Osnabrück  Künstliche Intelligenz – wie weit wollen wir gehen?

Louisa Riepe
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Von Louisa Riepe
| 23.05.2024 11:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wie sähe eine Gesellschaft aus, die sich von Zahlen, Analysen und Künstlicher Intelligenz leiten lässt? Foto: Unsplash/Stephen Dawson
Wie sähe eine Gesellschaft aus, die sich von Zahlen, Analysen und Künstlicher Intelligenz leiten lässt? Foto: Unsplash/Stephen Dawson
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Künstliche Intelligenz hat schon heute Einfluss auf viele Lebensbereiche – oft, ohne dass wir es merken. Gerade deshalb sollten wir bei ihrer Entwicklung den ethischen Kompass nicht vergessen, findet unsere Chefredakteurin Louisa Riepe.

Als treue Leser dieser Kolumne wissen Sie es längst: Ich versuche Ihnen hier immer wieder Ideen vorzustellen, die das Potenzial für eine bessere Zukunft haben. Zuletzt hat mich eine sehr konkrete Zukunftsvision allerdings nachdenklich gemacht.

Im Theaterstück „(R)Evolution“ von Yael Ronen und Dimitrij Schaad wird die Idee einer Gesellschaft, die sich von Zahlen, Analysen und künstlicher Zahl Intelligenz leiten lässt, auf die Spitze getrieben:

Da muss sich ein Pärchen, das sich ein Kind wünscht, mit der Frage auseinandersetzen, ob der Nachwuchs trotz der väterlichen Neigung zu Herzerkrankungen überhaupt eine Krankenversicherung erhalten wird – oder ob sich der Einsatz der Genschere lohnt. Der Kühlschrank kennt den Blutzuckerspiegel seines Besitzers und kontrolliert, dass auch ja nichts Ungesundes oder gar zu spät am Abend gegessen wird. Und der persönliche Sprachassistent meldet als problematisch eingestufte politische Äußerungen zum Zwecke der präventiven Inhaftierung an die Polizei.

Alles nur ein düsteres Szenario? Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik in der KI an der Universität Osnabrück, weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass KI schleichend und ohne öffentliches Aufsehen bereits in viele Lebensbereiche Einzug erhalten habe, „mit erheblichen Folgen für Chancengleichheit, Anti-Diskriminierung und die öffentliche Debattenkultur“.

Er nennt als Beispiele unter anderem Auswahlprozesse für Jobs oder Studienplätze, Personalführung, Kreditvergabe und Versicherungsrisiken, die schon heute massiv durch KI-Systeme unterstützt würden. In manchen Ländern betreffe das auch die sozialstaatliche Infrastruktur, etwa das Entscheiden über Sozialleistungen oder Asylanträge, so Mühlhoff.

Tatsächlich finden sich einige Beispiele für einen durchaus fragwürdigen Einsatz von KI: So finanzierte die Europäische Union ein Projekt namens „iBorderCtrl“, bei dem eine Art Lügendetektor für den Einsatz an den europäischen Außengrenzen entwickelt wurde. Reisende sollten dabei von einem virtuellen Grenzbeamten befragt werden, während eine künstliche Intelligenz deren Gesichtszüge analysierte. Durchgelassen werden sollten nur Menschen, die ehrlich antworteten. Die EU antwortete damals Kritikern, es handle sich „nur“ um ein Forschungsprojekt.

Ganz real wird es beim Thema Autoversicherungen: Einige Versicherer bieten heute schon Tarife an, bei denen das Fahrverhalten der Kunden per App überwacht wird – etwa Geschwindigkeit, Brems- und Beschleunigungs- und Kurvenverhalten sowie Fahrzeiten und -orte. Vorausschauendes und sicheres Fahren wird mit Ersparnissen bei den Versicherungskosten belohnt. Die Verbraucherzentrale warnt: So ein Tarif bedeute, „dass die Versicherung Ihr Verhalten genau aufzeichnet. Und: Sie werden mehr zahlen müssen, wenn Ihr Fahrverhalten der Versicherung nicht gefällt.“

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin absolut aufgeschlossen gegenüber künstlicher Intelligenz und sehe die Chancen für unsere Produktivität, die durch Automatisierung entstehen können. Aber die Recherche für diese Kolumne hat mir nochmal vor Augen geführt, dass wir sorgsam abwägen und auch ethische Fragen mit einbeziehen sollten, wenn wir neue Systeme einführen. Sonst sieht unsere Gesellschaft in zehn Jahren wirklich so aus, wie bei (R)Evolution.

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