Osnabrück „Prozeß“ und „Schloss“: Franz Kafkas Revolte gegen die totale Herrschaft
Romane wie „Der Prozeß“ und „Das Schloß“ machten ihn weltberühmt – posthum. Vor 100 Jahren, am 3. Juni 1924, starb Franz Kafka. Mit seiner Literatur revoltierte er gegen totalitäre Herrschaft. Wer war der Autor, der eine seiner Romanfiguren in einen Käfer verwandelte? Eine Reise zu Franz Kafka.
Leben im Labyrinth: Morgenstund hat Schrecken im Mund. Bei Franz Kafka jedenfalls. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“: So lautet der erste Satz seines Romans „Der Prozeß“. In seiner Erzählung „Die Verwandlung“ erwacht die Hauptfigur Gregor Samsa „aus unruhigen Träumen“ und findet sich „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Eben noch wohlig vertraut, jetzt zutiefst fremd: Für Josef K. und Gregor Samsa verkehrt sich sicher geglaubte Lebenswelt in ein bedrohliches Labyrinth. Nicht nur für den „Prozeß“ und die „Verwandlung“ gilt: Kafkas Texte sind wie der „Schrei“ von Edvard Munch, Fanale der Einsamkeit, Isolation, Ausgesetztheit. In Kafkas Texten spiegeln sich die Entfremdungskonflikte der Moderne.
Wer war Franz Kafka? Geboren 1883 in Prag, gestorben am 3. Juni 1924 in Kierling, Sohn bürgerlicher Eltern, Studium der Rechte, Arbeit als Beamter bei der Prager Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen: Das Stenogramm seines Lebens liest sich wie der Phänotyp einer bürgerlichen Normalexistenz. Büro und Bohème? Ganz so lebt Kafka nicht. Aber ihm misslingt die bürgerliche Existenz. Konfrontation mit dem Vater, gescheiterte Beziehungen mit Felice Bauer und Milena Jesenská: Was bleibt sind große Texte wie der „Brief an den Vater“, Archetyp einer Abrechnung. Kafka lebt, wenn er schreibt. „Ich habe kein litterarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes, kann nichts anderes“, warnt er die zeitweilige Verlobte Felice Bauer.
Was ist an Kafkas Welt kafkaesk? Wer die Welt nicht mehr versteht, weil sie fremd und bedrohlich erscheint, der nennt sie kafkaesk. Ein Adjektiv nach dem Namen des Schriftstellers – nichts belegt deutlicher Kafkas immense Wirkung. Wer keine Zeile seiner Texte gelesen hat, kennt doch das Gefühl, in dem Kafkas literarische Figuren leben. Sie sehen sich mit Machtstrukturen konfrontiert, die undurchdringlich bleiben, finden keine Antwort auf Fragen nach Sinn und Ziel. Kafkas Figuren wandeln wie in Spiegelkabinetten: Josef K., der zu jenem Gericht, das ihn verurteilt, nicht vorzudringen vermag, der Landvermesser K., der in dem gleichnamigen Roman das Schloss umkreist, in dem eine ferne, aber mächtige Bürokratie residiert. Der Schriftsteller selbst wirkt in der Rückschau wie ein verlorenes Individuum im Spiegelkabinett seiner Texte.
Franz Kafka und seine Literatur: „Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“: Ein Satz wie ein Gesetz. Franz Kafka traut der Literatur alles zu. Er schreibt mit der „vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele“. Trotzdem bleibt er im Literaturbetrieb seiner Zeit fast unsichtbar. Nur eine Handvoll Erzählungen publiziert er zu Lebzeiten. Alles andere solle verbrannt werden, verfügt Kafka. Sein Freund Max Brod hält sich nicht an diesen letzten Willen. Nur so macht die Welt Bekanntschaft mit Romanen wie „Der Prozeß“ und „Das Schloss“, zwei Portalwerken der literarischen Moderne, die erst kurz nach dem Tod des Autors gedruckt werden. Die Debatte um die Textgestalt dieser und weiterer Werke Kafkas währt bis heute. Abschließbar ist sie wohl nie. Aber passt das nicht am besten zum Rätselbild Franz Kafkas?
Kafkas Bild seiner Zeit: Die Romanwelten Kafkas mögen der Logik absurder Träume folgen – Kafka leuchtet sie dennoch mit klinischer Kühle aus. Dieser Autor war kein Träumer, sondern ein sensibler Beobachter seiner Zeit. Er beschreibt eine Welt der Telefone und Schreibmaschinen, der Aktenschränke und Wartezimmer. Kafkas Literatur handelt von der verwalteten Welt, in der eine Bürokratie die Wirklichkeit unentwegt in Akten dupliziert. Als Versicherungsspezialist hat Kafka Fabriken besichtigt, über Unfallgefahren publiziert – und über Faszination und Risiken neuer Technik. „Hier oben ist 20 M. über der Erde ein Mensch in einem Holzgestellt verfangen und wehrt sich gegen eine freiwillig übernommene Gefahr“, schreibt er in der Reportage „Die Aeroplane in Brescia“.
Kritik an totalitärer Herrschaft: Franz Kafkas Erzählungen und Romane lesen sich heute wie ein Aufstand gegen Strukturen totalitärer Herrschaft. Kafka revoltiert gegen den Vater und sein Patriarchat, er stellt den Machtanspruch der Bürokratie bloß, prangert die Lieblosigkeit von Beziehungen, Konkurrenzdenken und soziale Kälte an. „Der Weg zum Nebenmenschen ist für mich sehr lang“, schreibt Kafka über sich selbst. Seine Romanfiguren finden diesen Weg nicht mehr. Sie verkümmern in der Einsamkeit, suchen vergebens nach dem Zugang zur Gesellschaft. Rigide Gesetze sind stärker als der Einzelne. Das radikale Beispiel liefert Kafka in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“. Ein Hinrichtungsapparat ritzt dem Delinquenten das übertretene Verbot immer tiefer in den Körper – bis zum Tod. Am Ende legt sich der Offizier, der den Apparat bedient, selbst unter die Maschine. Gehorsam bis zur Selbstauslöschung.
Konnte Kafka sanft und lustig sein? Unbedingt ja – in vollem Widerspruch zu seinem Image. „Jedes Hochzeitspaar ist mir ein widerlicher Anblick“: Der Mann, der solche Sätze schrieb, soll beim Vorlesen seines „Prozeß“ Tränen gelacht haben. Kafka hat Humor und Sinn für Skurriles. In der Miniatur „Die Sorge des Hausvaters“ beschreibt er „Odradek“, einen seltsamen Zwitter aus Mensch und Maschine. Kafka wird von der Solidarität der Menschen geträumt haben, gerade in einer undurchschaubaren Welt. Milena Jesenská, die Freundin, kommt dem Menschen Franz Kafka ganz nah. „Was seine Angst ist, das weiß ich bis in den letzten Nerv“, schrieb sie über eine gemeinsame Wanderung im Wiener Wald. In diesen Stunden kann Kafka seine Angst für Momente überwinden. „Es war nicht geringste Anstrengung nötig, alles war einfach und klar (…) Er ist den ganzen Tag gelaufen (…) nicht ein einziges Mal hat er gehustet“. Vier Jahre später erliegt Franz Kafka seiner Tuberkulose.
Buchtipps:
Rüdiger Safranski: Kafka. Um sein Leben schreiben. Hanser Verlag. 255 Seiten. 26 Euro.
Oliver Jahraus: Franz Kafka. 100 Seiten. Reclam Verlag. Zwölf Euro.
Alexander Pavlenko, Thomas Dahms: Verwandelt: Franz Kafka. Leben Lieben Literatur. Graphic Novel. Knesebeck Verlag. 124 Seiten. 24 Euro.