Berlin Machtfaktor in der CDU: So konservativ ticken die jungen Merz-Fans
Die Junge Union ist die größte Nachwuchsorganisation in der deutschen Parteienlandschaft. Gerade hat sie einen Lauf. Woran das liegen könnte.
Für Johannes Winkel war der CDU-Parteitag in jeder Hinsicht ein Erfolg. Während die meisten Änderungsanträge für das neue Grundsatzprogramm abgeschmettert wurden, hat seine Junge Union eine weitreichende Änderung durchgesetzt: Die Wehrpflicht soll wieder eingeführt werden. Ihr Vorsitzender Winkel stieg dafür höchstpersönlich in den Parteitagsring und argumentierte: „Wir leben in einem Land, dass sich im Notfall nicht gegen Aggression von außen verteidigen kann.“ Dies sei ein unhaltbarer Zustand. „Wir dürfen die Verteidigung unserer Demokratie nicht weiter dem Prinzip Hoffnung überlassen.“
Der Antrag fand am Ende eine Mehrheit, obwohl die Antragskommission dagegen war. So viel Aufmerksamkeit genoss die Jugendorganisation mit ihren mehr als 90.000 Mitgliedern lange nicht. Dazu wurden noch alle sieben Kandidaten der Jungen Union in den Bundesvorstand gewählt. Johannes Winkel ist „hochzufrieden“.
Im Jahr der Bundestagswahl 2025 wird die Junge Union an entscheidenden Stellen mitzureden haben. Friedrich Merz dürfte das bei seiner Mission, Kanzlerkandidat zu werden, hilfreich sein.
Sein Kurs, die CDU nach den Merkel-Jahren, wieder konservativer aufzustellen, trifft in Teilen der Partei auf Skepsis, bei der Jungen Union auf Begeisterung. Als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther kurz vor dem Parteitag wieder mehr Merkel-Politik anmahnt, um die breite Mitte der Gesellschaft zu erreichen, schickt Johannes Winkel einen wütenden Brandbrief, der nicht zufällig das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben dürfte. „Du warst mir nicht als Politiker aufgefallen, der rückwärtsgewandt denkt und im Gestern lebt”, schreibt Winkel an Daniel Günther. Merkel also, das war gestern. Modern ist Merz, so die unmissverständliche Botschaft des JU-Chefs.
In der Debatte, welcher Islam zu Deutschland gehört, sind es die Jungen, die muslimische Gemeinden am liebsten ganz von finanzieller Unterstützung abschneiden wollen. Jens Spahn, früher selbst in der Jungen Union, kann das mit einer deutlichen Gegenrede dann doch noch verhindern. Ein älterer Abgeordneter ist erstaunt, wie „stramm konservativ“ die Jungen heute in Teilen sind.
Der Parteienforscher Uwe Jun von der Universität Trier, der den Parteitag in Berlin vor Ort verfolgt hat, sieht die Junge Union allerdings gestärkt, weil die Konstellation günstig ist. „Wie einflussreich sie war, hing in ihrer Geschichte immer stark vom jeweiligen Vorsitzenden ab.” In den Merkel-Jahren habe die Jugendorganisation keine große Rolle gespielt. Das lag Jun zufolge einerseits daran, dass Merkel selbst erst mit Mitte 30 in die Politik kam und nie Mitglied in der Jungen Union war. Anders als Friedrich Merz, der sich schon als Jugendlicher in seiner Heimatstadt Brilon intensiv in der JU engagierte.
Außerdem sei allen Jugendorganisationen der Parteien gemeinsam, dass sie den Wertekanon der Partei ernster nehmen als die Mutterparteien. Die Grüne Jugend ist deshalb linker als die Grünen, die Jusos sozialistischer als die SPD. „Dieses Muster sieht man auch bei der Jungen Alternativen. Die war früher schon dort, wo sich die AfD insgesamt heute verortet“, meint Jun. Während Merkel die CDU damals der Mitte hinterher nach links verschob, führt sie Merz zurück zu ihren konservativen Wurzeln - und damit wieder Richtung Junge Union.
Merz dürfte nicht vergessen haben, dass die Junge Union ihn bei seinen drei Anläufen zum Parteivorsitz stets unterstützt hat. „Er schenkt ihr mehr Gehör als Merkel. Er weiß, dass er mit ihr seine konservativen Positionen eher durchsetzen kann“, meint der Parteienforscher.
Jun hat außerdem beobachtet, dass die Junge Union einflussreicher ist, wenn die Union sich im Bund in der Opposition befindet, so wie jetzt. Während die Union in der Regierung pragmatisch ist, kann sie in der Opposition stärker auf ihre Werte pochen. Profil zeigen, darum geht es jetzt. Die Junge Union fordert das seit Langem. Sie unterstützt deshalb auch die Formulierung einer Leitkultur im Grundsatzprogramm. „Ich finde es richtig, dass wir überlegen, was uns als Gesellschaft zusammenhält“, meint die Bremer JU-Vorsitzende Wiebke Winter. Sie will den neuen Kurs der CDU aber nicht als besonders konservativ verstanden wissen. „Wir brauchen eine Politik, die in unsere neue Zeit passt.“
Auch gesamtgesellschaftlich scheint sich der Wind zugunsten der Jungen Union zu drehen. Die kürzlich veröffentlichte Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ überraschte vor wenigen Wochen mit ihren Zahlen: Demnach würden unter den 14- bis 29-Jährigen derzeit 20 Prozent die Union wählen, vier Prozentpunkte mehr als 2022 und 2023. 22 Prozent würden die AfD wählen. Grüne, SPD, Linke und FDP haben deutliche Verluste bei den jungen Leuten zu verzeichnen.
Jun meint zwar, dass die heutige Jugend sehr stark fragmentiert sei. Aber die Gruppe der Konservativen würde wieder wachsen. „Klassische konservative Themen wie Sicherheit stehen heute wieder im Vordergrund“, meint der Parteienforscher. Er hält für möglich, dass junge Leute heute den Konservatismus als Gegenbewegung zu ihrer Elterngeneration erleben würden. „Die heutige Elterngeneration ist grün, also ist es heute vielleicht rebellischer, konservativ zu sein“, vermutet Jun.
Ob das Hoch der Jungen Union aber von Dauer ist? Der Parteienforscher ist sich da nicht sicher. Wenn die Union wieder regiert, müsste sie in jedweder Koalition kompromissbereiter sein. Die reine Lehre wäre dann jedenfalls weniger gefragt.