Osnabrück Pathos und Pragmatismus – die EU braucht beides zum Überleben
An Sonntagsreden und Beschwörungen der europäischen Einigung herrscht kein Mangel. Das zeigt auch der Besuch von Emmanuel Macron in Deutschland. Nun ist es an der Zeit, dass sich die Bürger bekennen.
Das Schicksal der Europäischen Union liegt maßgeblich in den Händen der jungen Generation. Daran hat Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron mit seiner Rede beim europäischen Jugendfest „Fête de l‘Europe“ vor der Frauenkirche in Dresden erinnert – passend zur bereits vor wenigen Wochen geäußerten Mahnung: „Unser Europa kann sterben“.
Tatsächlich ist der Fortbestand der Gemeinschaft in seiner jetzigen Form – freiheitlich, liberal und solidarisch – längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Umfragen zur Europawahl im Juni zufolge werden Nationalisten ihren Einfluss im Europaparlament wohl ausbauen; in einigen Mitgliedstaaten tragen europaskeptische Parteien bereits Regierungsverantwortung. Das macht die Integration nicht einfacher – zumal auch äußere Faktoren zur Destabilisierung beitragen.
Dass es der EU schon heute bisweilen schwerfällt, an einem Strang zu ziehen, zeigt sich beim Ukraine-Krieg, beim Umgang mit den Palästinensern und der Kritik an Israels Vorgehen in Gaza oder auch im Kampf um die angemessenen Mittel gegen Klimawandel und illegale Migration.
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Bei allen unterschiedlichen Interessen stehen Berlin und Paris bis dato unermüdlich für das Zusammenwachsen der EU. Sollte auf Macron, dem eine dritte Amtszeit rechtlich verwehrt ist, die rechtspopulistische Marine Le Pen folgen, wäre das wohl nicht mehr selbstverständlich; eine Präsidentin Le Pen stellte die deutsch-französische Staatenfreundschaft auf die Probe. Umso wichtige würde der Austausch auf allen gesellschaftlichen Ebenen, für den es heute die Grundlagen zu sichern gilt.
Gerade auch vor dem Hintergrund der über Generationen währenden Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen zeigt sich die epochale Leistung der europäischen Einigung als Errungenschaft für einen friedlichen Kontinent.
Zwei Weltkriege haben die Völker Demut gelehrt und die Erkenntnis, dass es besser ist, einander zum Freund zu haben, als zum Feind. Daran gemahnt auch die Verleihung des Preises des Westfälischen Friedens an den französischen Präsidenten an diesem Dienstag in Münster. Die Auszeichnung würdigt jene Persönlichkeiten, die sich besonders für die europäische Integration engagieren und erinnert daran: Europa braucht Mahner und Visionäre wie Macron.
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Als politische und ökonomische Schwergewichte sind Deutschland und Frankreich in der Verantwortung, das europäische Projekt so weiterzuentwickeln, dass die EU international neben China und den USA nicht nur bestehen, sondern eine gewichtige Rolle spielen und sich selbst verteidigen kann. So sind Paris und Berlin mehr denn je gefordert, Veränderungsimpulse zur Zukunft der EU zu geben, und das besser heute als morgen – Pathos und Pragmatismus, Europa braucht beides.