Berlin Helferin über Unterstützung für Flüchtlinge: „Der Hype ist vorbei“
Ohne Ehrenamtliche geht nichts in der Flüchtlingshilfe. Doch während die Zahl der Asylbewerber wieder steigt, nimmt die Zahl der freiwilligen Helfer ab. Über ein wertvolles System, das mancherorts vor dem Kollaps steht.
Im „Willkommen-Team Norderstedt e. V.“ haben sie ein Credo. „Wir wollen jeden neuen Flüchtling persönlich begrüßen“, sagt die Vereinsvorsitzende Ilka Bandelow. Rund zehn Schutzsuchende kämen pro Woche in Norderstedt an. Bandelow und ihr Team helfen den Geflüchteten, sich in der 81.000-Einwohner-Stadt an der Grenze zu Hamburg zurechtzufinden. Wo ist das Rathaus, wo der nächste Discounter?
Die Helfer geben Deutschunterricht, sind bei Behördengängen dabei, füllen Formulare aus. Machten sie einen Fehler, so Bandelow, könne das darüber entscheiden, ob jemand einen Aufenthaltstitel erhält oder nicht.
Es ist ein wertvolles Engagement, das viel Durchhaltevermögen kostet. Doch Bandelow weiß nicht, wie lange der Verein das noch stemmen kann. Denn dafür brauchen sie vor allem eine Ressource: Ehrenamtliche – und von denen gibt es immer weniger.
Auch der Verein „Janusz Korczak“ aus Hannover ist davon betroffen. „Wir stoßen zunehmend an die Belastungsgrenze“, sagt die Vorsitzende Jutta Meier-Wiedenbach. Die Organisation, benannt nach einem polnischen Kinderarzt, kümmert sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. „Momentan schaffen wir es nicht, weitere Vormundschaften zu übernehmen“, beklagt Meier-Wiedenbach.
„Janusz Korczak“ ist ein kleiner Verein, elf Ehrenamtliche engagieren sich hier regelmäßig. Nicht genug. Und so müssen sie bei anderen Vereinen anklopfen, wenn sie selbst keine Vormundschaften mehr übernehmen können.
Sind Hilfsorganisationen überlastet, dann leidet darunter die Integration. Die Politik entscheidet, wie Geflüchtete in Deutschland verteilt werden, welche Leistung sie erhalten, wer abgeschoben wird. Die Ehrenamtlichen tragen entscheidend dazu bei, wie gut Geflüchtete in Deutschland ankommen. Das Bundesinnenministerium nennt ehrenamtliche Arbeit den „Motor der Demokratie“. In dem Satz schwingt viel Pathos mit, aber auf die freiwillige Flüchtlingshilfe scheint er allemal zuzutreffen.
Insgesamt 29 Millionen Menschen in Deutschland haben nach Angaben des Ministeriums ein Ehrenamt. Wie viele davon Geflüchtete und Asylsuchende unterstützen, ist nicht bekannt. Regelmäßig lässt das Bundesfamilienministerium jedoch eine repräsentative Umfrage zu ehrenamtlicher Arbeit durchführen. Die Zahlen aus dem aktuellen Deutschen Freiwilligensurvey stammen allerdings von 2019. Demnach haben sich zwischen 2014 und 2019 rund zwölf Prozent der über 14-Jährigen im Bereich Geflüchtete engagiert.
Spricht man mit Hilfsorganisationen, heißt es stets, dass der Zulauf von Helfern wellenartig verlaufe. Den ersten großen Andrang gab es demnach während der Flüchtlingskrise 2015. Kurzzeitig ging damals eine Euphorie durch das Land, die sich auf die Initiativen übertrug. In den Jahren darauf ebbte die Begeisterung ab.
Das änderte sich mit dem 24. Februar 2022. Nach der russischen Invasion der Ukraine konnte man eine ähnliche Stimmung wie 2015 beobachten. Wieder war die Hilfsbereitschaft groß – wieder nahm sie ab. Dabei kamen aber nicht nur Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland, sondern auch Hunderttausende Asylbewerber aus Drittstaaten. Das Land durchlebte eine doppelte Flüchtlingskrise, die nach Auffassung vieler Beobachter noch anhält.
Allein im vergangenen Jahr stellten 351.000 Menschen einen Asylantrag, der höchste Wert seit 2016. Doch von der einstigen „Refugees Welcome”-Kultur ist kaum etwas übrig geblieben. Zu spüren bekommen das auch die ehrenamtlichen Vereine. Eine Helferin, die anonym bleiben möchte, sagt frustriert: „Der Hype ums Ehrenamt ist vorbei.“
Das kann Philipp Meinert vom Paritätischen Gesamtverband bestätigen. Er macht dafür den restriktiven Kurs in der Flüchtlingspolitik mitverantwortlich. Damit werde konterkariert, „was viele Ehrenamtliche mit ihrem Engagement jahrelang praktisch umgesetzt haben und wofür sie sich einsetzen: für ein gesellschaftliches Miteinander und Integration.“
Die verschärften Maßnahmen und der raue Ton in der Flüchtlingsdebatte sind das eine. Für die rückläufige Bereitschaft gibt es auch ganz praktische Gründe. „Unsere Helfer sind größtenteils Rentner“, berichtet Ilka Bandelow aus Norderstedt. „Die sind äußerst engagiert, aber natürlich werden die auch mal müde und wollen etwas anderes machen.“
Grundsätzlich sei es schwer, Nachwuchs zu finden. Bei der Gründung 2014 zählte der Verein rund 350 Mitglieder, heute seien es nur noch 200. Zwar würden sie immer wieder jüngere Helfer hinzugewinnen. „Oft befinden die sich aber in der Übergangszeit zwischen Abitur und Studium“, sagt Bandelow. „Dann sind die nach einem halben Jahr wieder weg.“ Was sie aber dringend brauchen: langfristige Unterstützung.
Wie wichtig die Arbeit der Ehrenamtlichen ist, zeigen ihre Geschichten. Sie berichten von jungen Menschen, die durch ihre Nachhilfe eine Ausbildung begonnen haben; von einer engen Verbindung zum Ort; und immer auch von Geflüchteten, die sich irgendwann selbst engagieren, Deutschkurse anbieten, eigene Initiativen gründen. „30 Prozent der Ehrenamtlichen bei uns haben selbst eine Fluchtgeschichte“, sagt Sara Josef vom Verein „Exil“ aus Osnabrück.
Hier hadern sie übrigens nicht mit fehlenden Helfern, sondern mit bürokratischem Aufwand. „Wir bekommen kaum noch Antworten von der Ausländerbehörde“, berichtet die Geschäftsführerin. Besonders folgenschwer kann das bei geduldeten Geflüchteten sein: Sie müssen alle 30 Tage ihre Arbeitserlaubnis verlängern.
„Wir haben schon erlebt, dass Menschen zwischenzeitig nicht arbeiten konnten, weil die Behörde zu lange mit den Anträgen beschäftigt war“, sagt Josef. „Nicht nur für die Betroffenen, auch für unsere Helferinnen und Helfer ist das eine psychische Belastung.”
Personalnot, Bürokratie, Frust: keine einfache Zeit für die Ehrenamtlichen. Wie kann ihre Arbeit unter diesen Umständen gestärkt werden?
Die Frage geht an Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. „Um Menschen langfristig für Engagement zu gewinnen“, sagt sie, „müssen professionelle Strukturen ausgebaut werden.“ Worauf sie drängt: Hauptamtliche Vereine, die sich um die Aufnahme und Integration von Geflüchteten kümmern, brauchen mehr finanzielle Mittel von Bund und Ländern. Davon profitierten auch ehrenamtliche Helfer, sagt die DRK-Chefin.
Es stimmt: Hauptberufliche Helfer haben einen engen Draht zu Behörden, können dort für freiwillige Vereine lobbyieren und sie bei Personalmangel unterstützen. Doch dieses Zusammenspiel funktioniert eben nur, wenn es überall genug hauptamtliche Organisationen gibt.
Letztlich kommt es laut Hasselfeldt aber auch auf den Sound des politischen Diskurses über Geflüchtete an: Mehr Sachlichkeit, ist sie überzeugt, könne den Vereinen wieder mehr Zulauf bescheren.
Im Oktober feiert das „Willkommen-Team Norderstedt“ Zehnjähriges. Vereinsvorsitzende Bandelow glaubt: „Was die Notwendigkeit angeht, müsste es unseren Verein wahrscheinlich noch in 40 Jahren geben.“ Voraussetzung: Sie haben dann noch genug Leute.