Berlin Krimi-Autor Martin Walker: Bassets sind die liebenswürdigsten Mörder
Wie sein Polizist lebt auch Bestseller-Autor Martin Walker in Frankreich auf dem Land. Und wie Bruno hat auch der Autor einen Basset. Im Interview erklärt er, wieso er dem „mörderischen“ Hund das Glück seiner Ehe verdankt.
Martin Walkers Krimis sind nicht nur spannend, sondern vor allem überaus entspannend. Denn sein Dorfpolizist Bruno gerät zwar regelmäßig in politische Intrigen von Weltformat – das aber im Périgord, einer beschaulichen Region in Frankreichs Südwesten. Und die Küche und Lebenskultur dieses Landstrichs liegen dem Autor mindestens so am Herzen wie der eigentliche Fall. Auch Walker selbst, der aus Schottland stammt, lebt seit vielen Jahren direkt am Tatort. Im Interview erzählt der 77-Jährige, wie er im Périgord mit seinem Basset nach Trüffeln gräbt und Kochrezepte der Neandertaler ausprobiert.
Frage: Herr Walker, in Ihrem neuen Krimi treten zwei reale Nebenfiguren auf, die für die Erwähnung im Buch eine wohltätige Spende geleistet haben. So ähnlich wie die Stifterfiguren in der christlichen Malerei. Wer hatte die Idee?
Antwort: Wie die meisten meiner guten Ideen kam wahrscheinlich auch diese von meiner Frau Julia. Im Grunde liegt die Verantwortung für die Bücher komplett bei ihr. Diese Idee entstanden, als Frankreichs Kulturinstitut mir einen Preis verliehen hat. Um etwas zurückzugeben, wollte ich dann Spendengelder einwerben. Und da kamen wir auf den Gedanken, einen Auftritt im Roman zu versteigern.
Frage: Würde es teurer werden, wenn ich der Schurke in der Geschichte sein will?
Antwort: Eine exzellente Idee! Ich bin sicher, dass wir uns da schnell einig werden. Vor allem müssten wir einen guten Spendenzweck finden. Im Krimi, den ich gerade schreibe, gibt es wirklich einen guten Schurken und in der aktuellen Version heißt er: Daniel.
Frage: Daniel? Also, das ist ja schon mein Name.
Antwort: Ich weiß – das ist ein ungewöhnlicher Zufall.
Frage: Ist das eher so ein kleiner Typ? Brillenträger? Um die 50?
Antwort: Mein Daniel ist das Kind eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter, gezeugt in Berlin in der Nacht des Mauerfalls. Er wurde als Baby im Straßburger Münster ausgesetzt und kam dann ins Heim. Jetzt ist er also Mitte 30 und er hat es sich zur Angewohnheit gemacht, ältere und sehr wohlhabende Damen zu heiraten – die aus rätselhaften Gründen alle zum Selbstmord neigen.
Frage: Verstecken Sie außer Ihren Stiftern noch andere Anspielungen in den Krimis?
Antwort: Ich entlehne Details aus der Wirklichkeit, aber nicht als Spaß. Es ist schwierig genug, die eigentliche Handlung gut hinzukriegen.
Frage: Eins dieser Details ist wohl der Hund Ihres Polizisten: Bruno besitzt einen Basset – und Sie auch.
Antwort: Meine Familie hatte schon immer Bassets, die Familie meiner Frau auch. Zu der Zeit, als ich mich in sie verliebt habe – vor vielen Jahren, in den 70ern – da hatte sie schon einen Basset im Haus. Ehen sind glücklicher, wenn sie auf der Liebe zu denselben Hunden beruhen. Wenn Sie und Ihre Frau beide Bassets lieben oder meinetwegen auch Dackel, dann werden Sie es höchstwahrscheinlich lange miteinander aushalten. Auf den Hund kommt es an.
Frage: Inspektor Columbo hatte ebenfalls einen Basset. Und es gibt auch bei Disney einen als Detektivhund. Warum ausgerechnet Bassets?
Antwort: Bassets sind geduldig, vertragen sich ganz wunderbar mit Kindern und sind einfach lustig anzusehen. Sie sind die freundlichsten Gefährten – bis man sie jagen sieht. Von einem Basset erwartet man nichts als schläfrige Trägheit, und sie sind auch wirklich nicht schnell. Aber sie können den ganzen Tag ununterbrochen trotten. Ein Wildschwein läuft vielleicht 50 km/h – aber nur für zwei Minuten. Die Bassets, immer zu zweit, watscheln hinterher und sorgen dafür, dass der Keiler immer ein bisschen schneller läuft, als er kann. Irgendwann schlägt er die Hauer in den Boden. Dann sind die Bassets da, packen die Hinterläufe, fixieren das Wildschwein und der Jäger kommt dazu, wahlweise mit dem Schweinsspieß oder mit einem Gewehr. Bassets sind die sanftesten und liebenswürdigsten Mörder, denen Sie je begegnen werden.
Frage: Warum haben Sie den Hund nach einem Schriftsteller getauft: Balzac?
Antwort: In Julias Familie hießen alle Bassets nach Autoren mit dem Anfangsbuchstaben B: Baudelaire, Boswell und jetzt Balzac. Wir bleiben dabei. Meine Töchter wollen auf Komponisten umschwenken und schlagen für den nächsten Hund Beethoven vor. Ich habe kein gutes Gefühl dabei.
Frage: Der Balzac aus Ihrem Roman gräbt unter Trüffelbäumen Edelpilze aus. Kann der echte das auch? Und was sind Trüffelbäume überhaupt?
Antwort: Einige Baumarten sind gut für Trüffel, die weiße Eiche zum Beispiel und einige Haselnussarten. Und ja, mein Hund liebt die Trüffeljagd. Bassets eigenen sich besser dafür als Schweine. Den Trüffelhändlerinnen auf Frankreichs Märkten fehlen mitunter einzelne Finger. Das liegt daran, dass Trüffel nach dem sexuellen Lockstoff von Schweinen riechen; die Tiere verlieren beim Graben also leicht die Kontrolle. Bei Hunden hat man dieses Problem nicht.
Frage: Leben Sie im französischen Périgord auch sonst wie Ihr Dorfpolizist Bruno? Mit Gänsen, Hühnern und einem Pferd?
Antwort: Allerdings – das Pferd gehört aber nicht mir und weil ich nicht mehr im Frühling meiner Jugend stehe, reite ich auch eher langsam. Den größten Teil des Jahres lebe ich in Frankreich. Weihnachten versuche ich in Großbritannien zu sein, Thanksgiving in Amerika, im Sommer bin ich im Périgord und den Rest des Jahres auf Lesereise. Ich hatte mir das Autorenleben ruhig und behaglich vorgestellt. Es bringt aber ziemlich viel Handelsreisen mit sich. Und was ich dabei immer ermüdender finde, ist die Deutsche Bahn. (Walker wechselt für die nächsten zwei Sätze aus dem Englischen ins Deutsche.) Als ich mit den Lesereisen anfing, die Deutsche Bahn war pünktlich. Heute, jeder Deutsche-Bahn-Zug ist zu spät. Sie sind inzwischen genauso schlimm wie britische Bahnen. Ich komme zu spät zu Terminen – wegen der Bahn!
Frage: Im Périgord, das beschreiben Sie auch im Roman, liegt die Höhle von Lascaux mit ihren prähistorischen Malereien. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die ersten Kunstwerke der Menschheit ansehen?
Antwort: Ich kann es nicht besser ausdrücken als Picasso, der mit den Worten aus der Höhle kam: In den Tausenden von Jahren haben wir nichts dazugelernt, was nicht damals schon da war. Es gibt aber noch andere Orte, die mich bewegen. Nicht weit von meinem Haus liegt die älteste Begräbnisstätte der Welt, 73.000 Jahre alt. Das waren Neandertaler und noch nicht der moderne Mensch. Aber sie haben sich schon um ihre Toten gekümmert. Eine Frau wurde mit Blumen um den Hals bestattet. Ein Kind hatte Steine um den Kopf liegen, damit der Schädel geschützt war. Und ein Mann zeigt Spuren einer langjährigen Arthritis. Er konnte so nicht mehr jagen. Aber er lebte in einer Gemeinschaft, die ihre Kranken versorgt: der Beginn der Zivilisation.
Frage: Wenn Sie an diese ersten Menschen denken, fühlen Sie eher das Trennende oder eher das Verbindende?
Antwort: Manchmal scheinen sie uns sehr ähnlich zu sein. Wie haben sie in der Höhle gemalt? Es war stockfinster und Fackeln konnten sie nicht anzünden, weil das den Maluntergrund heillos verrußt hätte. Also haben sie eine Lampe aus gekochtem Rentierfett entwickelt und einen Wachholderzweig als Docht verwendet, das einzige Holz, das nicht rußt. Stellen Sie sich das vor. Die Erfindung des rauchlosen Lichts. Vor 18.000 Jahren. Um Kunst zu schaffen. Diese Leute waren uns sehr nah. In einer anderen Höhle gibt es das Bild eines verletzten Rentiers, das von einem zweiten mit der Schnauze getröstet wird. Eines meiner liebsten Bilder. Und etwas weiter unten davon sind Abdrücke von Kinderhänden. Die Eltern haben gemalt und die Kinder haben sich eingemischt – so wie es heute noch in jeder Familie passiert. Das sind wir.
Frage: Ein Unterschied ist vielleicht ihre Nähe zu den Tieren, die wir heute ziemlich verloren haben, oder?
Antwort: Das würde ich gar nicht sagen. Ich bin meinen Tieren nahe. Ich kenne meine Hühner. Ich habe deshalb sogar einen Deal mit meiner Nachbarin: Weil ich meine eigenen Tiere nicht essen könnte, esse ich ihre und sie kriegt meine. Ich glaube, das ist immer noch in uns allen. Wir haben Tiere gern um uns; sie sind ja auch wie wir. Meine Hühner kümmern sich um ihren Nachwuchs, sie zanken, sie haben ihre kleinen Konflikte.
Frage: Und wir essen sie – zum Beispiel mit Estragon. Ihr Buch beschreibt das Rezept so genau, dass man es nachkochen kann. Ihre Frau ist Restaurantkritikerin. Trauen Sie selbst sich zuhause überhaupt zu kochen?
Antwort: Jede einzelne Mahlzeit in den Bruno-Krimis muss ich einmal selber kochen – immer mit Julia im Nacken, die mir zuwispert: Nicht so viel Salz! Länger garen lassen! Bruno war immer ein Koch, aber das Essen ist mit jedem Buch wichtiger geworden. Inzwischen ist sogar ein Kochbuch zu den Krimis erschienen. Mit dem Verleger musste ich regelrecht darum ringen, dass Julias Name auf dem Titel genauso groß erscheint wie meiner. Aber das war Pflicht: Ohne sie wäre Brunos Verpflegung ein Desaster.
Frage: Bruno kocht auch ein Neandertaler-Rezept, das Fleisch vom einen Tier gegart in der Haut eines anderen. Wieso weiß Ihr Polizist, was die Neandertaler gegessen haben?
Antwort: Archäologen schließen aus den Zähnen von Neandertalern auf ihre Ernährung. Man vermutet, dass sie viel mehr Grünzeug gegessen haben, als ursprünglich angenommen – zum Beispiel Entengrütze. Die ist nahrhaft und ziemlich fad. Aber sie hatten damals auch schon wilden Knoblauch. Und damit schmecken sogar Teichlinsen. Es wurden auch mit Lehm abgedichtete Erdmulden gefunden, die als Slow-Cooking-Garöfen dienten. Sogar das Umwickeln des Fleisches mit Haut ist belegt. Ich habe es nachgekocht, und was soll ich sagen: Es ist Grillfleisch – das schmeckt.
Frage: Sie bewerben die französische Küche. Gibt es deutsche Spezialitäten, die Sie auf jeden Fall essen, wenn Sie das Land auf Lesereisen besuchen?
Antwort: Wenn ich nach Hannover komme, gehe ich im Hauptbahnhof immer in denselben Laden, der auf der einen Seite Brot und auf der anderen Wurst verkauft, unter anderem eine sehr gute, sehr lange Bratwurst. Die esse ich immer, sogar, wenn ich nur umsteige. Eine wirklich sehr gute Wurst. Der wahre Geschmack Deutschlands. I like my Bratwurst!
Frage: 16 Jahre lang haben Sie jetzt mit ihrem Polizisten Bruno verbracht. Das grenzt an eine Ehe. Streiten Sie manchmal mit Ihrer Figur? Kann Ihr Held Sie nerven?
Antwort: Gar nicht. Bruno hat ein Vorbild in der Realität: Pierrot, unseren echten Dorfpolizisten. Anfang dieses Jahres ist er gestorben. Krebs. Es ging sehr schnell. Wir waren über 20 Jahre befreundet, wir haben Tennis gespielt, wir haben gejagt und er hat mir unendlich viel über das Landleben und über Frankreich beigebracht. Es war eine dieser Männerfreundschaften, in denen viel getrunken, viel gegessen und viel gescherzt wird – und die unter der Oberfläche trotzdem tief sind. Ich hatte so viel Respekt vor Pierres profundem Anstand, dass sich das bis heute auf Bruno überträgt. Auch wenn die Figur sich von ihrem Vorbild längst wegentwickelt hat.
Frage: Wie haben Sie als Zugezogener in Frankreich einen Dorfpolizisten kennengelernt?
Antwort: Über den Tennis-Verein. Und in den bin ich über unseren Basset gekommen. Zu der Zeit war das noch Boswell. Der war durch ein Loch im Zaun entwischt und mein Nachbar hat ihn auf der Straße erwischt. Ich habe mich bedankt und einen Whiskey angeboten. Wir tranken, wir wurden Freunde und dann hat mein Nachbar mich in den Tennis-Club eingeführt – in dem ich weitere Freunde gewonnen habe, auch meinen Polizisten Pierrot. Und als ich mich in diese Gemeinschaft verliebt hatte, habe ich angefangen, darüber zu schreiben.
Frage: Wenn Sie Bruno eines Tages sterben lassen – würden Sie ihm den Tod Ihres Freundes geben, um Pierrot noch ein Denkmal zu setzen? Oder würden Sie das aus Respekt gerade nicht tun?
Antwort: Einfache Antwort: Bruno stirbt nicht. Er wird auch nie krank. Er altert nicht mal. Niemand in meinem Saint-Denis altert auch nur einen einzigen Tag, Bruno nicht und erst recht nicht all die Frauen. Saint-Denis ist ein magischer Ort, an dem immer alles ganz genauso bleibt, wie es ist.