Osnabrück  Attacken auf Politiker: „Die Angreifer haben oft Persönlichkeitsstörungen.“

Hannah Petersohn
|
Von Hannah Petersohn
| 19.05.2024 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Angriffe auf Politiker sind ein Angriff auf die Demokratie – mit fatalen Folgen für die politische Teilhabe. Foto: dpa/Sebastian Willnow
Angriffe auf Politiker sind ein Angriff auf die Demokratie – mit fatalen Folgen für die politische Teilhabe. Foto: dpa/Sebastian Willnow
Artikel teilen:

Die gewalttätigen Übergriffe auf Politiker nehmen kein Ende. Der renommierte Angstforscher Borwin Bandelow erklärt, wie die brutalen Angreifer ticken, warum sie ein höheres Strafmaß nicht abschreckt und was stattdessen helfen würde.

Nach dem brutalen Angriff auf den EU-Abgeordneten Matthias Ecke (SPD) und weitere Politiker ist die begründete Sorge, dass die Einschüchterungsversuche fruchten könnten und sich künftig weniger Menschen politisch engagieren. Welche Folgen die Gewalt tatsächlich hat, was potenzielle Angreifer wirklich abschrecken würde und welches Persönlichkeitsprofil sie meist haben, erklärt Borwin Bandelow, einer von Deutschlands renommiertesten Angstforschern, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Frage: Herr Bandelow, wie steht es aktuell um das Angstempfinden der Deutschen?

Antwort: Umfragen zufolge ist das allgemeine Angstlevel derzeit relativ hoch. Es schwankt über die Jahre. Die Ängste waren zuletzt hauptsächlich finanzieller Natur: Angst vor der Inflation, davor, dass der Staat überfordert ist durch den Zuzug von Geflüchteten. Im Jahr 2022 stand die Angst im Vordergrund, dass der Ukrainekrieg auf Deutschland überschwappt; diese Sorge ist auch nach wie vor vorhanden.

Frage: Und wie steht es um die Angst vor gewalttätigen Angriffen, wie sie derzeit immer häufiger bei Politikern zu beobachten sind?

Antwort: Die Angst vor den antiisraelischen Demonstrationen an Universitäten scheint mir größer zu sein. Das Gefühl wird sich durch den Anschlag auf das Rathaus im Berliner Bezirk Tiergarten weiter verschärfen. Die Angriffe auf Politiker machen natürlich auch Angst, aber noch treibt das die Bürger nicht besonders stark um. So weit geht bei vielen die Empathie nicht.

Frage: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen einem Angstgefühl und den Übergriffen auf Politiker?

Antwort: Das lässt sich nicht einfach mit Angst erklären. Die platte Formel: „Die Angreifer haben Angst“, greift zu kurz. Schon zu Coronazeiten gab es Menschen, die andere angegriffen haben. Aus Querdenkern wurden bisweilen Querschläger. Ich denke, dass die Leute, die jetzt gegen Politiker auf brutale Weise opponieren, ähnlich ticken wie es Querdenker tun. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Querdenker ihr Lieblingsthema verloren haben, nämlich die Pandemie und das Impfen. Auch mit den jetzigen Angreifern kann man nicht sinnvoll diskutieren. Sie sind überzeugt, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden und alle anderen nicht.

Frage: Welche Rolle spielt die Zustimmung zur AfD hinsichtlich des Angstempfindens?

Antwort: Den Zuspruch kann man sich mit einer Xenophobie erklären, einer Angst vor dem, was anders ist und fremd wirkt. Es gibt eine Urangst vor dem vermeintlich Fremden. Die Angst kommt aus einer Zeit, als wir noch in Stämmen durch die Wälder gezogen sind. Damals war es wichtig, mit dem eigenen Stamm solidarisch zu sein und den anderen Stamm zu bekämpfen. Wer aus dem Stamm verstoßen wurde, hatte keine Überlebenschance. Es war also ein Überlebensvorteil, Teil eines Stammes zu bleiben. 

Frage: Also sind die Ängste nicht anerzogen?

Antwort: Sie werden über Jahrtausende vererbt, das zeigen Zwillingsuntersuchungen. Alle Angststörungen haben einen Erbfaktor von rund 50 Prozent. Das hat auch einen Sinn: Menschen müssen geboren werden mit einem bestimmten Satz von Ängsten zum Beispiel vor gefährlichen Tieren. Hätten wir diese Ängste nicht, müssten jeder Mensch und jedes Tier natürliche Gefahren immer erst neu lernen. Wer von einer giftigen Schlange gebissen wird und stirbt, hat gar keine Möglichkeit aus diesem Fehler zu lernen. Wären Ängste nicht auch vererbt, hätte es in der Geschichte der Menschheit zu viele Totalausfälle gegeben.

Frage: Aber warum ist die Angst gewachsen?

Antwort: Normalerweise hält sich die Angst vor Fremden in Grenzen. Kommen aber mit einem Schlag sehr viele Geflüchtete, wächst sie. Wenn die Polizei bei propalästinensischen Demonstrationen danebensteht und nichts tun kann, entsteht der Eindruck, dass die Regierung machtlos ist. Auch die Clankriminalität hat bei weiten Teilen der Bevölkerung zu diesem Eindruck geführt.

Frage: Gerade unter jüngeren Wählern ist die Zustimmung zur AfD größer als angenommen. Stehen auch dahinter bestimmte Ängste?

Antwort: Bei jüngeren Menschen gibt es auch immer mal ein oppositionelles, nicht-regierungskonformes Verhalten. Man ist dagegen, um dagegen zu sein. Die Regierung setzt sich für den Klimaschutz ein, ist in Bezug auf die Migrationsfrage eher liberal. Dagegen begehren manche junge Menschen auf. Es gibt oft auch irrationale Ängste gegen andere Menschen, die nicht aufgrund selbstgemachter Erfahrungen entstanden sind, sondern aus dieser Stammesangst heraus.

Frage: Welche Folgen haben die jüngsten Angriffe auf die politische Teilhabe?

Antwort: Sie können dazu führen, dass sich weniger Menschen engagieren, sich weniger Leute für ein Bürgermeisteramt melden. Viele halten den Druck nicht aus, wenn sie selbst und ihre Familien bedroht oder angegriffen werden. Das ehrenamtliche Engagement in den Parteien könnte deutlich zurückgehen. Die Politikverdrossenheit könnte zunehmen und diejenigen, die mit Gewalt an die Macht kommen wollen, könnten es auch einfacher haben, tatsächlich an die Macht zu kommen. Das werden dann nicht unbedingt die lupenreinen Demokraten sein.

Frage: Was müsste jetzt passieren, damit Menschen nicht dauerhaft ihr politisches Engagement aufgeben?

Antwort: Es gibt dagegen kein probates Mittel. Man muss an die Bevölkerung appellieren, die notwendige Arbeit der Politiker anzuerkennen. Sie wird von weiten Teilen der Bevölkerung nicht geschätzt.

Frage: Welche Rolle spielen Medien dabei?

Antwort: Es gibt einen besonderen Effekt: Menschen schütten Endorphine, also Glückshormone aus, wenn sie eine schreckliche Nachricht lesen, von der sie selbst aber nicht betroffen sind. Das nenne ich das Achterbahn-Prinzip: In der Kurve werden Angsthormone ausgeschüttet, wenn man die Kurve aber doch kriegt, schüttet das Gehirn Glückshormone aus. Dieses Prinzip lässt sich auf den Konsum von Nachrichten übertragen. Und weil sich schlechte Nachrichten aufgrund dessen besser klicken, schreiben die Medien eher von dem, was nicht gut läuft. Journalisten müssen vorsichtig sein, nicht zu sehr auf dieser Welle zu reiten.

Frage: Wie sollten Politiker mit ihrer Angst vor Angriffen umgehen?

Antwort: Man kann ihnen die Angst nicht nehmen. Man muss sich als Politiker sagen, dass solche Angriffe immer noch vergleichsweise selten sind. Dass es jetzt eine Häufung gab, heißt nicht, dass die Angriffe zwangsläufig immer weiter zunehmen. Die Taten spiegeln nicht unbedingt das wider, was kommen wird.

Frage: Was müsste seitens der Politik passieren, um die Angriffe einzudämmen?

Antwort: Oft wird nach höheren Strafen gerufen. Das Problem ist, dass die Angriffe aus dem primitiven Angstgehirn entstehen, bei Menschen mit kurzer Zündschnur. Ich habe in meinen psychiatrischen Gutachten immer wieder festgestellt, dass solche Angreifer oft Menschen sind, die Persönlichkeitsstörungen haben, oft rechtem Gedankengut anhängen und auch eher Drogen nehmen und Diebstähle begehen. Sie denken nicht darüber nach, mit welchen Strafen sie nach einer Tat rechnen müssen. Das Strafmaß zu erhöhen, würde bei den Angreifern wahrscheinlich keine Verhaltensänderung nach sich ziehen. Die Wut ist bei ihnen so groß, dass sie nicht an eine Gefängnisstrafe denken.

Frage: Was wäre dann ein Hebel, um potenzielle Angreifer abzuschrecken?

Antwort: Zwischen Tat und Bestrafung muss ein möglichst kurzer Zeitraum liegen, damit das Gehirn lernt. Wenn man weiß: Jetzt gibt es erst einmal ein Strafverfahren, dann kann ich in Revision gehen und es ziehen Jahre ins Land, dann ist der Effekt verpufft. Und: Politiker sollten bei öffentlichen Auftritten die Contenance behalten und Gegner nicht beschimpfen. Politiker dürfen keine gewaltbereite Sprache verwenden. Ich fürchte nur, dieser Appell führt zu nichts.

Frage: Das sind düstere Aussichten.

Antwort: Ich kann nur bekräftigen, dass die jüngsten Taten nicht Aufschluss darüber geben müssen, was noch kommen wird. Ich glaube nicht, dass die Angriffe statistisch betrachtet Überhand nehmen werden, und es werden sich weiterhin Menschen in der Politik engagieren.

Ähnliche Artikel