Osnabrück  30 Jahre für die Hausgeburt: Osnabrücker Hebamme erinnert sich an ihre Entbindungen

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 04.05.2024 08:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hebammenkoffer und Gebärstuhl sind gepackt: Nach 30 Jahren Hausgeburtshilfe zieht Sylvie Engstfeld von Niedersachsen nach Schleswig-Holstein. Foto: Jörn Martens
Hebammenkoffer und Gebärstuhl sind gepackt: Nach 30 Jahren Hausgeburtshilfe zieht Sylvie Engstfeld von Niedersachsen nach Schleswig-Holstein. Foto: Jörn Martens
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Wie viele Kinder sie auf die Welt gebracht hat? Sylvie Engstfeld kann es selbst nicht sagen. Nach drei Jahrzehnten verlässt die Hebamme Osnabrück. Rückblick auf ein Leben für die Hausgeburt.

30 Jahre hat Sylvie Engstfeld als Hebamme gearbeitet. Auch meine Frau und mich hat sie begleitet. Vor der Geburt hat sie unser Kind mit Klangkugeln in Position gelockt. Später hat sie Milch-Öl-Bäder angerührt und all die Ratschläge vom Tisch gewischt, in denen junge Eltern untergehen. „Es ist euer Kind“, hat sie gesagt. „Und es ist ein besonders schönes.“ Nur während der Entbindung war sie nicht dabei. Wir wollten in ein Krankenhaus. Und Sylvie Engstfeld hat nur Hausgeburten betreut.

Jetzt hört sie auf und bevor sie ihre Heimat Osnabrück und die werdenden Eltern in Richtung Schleswig-Holstein verlässt, haben wir sie noch einmal gesprochen. Wie blickt Sylvie Engstfeld auf ihr Leben als Hebamme zurück?

Den ersten Impuls für ihren Beruf bekommt Sylvie Engstfeld schon als Kind im französischen Angers – wo ihr Onkel als Landarzt auch Hausgeburten begleitet. Auch ihr Vater gibt ihr etwas mit auf den Weg: Gemeinsam beobachten sie Passanten und überlegen, was die anderen Menschen bewegt. Eine erste Schule der Empathie war das, sagt sie heute.

Sie zieht nach Deutschland, verliebt sich, bekommt vier Kinder – und erlebt einen Aha-Moment in ihrer dritten Schwangerschaft: „Die Frauenärztin hat im Mutterpass eingetragen, dass ich sämtliche Zusatzuntersuchungen in puncto Genetik ablehne – mit rotem Stift.“ Da macht es Klick. „Man wird als schwangere Frau zum Opfer eines Systems, das sich absichern will“, sagt Sylvie – und steigt aus.

„Keiner fasst mich an“, teilt sie der Klinik vor ihren letzten zwei Geburten mit: „Ich gebäre mein Kind selbstständig.“ Solange alles ohne Zwischenfall verlaufe, brauche sie keine Hilfe. Diese Haltung wird zum Grundstein ihrer Arbeit. Sylvie Engstfeld spezialisiert sich auf Hausgeburten. Ihr Credo: Frauen so stark machen, dass sie auf ihre Gebärkraft vertrauen. „Ich wusste durch meine eigene Erfahrung: Wir können das. Die Natur hat das vorgesehen. Wir haben diese Fähigkeit und wir sind mit allem ausgestattet.“

Als wichtigstes Instrument nennt sie ihre Hände, mit denen sie ertastet, was im Körper der Mutter passiert. Ihre Verantwortung als Hebamme sieht sie in der stillen Beobachtung: Entwickelt sich alles gut? Oder zeichnet sich etwas Irreguläres ab, bei dem Ärzte eingreifen müssen? Auch das, sagt sie, hat sie bei von ihr begleiteten Schwangerschaften erlebt – und die Eltern bei Auffälligkeiten sofort an die Klinik verwiesen.

Wie viele Schwangerschaften Engstfeld betreut hat, will sie nicht zählen. Ihre Berufung hat für sie nichts mit Statistik zu tun. Im Gedächtnis, sagt sind, ist ihr jede einzelne geblieben. Um zu veranschaulichen, was ihr Beruf bedeutet, hat sie zwei herausfordernde für unser Gespräch ausgesucht: eine besonders schöne und einen Notfall.

Die besonders schöne war zugleich die erste Hausgeburt ihres Berufslebens. „Ich werde es nie vergessen – und es blieb auch ziemlich einmalig“, sagt die Hebamme über den Moment, als der Kopf des Mädchens sichtbar wurde: „Sie hat sich eingedreht, beide Augen groß aufgemacht und mich angeguckt. Sie war zufrieden und präsent. Die Herztöne waren wunderbar. Ich habe ihr mit der Hand über das Köpfchen gestrichen. Dann machte sie die Augen wieder zu und drehte sich zurück zur Schultergeburt.“

Als das Kind da ist, nimmt die Mutter es an die Brust und alles, sagt Engstfeld, war stimmig und schön. Schon vorher hatte sie sich über ihre Ruhe beim ersten Einsatz gewundert. Hinterher nimmt sie den ersten Blick des Babys als Bestätigung mit ins Berufsleben: „Meine Entscheidung zur Hausgeburtshilfe ist richtig gewesen.“

Eine außerklinische Geburt bedeutet auch: Die Mutter verzichtet auf die gesamte Infrastruktur, die ein Krankenhaus für unvorhergesehene Komplikationen bereithält. Vor den Entbindungen spielt Engstfeld mit den Eltern deshalb die Notfallroutine durch. Jeder muss wissen, was im Ernstfall passiert. Erlebt hat sie einen solchen bei einer Geburt, die zunächst wie im Bilderbuch ablief.

Der Kopf des Kindes war geboren, erinnert Engstfeld sich. „Das Baby war vital und rosig – aber in dem Moment, als das Köpfchen da war, hatte ich in meinen Fingerspitzen das Gefühl, dass irgendetwas reißt. Das kann man nicht beschreiben. Man kann das Gefühl nur empfangen. Dann hat das Kind sich in die Schultergeburtsphase gedreht, ganz normal. Als der Rumpf von der Mutter gezogen wurde, hatte ich noch einmal das Gefühl: Irgendwas reißt. Ich konnte das gar nicht einordnen – weil alles gut war. Dann wurde das Mädchen geboren. Es hatte eine offene Bauchdecke.“

„Der absolute Notfall“, sagt Engstfeld. Und es war nur einer von zweien. Der Riss, den sie vorher gespürt hatte, stellte sich als innere Verletzung der Mutter heraus. Die blutet stark – sodass die Hebamme jetzt zwei Personen notversorgen muss. In diesem Moment, erinnert sie sich, macht sie alles gleichzeitig: die Blutung stillen, die Eltern beruhigen und dafür sorgen, dass das Kind mit sterilen Kompressen auf dem Bauch der Mutter gestillt wird. Wenn es schreit, würde das den Druck auf seinen Bauch erhöhen.

Für die Behandlung der Mutter braucht Engstfeld beide Hände. Das Telefon, über das sie die doppelte Notverlegung organisiert, hält der Vater ihr ans Ohr. Rettungswagen, Hubschrauber, Intensivstation: Alles, wovor man nur Angst haben kann, wird wahr. Und alles geht gut. Mutter und Kind überstehen die Geburt. Jahre vergehen und heute, erzählt Engstfeld, ist das Mädchen schon lange eingeschult. 

Über die letzten Jahre hat Sylvie Engstfeld ihre beruflichen Pflichten ausgeschlichen. Jetzt hört sie ganz auf und zieht nach Schleswig-Holstein an die Schlei – nach 47 Jahren in ihrer zweiten Heimat Osnabrück. Hier widmet sie sich einer weiteren Passion: Jägerin ist sie nämlich auch. Und eine Ausbildung zur Naturführerin möchte sie jetzt noch anschließen. Alle paar Wochen kommt sie wieder zurück in die Stadt, deren Kinder sie so gut kennt – viele davon seit dem allerersten Moment.

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