist kein gutes Signal, wenn in Brüssel bei den wesentlich heftigeren Protesten deutlich mehr erreicht wurde als auf Bundesebene. Wir haben uns bei den Protesten immer auf die Mittel beschränkt, die unser Rechtsstaat zulässt. Das zeigt aber auch, dass Verbandsarbeit nach wie vor wichtig ist. Wir stellen uns den Herausforderungen der Zukunft und setzen uns weiter für die Belange der ostfriesischen Bauern ein. Bevor es weitergeht, freuen wir uns, mit vielen Gästen unser Jubiläum feiern zu können.

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