Hamburg  Tödlicher Streit zwischen Großfamilien: Polizei kontaktierte Friedensrichter

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 28.05.2024 05:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf offener Straße wurde ein Mitglied der Familie El Zein in Stade mit einem Messer in den Kopf gestochen. Welche Rolle spielte später ein Friedensrichter? Foto: Polizei Stade
Auf offener Straße wurde ein Mitglied der Familie El Zein in Stade mit einem Messer in den Kopf gestochen. Welche Rolle spielte später ein Friedensrichter? Foto: Polizei Stade
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Nach dem tödlichen Streit zwischen Mitgliedern zweier arabischer Großfamilien in Stade wird jetzt bekannt: Die Polizei wandte sich in der aufgeheizten Stimmung, in der Blutrache drohte, auch an einen sogenannten Friedensrichter. Das behauptet zumindest die Landesregierung.

Ein tödlicher Messerstich war im Frühjahr in Stade, Niedersachsen, der traurige Höhepunkt eines schwelenden Streits zwischen Mitgliedern zweier arabischer Großfamilien. Die Polizei vor Ort fürchtete, dass die Lage noch weiter eskalieren könnte – und nahm auch Kontakt zu einem sogenannten Friedensrichter auf.

Das geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf Anfrage der CDU hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Die oppositionelle Union wollte wissen, welche Rolle Imame und selbsternannte Friedensrichter nach dem tödlichen Stich von Stade spielten. Unter Friedensrichtern werden gemeinhin Personen verstanden, die im islamischen Raum Urteile sprechen, ohne selbst Vertreter eines Rechtsstaates zu sein. In Deutschland ist in dem Kontext häufig von Paralleljustiz im Bereich der Großfamilien die Rede, die Konflikte eher untereinander regelten.

Bei dem Vorfall im März war es auf offener Straße zunächst zu einem offenbar provozierten Unfall in der Innenstadt von Stade gekommen. Anschließend gerieten die Insassen mehrerer Pkw aneinander, Polizisten waren mit dem Handgemenge laut Handyvideos von Augenzeugen überfordert. In dem Tumult soll ein Mann einem anderen mit einem Messer in den Kopf gestochen haben; das Opfer starb später im Krankenhaus.

Schnell wurde bekannt: Der zunächst flüchtige Tatverdächtige stammte aus der Familie Miri, das Opfer aus der Familie El Zein – zwei arabischstämmige Großfamilien also, bei denen einzelne Mitglieder immer wieder in Verbindung gebracht werden mit Clan-Kriminalität. Die Sicherheitsbehörden fürchteten eine weitere Eskalation der Gewalt in der Kleinstadt und riefen massiv Verstärkung.

Aus der Antwort des Ministeriums geht hervor, dass die Opferfamilie zunächst die Kommunikation mit der Polizei verweigert haben soll. „Eine direkte Kontaktaufnahme gestaltete sich für die Polizei sehr schwierig.“ Die Familie habe auf zwei Personen als Ansprechpartner verwiesen, die aus Nordrhein-Westfalen „zur Trauerbegleitung“ angereist waren.

„Bei den Personen handelte es sich um einen Imam und einen sogenannten Friedensrichter“, so das Ministerium. Beide seien mit dem Opfer verwandt. „Als eine von mehreren Maßnahmen“ sei von der Polizei in Stade ein Kontakt zu dem sogenannten Friedensrichter hergestellt worden. „Diese Kontaktaufnahme erfolgte insbesondere, um Informationen zu weiteren Anreisebewegungen von Personen sowie über mögliche Racheakte der Opferfamilie gegenüber der Familie des Täters zu erlangen und somit frühzeitig polizeiliche Gegenmaßnahmen insbesondere zur Gefahrenabwehr vorbereiten zu können.“

In der Folge blieb es in Stade tatsächlich ruhig. Unsere Redaktion hatte bereits unmittelbar nach der Tat im Frühjahr über den Einsatz der Respektspersonen aus Nordrhein-Westfalen berichtet. Ein Sprecher der Salâhud-Dîn Moschee in Essen bestätigte seinerzeit, dass zwei Imame der Einrichtung, Onkel des Opfers, anreisten, um zu deeskalieren. In sozialen Netzwerken verbreitete sich anschließend der Appell eines Imams, in dem er dazu aufrief, dem Rechtsstaat die Aufklärung des Mordfalls und die Bestrafung der Täter zu überlassen.

War einer der beiden Männer als Friedensrichter aktiv? Moschee-Sprecher El Sayed dementierte das auf erneute Anfrage unserer Redaktion. „Beide Männer sind seit Jahren als Imame tätig und genießen großen Respekt. Ihr Aufruf, dem deutschen Rechtsstaat die Bestrafung der Täter zu überlassen, statt Selbstjustiz zu üben, war ganz offensichtlich erfolgreich. Mit Friedensrichtern hat das nichts zu tun.“

El Sayed betonte, ein Friedensrichter hätte sich viel mehr an beide Familien gewandt und versucht, den Konflikt ohne Polizei und Justiz zu lösen. Der Appell an die Familie El Zein habe indes genau zum Gegenteil aufgerufen.

Der Moschee-Sprecher hatte in der Vergangenheit ebenfalls betont, dass zumindest das Opfer nicht in Verbindung zu bringen sei mit Clan-Kriminalität. Die Sicherheitsbehörden in Niedersachsen bewerten das offenbar teilweise anders. So werden die Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft Stade von einer Spezialeinheit geführt, die sich speziell um Clan-Kriminalität kümmert. Stade ist Sitz einer der vier Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften zu diesem Thema.

Ein Sprecher der Anklagebehörde begründete dies auf Anfrage unserer Redaktion so: „Es gibt Hinweise, dass sowohl das Opfer als auch der inhaftierte Tatverdächtige sowie weitere teilweise noch zu ermittelnde Beschuldigte einem hier als grundsätzlich kriminell eingestuften Clan angehören.“ Wann es in Stade zu einem Prozess kommt, ist noch offen. Die Staatsanwaltschaft ist zuversichtlich, die Anklage gegen den Verdächtigen in den kommenden Wochen fertigzustellen.

Sebastian Lechner, Chef der CDU in Niedersachsen, betonte angesichts der neuen Erkenntnisse zu den Vorgängen in Stade: „Clan-Kriminalität ist eine besondere Form schwerster Kriminalität, die auch unsere Werteordnung in Frage stellt und damit unsere freiheitliche Lebensweise.“ Es dürfe nicht aus falsch verstandener Toleranz weggeschaut werden, wenn insbesondere Mitglieder von Familien mit Migrationshintergrund wie in Stade unseren Staat herausfordern, indem sie schwerste Straftaten begehen und so ihre Familienkonflikte auf offener Straße austragen.“

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