Berlin  Markus Lanz über Sylt-Sänger: „Das sind keine Nazis“

Svana Kühn
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Von Svana Kühn
| 29.05.2024 11:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Markus Lanz hat sich beim Thema Sylt mit der Autorin Gilda Sahebi angelegt. Foto: dpa/ZDF/Markus Hertrich
Markus Lanz hat sich beim Thema Sylt mit der Autorin Gilda Sahebi angelegt. Foto: dpa/ZDF/Markus Hertrich
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Das Handyvideo, auf dem zu sehen ist, wie junge Menschen auf Sylt zu „L’amour toujours“ rassistische Parolen skandieren, sorgte in den vergangenen Tagen für Diskussionsstoff. Bei „Markus Lanz“ hinterfragte der Moderator die Medienberichterstattung über den Vorfall – und geriet mit der Autorin Gilda Sahebi aneinander.

Es ist ein verstörendes Video: An Pfingsten skandieren junge Party-Gäste im Sylter Club „Pony“ zur Melodie von „L’amour toujours“ von Gigi D‘Agostino die fremdenfeindliche und rassistische Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Das Video geht in den sozialen Medien viral – und es werden immer mehr Fälle öffentlich: auf Schützenfesten in Niedersachsen, an einem Elite-Internat in Schleswig-Holstein, auf dem Hamburger Schlagermove.

Auch in zahlreichen Talkshows wird der Rassismus-Skandal debattiert. Markus Lanz hat in seiner ZDF-Show am Dienstagabend um Differenzierung gebeten. „Ich finde den Begriff ‚Nazi‘ in diesem Zusammenhang schwierig. Das sind keine Nazis. Das sind Rassisten, oder Leute mit rassistischen Vorurteilen“, sagte der Moderator. Er sei gerade in den USA gewesen und berichtete dazu: „Das Bild des hässlichen Nazi-Deutschland war aber ganz schnell wieder gemalt.“

In dem Zusammenhang übte er vor allem an den deutschen Medien Kritik: „Wenn wir die Geschichte unvorstellbar groß machen, dann wird sie natürlich jemand im Ausland auch mit einem anderen …“ An der Stelle unterbrach die Autorin Gilda Sahebi ihren Gastgeber: „Aha! Also Rassismus benennen sollte man nicht tun, weil dann könnte das Ausland …“ Dann wieder Lanz: „Drehen Sie mir bitte nicht die Worte im Mund um.“

Das Verhalten der Sylt-Sänger finde der Moderator abstoßend: „Man sieht das und denkt, das ist doch nicht euer Ernst!“ Schockiert sei er außerdem über die „Selbstverständlichkeit“: „Offensichtlich gibt es da einen Song. Das denkst du dir ja nicht am Abend so aus. Sondern das gibt es ja offensichtlich schon länger.“

Dennoch finde Lanz den Begriff Nazi in dem Zusammenhang schwierig und wehre sich gegen den Vorwurf, ganz Deutschland sei rassistisch. „Das sind keine Nazis“, sagte Lanz und kam mit Sahebi dann doch noch auf einen Nenner. „Das ist auch genau der Grund, warum ich in meinem Buch über Rassismus nicht ein Wort über Nationalsozialismus spreche“, sagte die Autorin. „Wenn man ‚Rassismus’ hört, denkt man sofort an die Nazis oder die Nazi-Keule. Das hat damit nichts zu tun.“

Aber auch mit Martin Huber geriet Sahebi aneinander. Der CSU-Generalsekretär bezeichnete die Aussagen im Video als „zutiefst ekelhaft und schockierend“. „‚Schockierend‘ und ‚ekelhaft‘ waren so die häufigsten Reaktionen auf dieses Video. (...) Das sind so klassische Ausdrücke, wo man sich sehr stark distanzieren kann und sich nicht wirklich damit auseinandersetzen muss, was eigentlich darunter liegt“, kritisierte Sahebi – und nannte solche Urteile ein „sich von Rassismus distanzieren zum Sonderpreis“.

Die Autorin plädierte dafür, „sich (...) zu überlegen, warum es sowas gibt und wo das herkommt und was man vielleicht selbst damit zu tun hat“. Genau das werde aber vor allem von der CDU/CSU nicht umgesetzt: „Die Forderung der CDU/CSU, dass man Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, wenn sie bestimmte Straftaten begehen, die deutsche Staatsangehörigkeit entzieht, das bedeutet, dass bestimmte Menschen mit einer bestimmten Herkunft nie echt Deutsche sind. Sie sind immer deutsch auf Bewährung.“ Das sei nichts anderes, als die Trennung von echten und nicht echten Deutschen. Und das wiederum sei „nichts anderes als Deutschland den Deutschen, Ausländer raus. Es klingt nur viel besser.“

Huber konterte: „Ich finde diese Argumentation etwas grotesk, weil sie den Eindruck erwecken, die Forderungen, von CDU/CSU, in gewissen Fällen die doppelte Staatsbürgerschaft zu entziehen, die würde sich mit Bagatellen beschäftigen.“ Das sei mitnichten so. Vielmehr ginge es dabei um Menschen, die den Antisemitismus unterstützen oder auf öffentlicher Straße das Kalifat fordern.

Vom Rechtswissenschaftler Kai Ambos wollte Lanz wissen: „Was davon ist wirklich justiziabel?“ „Das ist doch billig“, schimpfte der Experte. „Das ist nur eine Empörungsreaktion.“ Mit dem Handyvideo auf Sylt sei „noch nicht die Schwelle der Volksverhetzung erreicht.“ Das müsse man aushalten.

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