Charkiw  Wie viele ukrainische Soldaten sind wirklich gefallen? Was der Friedhof von Charkiw verrät 

Michael Clasen
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Von Michael Clasen
| 13.06.2024 06:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Wie viele ukrainische Soldaten sind bislang in Putins Angriffskrieg gestorben? Glaubwürdige offizielle Zahlen gibt es keine. Der Friedhof Nummer 18 von Charkiw lässt Schreckliches vermuten. Eine Spurensuche.

Der Friedhof Nummer 18 in Charkiw gleicht einem Meer aus ukrainischen Fahnen. Auf jeder Grabstelle eines gefallenen Soldaten weht es Blau-Gelb. Auf manchen Flaggen ist auch das Emblem der Brigade zusehen, die der Gefallene angehört hatte.

Einer, der sein Leben für die Ukraine gelassen hat, ist Holowachin Jewhen. Er starb am 5. April 2023 und wurde keine 40 Jahre alt. Auf seinem Marmorgrabstein ist ein Schwarz-Weiß-Porträt mit Helm zu sehen. Eine russische Rakete habe den Unterstand in Bachmut getroffen, erzählt sein Vater Mykola Ivanovytsch.

Es fließen ihm die Tränen über die Wangen am Grab seines einzigen Sohns. Er habe ihm damals abgeraten, sich freiwillig zu melden, erzählt er. Dass er dennoch für die Ukraine gekämpft hat, erfülle ihn mit Stolz. Präsident Wolodymyr Selenskyj persönlich habe seinen Sohn mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Dann zeigt er zu anderen Gräbern um ihn herum. Hier würden noch viele Freunde aus der 227. Brigade seines Sohnes liegen.

Was an dem Ehrenhain auffällt: Die ersten drei Reihen sind für Gefallene der Bürgerkriegsjahre von 2014 bis 2022 gewesen, rund 100 Tote. In dem Zeitraum sollen die ukrainischen Streitkräfte insgesamt rund 4700 Soldaten verloren haben.

Danach folgen die Reihen nach Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar 2022: Es sind 20. Und neben dem Feld hat der Friedhof bereits ein neues angelegt für die Toten von Ende 2023 bis heute. Und auch dieser Bereich ist fast schon auf den letzten Platz gefüllt. Hier liegen also bereits weit mehr als 1300 gefallene Soldaten, also ein Vielfaches von der Opferzahl zwischen 2014 und 2022.

Vor allem die vergangenen eineinhalb Jahre scheinen für die ukrainische Armee besonders verlustreich gewesen zu sein. In diesem Zeitraum fallen die gescheiterte Sommeroffensive und die Niederlage bei Bachmut, die mittlerweile als die größte Schlacht in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg gilt.

Experten gehen davon aus, dass sowohl die russische als auch die ukrainische Seite die Wahrheit über die tatsächlichen Verlustzahlen verschweigen, um die Kampfmoral nicht zu untergraben. Das bestätigen auch ukrainische Militärs. Am zweiten Jahrestages des Krieges hatte Selenskyj die Zahl der Todesoper mit 32.000 angegeben. Schätzungen von Geheimdiensten auch befreundeter Staaten der Ukraine gehen jedoch von weit höheren Zahlen aus.

Für eine Überraschung hatte US-Generalstabschef Mark Milley im November 2022 gesorgt, als er damals von weit mehr als 100.000 getöteten oder verwundeten russischen Soldaten sprach – und hinzufügte: „Dasselbe gilt wahrscheinlich auch für die ukrainische Seite.“ Milley sprach zugleich von 40.000 getöteten Zivilisten.

Die britische Regierung ging im Mai 2024 davon aus, dass mehr als 465.000 russische Soldaten in Putins Angriffskrieg getötet oder verletzt wurden. Angaben zur Ukraine machte sie aber keine. Es gibt einige Militärexperten, die die Verluste auf beiden Seiten fast gleichauf sehen, mit leichtem Vorteil für die Ukraine.

Eine der letzten halbwegs belastbaren Schätzungen vonseiten der US-Regierung bezüglich der Truppenverluste Kiews stammen aus dem Sommer 2023. Laut „New York Times“ ging Washington damals davon aus, dass zu dem Zeitpunkt bereits 70.000 Ukrainer getötet und zwischen 100.000 und 120.000 verwundet worden waren. 120.000 Russen sollen zu dem Zeitpunkt gefallen sein sowie 170.000 und 180.000 weitere verletzt worden sein.  Damals folgten aber auf ukrainischer Seite erst noch die gescheiterte Sommeroffensive sowie die verlustreiche Niederlage bei Awdijiwka.

Dass entlang der 1400 Kilometer langen Front täglich viele Menschen sterben, hat sich in der ukrainischen Gesellschaft herumgesprochen. Deshalb fällt es Kiew auch zunehmend schwerer, neue Rekruten zu finden. Zuletzt wurden die Richtlinien zur Einberufung nochmals verschärft. Selbst viele Gefängnisinsassen können nun zwischen Zelle und Front wählen, mit Ausnahme von Mördern, Vergewaltigern und korrupten Politiker und Beamten. Nach mehr als 800 Tagen Abnutzungskrieg werden die Soldaten knapp. Von der früheren ukrainischen Armee sind immer weniger Soldaten im Einsatz, da tot oder verwundert. Auch die erste Generation von Freiwilligen hat es bereits zum Teil erwischt. So wie Holowachin Jewhen.

Seine Mutter Kateryna fegt mit einem Handbesen den Staub von der Grabplatte. Auf dem Friedhof Nummer 18 in Charkiw herrscht Betrieb. Drei Beerdigungen waren schon. Manchmal kommen auch große Trauerfeiern. Einmal im März 2023 standen dutzende Kameradinnen und Kameraden mit Bengalischem Feuer Spalier.

An diesem Juni-Tag 2024 sind schon für drei weitere Leichen die Sarglöcher ausgehoben. Und eines darf niemand beim Blick in die frischen Gräber vergessen: Es gibt unzählige Leichen auf den Schlachtfeldern zwischen Cherson, Bachmut und Charkiw, die noch gar nicht geborgen sind, sondern dort verwesen.

Vater Mykola Ivanovytsch und seine Frau Kateryna haben das Grab nun fertig gesäubert und frische Blumen auf die schwarze Marmorplatte gestellt. Zwei Dinge habe er sich als Ziel in seinem Leben gesetzt, sagt der Vater. Zum einen wollen er und seine Frau sich um ihre zweijährige Enkelin kümmern, die ohne Vater aufwachsen wird. Und zum anderen werden sie die Armee weiter unterstützen. „Ich wollte mich nach dem Tod meines Sohnes freiwillig melden, aber ich bin schon über 65 Jahre und deshalb zu alt für die Truppe. Jetzt machen wir Gurken und andere Dinge aus dem Garten ein und schicken sie an die Front“, sagt der Vater und wischt sich eine weitere Träne aus den Augen.

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