Hamburg Nächste Islamisten-Demo: Was hilft gegen die Kalifat-Träumer?
Auch eine Gegendemo mit hunderten Teilnehmern kann sie nicht einschüchtern: In Hamburg wollen Islamisten erneut auf die Straße gehen, um ihr krudes Weltbild zu propagieren. Was braucht es, um junge Menschen vor den Extremisten zu schützen?
„Es gibt schon ein Afghanistan, wir wollen hier kein Zweites“ – mit diesem selbst geschriebenen Spruch auf einem Laken ist das Ehepaar mit Tochter nach Hamburg gereist. „Die Islamisten haben mir Angst gemacht“, sagt die Frau. „Ich habe zwei Töchter und ich möchte, dass sie in Sicherheit leben. Deswegen bin ich hier“, sagt sie. Es ist die erste Demo für die Familie.
Mehrere hundert Menschen versammeln sich am vergangenen Samstag am Steindamm, einer Straße mit orientalischen Restaurants und türkischen Lebensmittelhändlern, ganz in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. Die Leute sind gekommen, um ein Zeichen zu setzen gegen die Kalifat-Demo, die eine Woche zuvor an selber Stelle stattgefunden hat.
Dort hatten rund 1000 Islamisten die Errichtung eines Kalifats in Deutschland gefordert. Die Islamisten wünschen sich also eine Gesellschaft, die nach den strengen Regeln der Scharia lebt – inklusive Geschlechtertrennung und drakonischer Strafen wie etwa Steinigung. Die Veranstaltung, organisiert von der als extremistisch eingestuften Gruppierung „Muslim Interaktiv“, schlug bundesweit Wellen. Rufe nach einem Verbot der Gruppierung wurden laut.
Bei der Gegenkundgebung wehen viele iranische Flaggen, einige israelische und wenige deutsche Fahnen über dem Steindamm. Unter den Teilnehmern sind dutzende Exiliraner. Zum Beispiel Aramek Erk. „Wir sind vor solchen Islamisten hierher geflohen“, sagt sie, „wir wissen genau, wie gefährlich solche Leute sind.“ Deutschland unterschätze die Gefahr völlig.
Das sieht auch eine 82-jährige Jüdin so. Sie ist mit ihrem Sohn gekommen. „Ich bin hier, weil ich Angst habe. Ich habe Angst, dass niemand etwas sagt, wenn Muslime uns Juden angreifen“, sagt sie.
Kritik hagelt es auch am Fehlen der Schura auf der Veranstaltung, dem Rat der islamischen Gemeinden in Hamburg. Das wäre die Möglichkeit gewesen, ein Zeichen gegen Islamismus zu setzen, sagt Aramek Erk.
Dass die Hamburger Gemeinden der Demo fernbleiben, passt zum Schweigen, das seit dem Islamisten-Aufmarsch unter den großen deutschen Islamverbänden herrscht. Für Eren Güvercin, Gründer der liberalen muslimischen Alhambra-Gesellschaft und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, ist das ein verheerendes Zeichen. „Islamische Verbände wie Ditib beanspruchen für sich, Religionsgemeinschaften zu sein.“ Daher müssten sie gerade in emotionalen Zeiten des Nahost-Kriegs jungen Menschen eine Orientierung geben, betont der Experte.
Dazu gehört aus seiner Sicht auch: „Die Verbände müssen junge Leute vor radikalen Akteuren und der Teilnahme an Kundgebungen warnen, wo von einem Kalifat geträumt wird.“ Vielmehr ermutige das Schweigen religiöse Extremisten, auf den Straßen und in den sozialen Medien ihr krudes Weltbild zu propagieren.
Auch wenn der Zusammenschluss der Hamburger Moscheevereine auf der Demo fehlt, einige muslimische Organisationen sind vertreten. Dazu zählt die „Initiative Säkularer Islam“ und die Kurdische Gemeinde Deutschland. Das begrüßt Güvercin, „doch das Signal reicht nicht.“ Denn die Vereinigung setze sich für die Interessen der kurdischen Community ein und sei keine Religionsgemeinschaft. „Es wäre wünschenswert gewesen, hätten dort alle muslimischen Verbände demonstriert.“
Eine klare Haltung ist das eine. Was aber vielleicht das wirkungsvollste Instrument gegen eine Einflussnahme durch Islamisten ist: Bildung. Medienkompetenz müsste viel stärker unterrichtet werden, erklärt Güvercin. Es ist eine Forderung, die gefühlt so alt ist wie das Internet – aber noch eine viel zu kleine Rolle in den Stundenplänen spiele. „Heute nutzen Extremisten aller Couleur Social Media für Propagandazwecke.“
Politik und Justiz sind ein Stück weit machtlos gegen die Radikalisierung im Netz. Gruppierungen wie „Muslim Interkativ“ oder „Generation Islam“ versuchen zwar, die Follower mit ihren vergifteten, teils antisemitischen Ansichten zu indoktrinieren. Doch die Sicherheitsbehörden haben quasi keine Mittel, die Accounts abzuschalten. Denn die harmlos wirkenden Pop-Prediger kennen die Grenzen der Meinungsfreiheit genau.
Und sie haben trotz Gegendemo und Verbotsforderungen keine Scheu, ihre demokratiefeindlichen Forderungen auf die Straße zu tragen. Für Samstag haben sie erneut eine Kundgebung angemeldet.
Die soll voraussichtlich an gleicher Stelle stattfinden. Die Islamisten kennen die Gegend gut, sie sind auch auf der Gegendemo am Straßenrand. Von dort filmen sie die Menge, bis die Polizei sie wegschickt. Drei Männer werden von den Beamten abgeführt. Für die betagte Jüdin, die neben den Männern sitzt, gibt dieser Anblick keine Sicherheit: „Guck“, sagt sie, „wie die Polizei die auch noch schützt.”