Hamburg 50 Jahre Zauberwürfel: Wieso das Spielzeug heute so beliebt wie nie ist
In den 80er- und 90er-Jahren hat der Zauberwürfel viele Menschen zur Weißglut getrieben, heute lösen ihn Millionen Menschen in Sekundenschnelle. Am 19. Mai wird das einzigartige Spielzeug 50 Jahre alt. Doch wieso fasziniert der bunte Würfel noch bis heute?
Der Walkman, Monchhichis oder der Commodore 64: Viele Gegenstände aus den 80ern und 90ern sind inzwischen aus der Zeit gefallen und gelten nur noch als Relikt einer früheren Generation. Anders ist es jedoch bei dem Zauberwürfel: Der Hype, den das bunte Knobel-Puzzle damals ausgelöst hat, ist heute so lebendig wie nie. Bis zum Jahr 2021 wurde der Zauberwürfel mehr als 470 Millionen Mal verkauft, er zählt zu den am häufigsten verkauften Spielzeugen der Welt.
Der Hintergrund für die Beliebtheit unter Kindern und Erwachsenen hat sich inzwischen grundlegend geändert. Früher faszinierte der Würfel, weil er als buntes Spielzeug leicht zu bezwingen wirkte, sich dann aber schnell als komplexes Konstrukt entpuppte. „Wie schwer kann das schon sein? Gib mal her“, war sicherlich ein Satz, der häufig unter Freunden und Familienmitgliedern gefallen ist – bevor der Würfel vor lauter Wut und Verzweiflung in die Ecke geflogen ist. Denn: Die sechs Farben, aufgeteilt auf 54 Sticker, bieten durch Vermischen des Würfels mehr als 43 Trillionen Verdrehmöglichkeiten. Wer da die eine richtige Lösung fand, galt damals als mathematisches Genie.
Inzwischen ist das anders. Für den Würfel gibt es heute verschiedenste Lösungskonzepte, die über Youtube und andere Plattformen Millionen Menschen erreicht haben. Heute liegt der Reiz nicht mehr darin, den Würfel überhaupt zu knacken, sondern ihn so schnell wie möglich zu lösen.
Weltweit werden an jedem Wochenende Meisterschaften im „Speedcubing“ abgehalten – so wird der Geschicklichkeitssport genannt, der sich daraus entwickelt hat. Dass die Begeisterung weiter wächst, beweist das Teilnehmerfeld bei der Weltmeisterschaft 2023 in Südkorea: 1400 Menschen aus 63 Ländern waren registriert – kein anderer Zauberwürfel-Wettkampf war jemals besser besucht.
Außerdem scheint das Schnelligkeitslimit noch längst nicht erreicht zu sein. Der aktuelle Weltrekord, einen einzelnen Zauberwürfel farblich zu sortieren, wurde erst im vergangenen Jahr aufgestellt, von dem heute 22-jährigen US-Amerikaner Max Park. Der schaffte es, den Würfel in nur 3,13 Sekunden zu lösen.
Anders als früher, als man noch für sich alleine im Kinderzimmer an dem Würfel herumgedreht hat, ist es heutzutage dank der sozialen Medien ein Leichtes, sich mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt zu verbinden. Es entstehen schnell neue Freundschaften, aber man findet auch immer jemanden, der ähnlich schnell den Würfel lösen kann wie man selbst – und den man schlagen möchte. Das motiviert zum langfristigen Training und belebt den Sport.
Außerdem liegt es in der Natur der Rätsel, dass sie glücklich machen, wenn man sie knackt. „Wenn man ein Rätsel löst, ist das Dopamin pur“, erklärt Neurologin Christine von Arnim von der Universitätsmedizin Göttingen gegenüber des „Redaktionsnetzwerks Deutschlands“. Aus dem gleichen Grund vertreiben sich viele Menschen ihre Zeit gerne mit Kreuzworträtseln oder Sudokus.
Dass der Würfel überhaupt so erfolgreich wurde, ist eher dem Zufall geschuldet. Denn eigentlich wollte der ungarische Erfinder, Ernő Rubik, in seiner Zeit als Architektur-Professor seinen Studenten nur ein Objekt anfertigen, das ihnen das räumliche Denken erleichtert.
Im Jahr 1974 brachte er zunächst ein paar aneinander geschnürte Holzblöcke mit zur Vorlesung, etwas später malte Rubik ein paar Farbpunkte darauf. Geboren war der Prototyp des Puzzles, das heute international den Namen „Rubik‘s Cube“ trägt.
Etwas später verließ das Schauobjekt den Uni-Hörsaal und verbreitete sich in Millionen Haushalte. 1975 meldete Rubik ein Patent für den Würfel an, 1980 wurde der weltweite Verkauf gestartet. Innerhalb eines Jahres wurden 100 Millionen Exemplare verkauft.
Seitdem hat sich in der Welt der Zauberwürfel einiges getan. Wer das Puzzle in Sekundenschnelle lösen will, nimmt nicht mehr das schwergängige Gerät aus den 80ern, sondern greift nun zu einem optimierten Würfel, der geschmiert ist, sich mit Schrauben und Federn ideal einstellen lässt sowie Magnete für die perfekte Kontrolle besitzt.
Außerdem hat sich die Varianz der Würfel weiterentwickelt: Vom üblichen 3x3-Würfel, über den kleinen Bruder, dem 2x2-Würfel, bis hin zum 7x7-Würfel werden alle Größen auf Wettkämpfen gespielt. Auch das Lösen einer Pyramide oder eines Dodekaeders gehören zum Einmaleins der „Speedcuber“.
Und wer es richtig drauf hat, löst den gewöhnlichen Rubik‘s Cube mit nur einer Hand oder mit verbundenen Augen.
Aber auch abseits des sportlichen Wettstreits ist der Würfel heute noch häufig anzutreffen. Er ist zum Symbol des Problemlösens geworden: Auf unzähligen Mathematikbüchern ist der Würfel wiederzufinden. Gleiches gilt, wenn sich eine Lektüre um Lösungsansätze für komplexe Probleme in der Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft dreht.
Wenn eine Fernsehserie auf die 80er-Jahre anspielt oder eine darin spielende Figur als schlau dargestellt werden soll, ist auch hier mit großer Wahrscheinlichkeit ein Zauberwürfel als Dekorationsgegenstand auf dem Schreibtisch zu finden. Und einmal hat der Rubik‘s Cube sogar einen Geldsegen mit sich gebracht: Psychologe Leon Windscheid konnte im Jahr 2015 in der RTL-Show „Wer wird Millionär?“ die Millionenfrage über den Aufbau des Würfels richtig beantworten.