Sylt Reichweite mit Rassisten: Was wir wirklich aus dem Sylt-Video lernen können
„Eine Welt”: Eine Insel wird zum Feindbild und die einzige Reaktion, die uns einfällt, ist das Verbot eines eigentlich wirklich guten Partyhits. Nach den rassistischen Vorfällen auf Sylt ist der Aufschrei groß. Dabei ist es nicht das erste Ereignis dieser Art und wird mutmaßlich auch nicht das letzte sein. Denn Rassismus ist keine Frage des Geldbeutels, auch wenn uns das noch so gut ins Klischee passen würde.
Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir Menschen lieben Party und Protest, wollen die Erde retten und trotzdem online shoppen. Dabei setzen wir den Planeten in Brand. Die Klimakrise ist DAS Thema unserer Zeit. Miriam Scharlibbe legt den Finger in die Wunde und schaut dorthin, wo es wehtut: in den Spiegel. Sie kritisiert Verschwendung und Verwerfungen des Kapitalismus, Gedankenlosigkeit und mangelnde Nachhaltigkeit – und hadert dabei ständig mit sich selbst.
Es gibt Nachrichten, die hinterlassen nicht nur einen faden Beigeschmack, sie machen regelrecht wütend. Manchmal versetzen sie sogar ein ganzes Land in Rage. Und es gibt kein Mittel, das gegen diese innere Unruhe, die Fassungslosigkeit und tiefe Traurigkeit hilft. Manchmal hilft nur etwas Abstand, etwas Zeit, um zu erkennen, was das eigentliche Thema ist. Denn die Nazi-Parolen von Sylt stehen stellvertretend für mehrere Probleme, die Deutschland im Jahr 2024 hat.
Angefangen hat alles mit diesem ersten Video, das von der Nordsee bis zu den Alpen inzwischen beinahe jeder kennt. Viele junge Menschen feiern zu Pfingsten ausgelassen in einem Club auf Sylt. Als die Menge den Refrain eines beliebten Partyliedes mitsingt, halten sich einige Gäste nicht an die ursprünglichen Liedzeilen, sondern grölen rassistische Parolen. Sie tanzen. Sie lachen, als hätten die Worte keine Bedeutung. Sie heben den Arm zum Hitlergruß, so natürlich, als wäre es Teil einer bekannten Choreographie.
Das Video macht fassungslos. Nicht, weil wir bisher glaubten, Rassismus sei ein Festlandproblem. Nicht, weil man dachte, so etwas gäbe es in Deutschland nicht. Unzählige Beispiele erzählen jeden Tag davon, dass verbale und physische Gewalt zunimmt und rechtsradikale Parolen salonfähig werden. Aber die Leichtigkeit und Gleichgültigkeit, die auf dem Video zu sehen sind, als wäre das alles nur ein dummer Partyscherz, die schockieren.
In einem Land, in dem seit Jahren über angebliche Denk- und Sprechverbote diskutiert wird und der Alkohol vor Gericht zu einer verminderten Schuldfähigkeit führt, werden Partys als rechtsfreier Raum wahrgenommen. Das führt nicht nur dazu, dass in einem gut besuchten Club offensichtlich keiner der anderen Partygäste es für notwendig gehalten hat, dieses Verhalten zu unterbinden. Und noch viel schlimmer: Die Sänger filmten sich selbst, rechneten also offenbar mit Zustimmung derjenigen, die den Clip später sehen würden.
Noch während sich die ersten Emotionen einen Weg suchen, die Recherchen starten und die Berichterstattung beginnt. Während diese Zeitung als erste ein direktes Statement des Clubbetreibers vor Ort erhält, weil Lokaljournalisten eben hinfahren und sich nicht aus der Ferne eine Meinung bilden. Noch während all dies passiert, heizt sich das Internet auf.
Das Video verbreitet sich überall. Weil Menschen es ohne Einordnung teilen. Menschen, die ihr Geld in sogenannten Sozialen Netzwerken normalerweise mit Fitnesstipps und Lebensweisheiten verdienen, stehen mit aufgerissenen Augen vor der eigenen Kamera, blenden das Syltvideo ein und zeigen sich entsetzt. So gewinnt man Reichweite mit Rassisten.
Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, sich zu empören, wenn Menschen gegen das Grundgesetz verstoßen. Im Gegenteil. Knapp zwei Wochen vor der Europawahl brauchen wir mehr denn je Stimmen, die eine breite Öffentlichkeit erreichen, die deutlich machen, dass es nicht egal ist, wenn Europa kollektiv nach rechts rückt. Aber diese Empörung muss echt sein.
Das mag für einige der Online-Bekundung stimmen. Für viele sicher nicht. Wenn in Windeseile unzählige Videos entstehen, in denen sich über reiche Söhne und Töchter mit rassistischem Gedankengut amüsiert wird, hilft das weder der Wahlbeteiligung noch einer ernsthaften Aufarbeitung der Ereignisse. Es geht hier nicht um “Champagner-Nazis”, wie ein großes deutsches Magazin titelt.
Rassismus ist kein exklusives Problem der Reichen und Sylt besteht im Übrigen auch nicht nur aus den oberen Zehntausend. Diese gefährliche Vereinfachung, die Anpassung von Nachrichten an Klischees ist typisch für virale Debatten. Zuspitzung und Ironie mag auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit sein, und verharmlost dennoch das Leid der Betroffenen.
Was die Reichweite immerhin gebracht hat: Immer mehr Menschen berichten von ähnlichen Vorfällen. Eine junge schwarze Frau berichtet sogar davon, wie sie ebenfalls auf Sylt verbal attackiert und geschlagen wurde und hofft jetzt darauf, dass das Internet mehr Erfolg hat bei der Suche nach den Tätern, als die Polizei, die die Anzeige gegen Unbekannt aufgenommen hat. Das öffentlich zu machen, hat sie sich aber erst getraut, nachdem ganz Deutschland über Sylt redet. Offensichtlich hatte sie bis dahin den Eindruck, Teil einer Gesellschaft zu sein, die ihr im Zweifel nicht zur Hilfe eilt.
Dass sie davon ausgehen muss, verwundert nicht. Denn immerhin gab es schon im Januar einen ähnlichen Vorfall im Süden Schleswig-Holsteins. Aber die Dorfdisko taugte vielleicht einfach nicht für große Schlagzeilen. Lokaljournalisten berichteten, DJs vereinbarten untereinander ihre Songlisten anzupassen. Ein Statement vom Bundeskanzler gab es damals nicht.
Es ist ja auch so schön einfach: Reich gleich böse. Arme gleich gut. Mit diesem Bild spielen verschiedene politische Parteien schon länger. Der abgehängte Arbeitslose meint das nicht so, wenn er den schwarzen Nachbarn beschimpft, aber den Porschefahrer veröffentlichen wir am besten gleich mit Foto und Namen im Internet und starten die Hetzjagd. Was für sonderbare Kategorien von Gerechtigkeit, die vermitteln, man selbst habe mit dem wachsenden Rassismus in unserer Gesellschaft nichts zu tun. So lange man kein Haus auf Sylt hat, ist man aus dem Thema raus? Was für ein Unsinn.
Jetzt werden Lieder verboten und mutmaßliche Täter aus Schützenvereinen ausgeschlossen. Internatsschüler werden ins Bett geschickt, um über ihr Fehlverhalten nachzudenken und Barbetreiber versprechen hoch und heilig, sich der nächsten Anti-Rassismuskampagne anzuschließen. Und mancher Schlaumeier fordert schon, man möge doch einfach wieder die Punks nach Sylt schicken, dann würde sich alles von selbst lösen.
Aber in Wahrheit sind wir alle ein bisschen Sylt. Radikalisierung passiert jeden Tag überall. Und überall gibt es Menschen, die aufstehen und etwas sagen könnten. Oder lieber schweigen.