Osnabrück  Christoph Eichhorn: Kreative Menschen sind eben keine Buchhalter

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 10.06.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Schauspieler und Regisseur Christoph Eichhorn. Foto: Copyright: Klaus Diederich
Der Schauspieler und Regisseur Christoph Eichhorn. Foto: Copyright: Klaus Diederich
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Wer zahlt die OP für Heinz Hoenig? Der Spendenaufruf der Familie hat gezeigt, dass auch prominente TV-Darsteller immer wieder in die Armut rutschen. Wie vorbeugen? Schauspieler und Regisseur Christoph Eichhorn sagt, worauf es ankommt.

Christoph Eichhorn kennt das Problem der Altersarmut kreativer Menschen. Er selbst hat deshalb sein Berufsleben entscheidend verändert. Der Fall von Schauspielerkollege Heinz Hoenig ist für ihn nur ein Beispiel für eine alarmierende Lage der Kreativen in Film und Fernsehen. Was tun?

Frage: Viele Schauspieler verbringen ihr Alter in Armut, auch prominente Gesichter des Fernsehens. Wie sehen Sie das Thema?

Antwort: Heinz Hoenig ist derzeit ein prominentes Beispiel für die Altersarmut von Schauspielern. Die Familie hat zuletzt Spendenaufrufe publiziert, um Kosten einer medizinischen Behandlung tragen zu können. Das Beispiel zeigt, dass auch sehr bekannte Schauspieler in finanzielle Schieflagen geraten können. In der Öffentlichkeit wird dieses Problem immer noch zu wenig wahrgenommen.

Frage: Lässt sich daran grundsätzlich etwas ändern?

Antwort: Freischaffend zu arbeiten, bedeutet natürlich immer ein Risiko. Entsprechend sind ja auch viele Kollegen betroffen. Und nicht alle haben das Problem im Blick, um sich entsprechend vorzubeugen. Als ich anfing, als Schauspieler und später als Regisseur zu arbeiten, waren auch noch nicht so viele Kollegen dabei. Inzwischen sind das viel mehr geworden. Das verschärft die Gefahr einer möglichen Altersarmut weiter.

Frage: Wie haben Sie sich auf diese Frage vorbereitet?

Antwort: Ich denke, dass es für Schauspieler und überhaupt Leute im Filmgeschäft darauf ankommt, sich auf spätere Zeiten gut vorzubereiten. Mir war immer klar, dass Altersarmut viele Schauspieler betrifft. Das Thema war einer der Gründe für mich, ab einem bestimmten Punkt nicht mehr als Schauspieler tätig zu sein und zur Regie zu wechseln. Ich habe mir mit 40 Gedanken um die Zukunft gemacht. Ich verdiente viel Geld, habe viel gearbeitet, allerdings auch vorgesorgt. Der Rhythmus der Arbeit in der Regie hat mir im Beruf einfach eine andere Planungssicherheit gegeben.

Frage: Fällt es vielen Schauspielerin schwer, sich auf spätere Lebenszeiten einzustellen und finanziell vorzusorgen?

Antwort: Ich glaube kreative Menschen sind eben keine Buchhalter. Viele Kollegen haben einfach weder die Fähigkeit noch die Nerven, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Ich konnte das auch nicht und habe mir Hilfe bei einer Freundin geholt, die derlei für mich erledigt hat. Das Geld, das ich in diese Hilfe investiert habe, bekam ich vielfach zurück. Das ist mein persönlicher Tipp für Berufskollegen.

Frage: Dabei steckt im System gerade des öffentlich-rechtlichen Fernsehens doch viel Geld. Bleibt da für Schauspieler nicht genug übrig?

Antwort: Das Problem liegt in der Tat auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, die zu Recht in der Kritik stehen. Dort versickert zu viel Geld im Apparat, anstatt bei den Kreativen anzukommen, also bei Schauspielern, Regisseuren und anderen, die an den Produktionen beteiligt sind. Daran muss sich unbedingt etwas ändern.

Frage: Wie ist Ihr Weg als Schauspieler verlaufen? Sie sind ja mit einem Film sehr früh groß herausgekommen, nicht?

Antwort: Ja, ich habe in Hans Werner Geißendörfers Verfilmung von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ die Hauptrolle des Hans Castorp gespielt. Der Film kam 1982 heraus. Ein idealer Start für mich. Nach der Fertigstellung des Zauberberg-Films bin ich allerdings erst einmal in ein Loch gefallen und war ein Jahr arbeitslos. Die Krimi-Serie „Derrick“ hat mich gerettet. Die Auftritte in der Krimi-Serie zwischen 1985 und 1994 haben mich über Jahre ernährt. Ich war allerdings auf die Rolle des Gestörten aus gutem Hause festgelegt. Das war der Nachteil.

Frage: Wie sind Sie überhaupt in Ihren Beruf hineingekommen?

Antwort: Auf jeden Fall ohne große Ausbildung. Meine Devise war: Learning by earning. Ich habe beim Geldverdienen meine Profession gelernt. Ich habe vieles spielerisch erkunden dürfen. Entsprechend sehe ich mich jetzt als Regisseur nicht als Herrscher am Set. Ich halte zwar nichts von einem offenen Forum, finde es aber auch gut, wenn jemand anderes einfach die bessere Idee hat.

Frage: Wie sieht es jetzt in Ihrem Berufsfeld aus?

Antwort: Ich finde es gerade sehr schwierig, als Regisseur noch Arbeit zu finden. Gerade für Männer ist das so. Im Zeichen der Frauenquote sortiert sich das Feld gerade neu. Die Idee, mehr Frauen zu beteiligen, ist ja richtig. Ich fände es nur gut, wenn junge Absolventinnen von Filmhochschulen mehr Zeit bekämen, sich auf den Job einzustellen. Man muss erst einmal verstehen, wie diese Fabrik funktioniert.

Frage: 2021 haben Sie die Kampagne #actout unterstützt, bei der sich 185 Schauspieler als homosexuell und queer geoutet haben. Was hat Ihnen diese Aktion gebracht?

Antwort: Ich habe das Outing #actout sehr gern unterstützt. Mit meiner Homosexualität bin ich allerdings schon lange vorher sehr offen umgegangen. Ich habe wegen meiner Homosexualität nie Probleme in meinem Beruf gehabt. Ich finde es aber immer wieder bestürzend zu hören, welche Probleme Kolleginnen und Kollegen in der Filmbranche haben, weil sie schwul oder divers sind.

Frage: Wie lässt sich die Situation von homosexuellen und queeren Menschen verbessern?

Antwort:  Ich finde, dass schwule, diverse und queere Menschen sichtbar sein sollten. Das ist umso wichtiger in einer Zeit, in der gerade in verschiedenen Ländern solche Menschen unter Druck sind und auch Frauenrechte zurückgedreht werden. Ich finde das sehr bedenklich. 

Frage: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass solche Tendenzen zu beobachten sind?

Antwort: Die Welt, in der wir leben, ist sehr komplex. Es gibt viele Menschen, die einfache Antworten auf vielschichtige Probleme haben wollen. Das ist ein Problem. Dazu gehört auch, dass Minderheiten unter Druck geraten. Das macht mir wirklich Sorgen.

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