Hamburg Ex-Bauern-Anführer Dirk Andresen sagt: Landwirte sind das Bauernopfer der Politik
Lange war Landwirt Dirk Andresen das Gesicht der Bauernproteste und führte die Landwirtschaft gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nach einem Treffen mit Nachfolger Olaf Scholz schmiss Andresen auch sein letztes Amt hin. Im Interview zieht er eine bittere Bilanz.
Einst führte Dirk Andresen, Landwirt aus Moldenit in Schleswig-Holstein, die Bauern gegen die Große Koalition in Berlin und deren Agrarpolitik. Tausende folgten 2019 und 2020 Aufrufen in sozialen Netzwerken in Berlin oder Hamburg zu demonstrieren. Was hat das gebracht? Die Landwirte sind immer noch sauer, heute nicht mehr auf die Groko, sondern die Ampel unter Kanzler Olaf Scholz (SPD).
Und Dirk Andresen? Die von ihm zeitweise angeführte Protestbewegung „Land schafft Verbindung“, oder einfach kurz: LSV, hat er mittlerweile verlassen. Andere haben zwischenzeitlich das Sagen, die noch lauter und kritischer, man könnte auch sagen: aggressiver, auftreten. Die Fronten sind verhärteter denn je.
Dabei schien 2020 Vieles möglich. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ ins Leben, ein Gremium bestehend aus Vertretern der Landwirtschaft eben, aber auch Umwelt- und Naturschützer. Ein viel beachtetes, aber innerhalb der Landwirtschaft stark umstrittenes Konzept, wurde erarbeitet. Dirk Andresen saß mit am Tisch. Bis vor kurzem, bis nach einem Treffen bei Merkel-Nachfolger Scholz. Dann warf er hin.
Im Interview spricht er über seine Beweggründe, wie er heute auf die Landwirtschaft in Deutschland und auf die Protestbewegung der Bauern schaut. Lesen Sie hier das Gespräch im Wortlaut, das eher einer bitteren Abrechnung gleicht:
Frage: Herr Andresen, Sie haben in der Zukunftskommission Landwirtschaft hingeschmissen, eine Einrichtung, die einen Zukunftsplan für Deutschlands Bauern erarbeitet hat, und die nicht zuletzt wegen des von Ihnen initiierten Bauernprotestes ins Leben gerufen worden ist. Warum wollen Sie nicht mehr mitmachen?
Antwort: Die Zukunftskommission ist gescheitert. Es wurde zwar ein sehr gutes Konzept erarbeitet, wie es mit der Landwirtschaft weitergehen könnte hierzulande. Leider verweigert sich die Politik aber der Umsetzung. Wir haben mit den Ergebnissen kein politisches Gehör gefunden.
Frage: Letztens haben sich die Mitglieder der ZKL doch noch mit Olaf Scholz getroffen. Hat der sich die Ohren zugehalten?
Antwort: Sie sagen es: Wir haben uns nur mit Olaf Scholz getroffen. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir war nicht dabei. Das fand ich doch schon bezeichnend: Da macht jeder seine eigene Parteipolitik; hier die SPD, dort die Grünen und die FDP mischt im Hintergrund auch noch mit. Es gibt da kein Miteinander im Sinne der deutschen Bauern. Wir Landwirte sind die Verlierer bei diesem politischen Gerangel. Die Landwirte sind die Bauernopfer einer Politik, die auf Profilierung statt Lösungen setzt.
Frage: Streit ist Bestandteil einer Demokratie, auch Streit innerhalb einer Regierung. Davon war auch die Agrarpolitik der Großen Koalition gekennzeichnet…
Antwort: Wir kommen aber nicht weiter! Die Zukunftskommission hat festgehalten, dass die Gesellschaft die Landwirtschaft bei ihrer Transformation unterstützen muss, sprich: Geld auf den Tisch legen muss. Aktuell kriegt man in Berlin ja nicht mal geregelt, ob der Umbau der Tierhaltung nun über die Mehrwertsteuer, den Tierwohl-Cent oder was auch immer dauerhaft unterstützt wird. Bei dem Treffen mit dem Kanzler, da hatte er gesagt, dass die Mehrwertsteuer-Lösung nicht durchsetzbar ist. Ich dachte mir: ,Was mache ich hier eigentlich noch? Das war alles vertane Zeit’. Was wir eigentlich brauchen, ist eine Abwrackprämie für die deutsche Landwirtschaft.
Frage: Herr Andresen, nun wird’s aber arg untergänglerisch! Sie führen doch selbst einen sehr großen landwirtschaftlichen Betrieb mit Schweinen und Ackerbau. Geht’s dem so schlecht?
Antwort: Den Schweinen von Dirk Andresen geht es im Moment wieder ein bisschen besser. Der Stall ist umgebaut. Die Preise haben angezogen. Aber ich als Schweinehalter weiß jetzt schon: Mit den neuen Immissionsschutzrichtlinien, die da auf uns zukommen, muss ich wieder alles umreißen – und ich weiß einfach nicht wie. Wenn ich wieder investieren soll, muss ich wissen, worein überhaupt. So kann ich nicht wirtschaften. Es wird an der Realität vorbei politisch agiert. Und dann kommt noch der Handel, der die Vorgaben verschärft! Höhere Haltungsstufen und so weiter, am besten alle Tiere an die frische Luft. Ja, wo sind denn die ganzen Freiluft-Schweine, die der Handel demnächst verkaufen will? Ich sehe keine!
Frage: Die deutsche Landwirtschaft ist immer schon äußeren Einflüssen ausgesetzt gewesen und wusste sich immer anzupassen. Das ist doch nichts Neues.
Antwort: Wir verlieren reihenweise gute Betriebe, das heißt: Betriebe, auf denen auch die Tiere gut gehalten werden. Die Bauern wissen finanziell nicht weiter, sehen keine Perspektive oder die Kinder wollen den Betrieb nicht übernehmen. Wir steuern auf das Ende der deutschen Landwirtschaft zu, wie wir sie kennen. Am Ende wird es noch einige Nischen-Bauernhöfe geben und einige sehr, sehr große. Das war’s. Der Familienbetrieb kommt dabei unter die Räder. Die Lebensmittel werden dann importiert aus europäischen Nachbarländern, wo die Anforderungen nicht so hoch sind.
Frage: Wie sieht das bei Ihnen aus? Ist die folgende Generation bereit, in die Landwirtschaft einzusteigen?
Antwort: Abwarten. Den Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern habe ich jedenfalls entsprechend aufgestellt, dass er auch ohne mich laufen würde. Dort habe ich gerade eine Geschäftsführerin eingestellt. 25 Menschen arbeiten auf dem Betrieb. Das sind 25 Familien. Deren Zukunft setzt die Politik aufs Spiel.
Frage: Sind Sie mit Ihrem agrarpolitischen Engagement also komplett gescheitert?
Antwort: Mein Ziel war nicht, die deutsche Landwirtschaft zu retten. Das schaffe ich nicht. Vielleicht habe ich aber ein bisschen dazu beitragen können, dass Umwelt- und Naturschützer ein bisschen mehr Verständnis für die Lage der Landwirte haben. Insofern bin ich nicht gescheitert.
Frage: Viele beanspruchen mittlerweile für die deutsche Landwirtschaft zu sprechen. Macht es das nicht zusätzlich schwer, Gehör zu finden?
Antwort: Bauernverband, Raiffeisenverband, LSV, und so weiter... man muss sagen: Sie haben alle nichts erreicht. Der Kanzler hat für Dezember zu einer neuen Sitzung der Zukunftskommission eingeladen. Ja, was soll das noch? Es wird eh nichts dabei herumkommen. Ich kann nur empfehlen: Brecht diesen Dialog mit der Politik ab!
Frage: Und dann? Wieder Traktordemos?
Antwort: Die Bauern werden müde, Proteste auf die Beine zu stellen, die am Ende zu nichts führen. Das kostet ja auch mehrere Hundert Euro, mit einem Traktor nach Berlin und wieder zurückzufahren. Der Agrardiesel wird ja trotzdem versprochen. Bundesfinanzminister Lindner hat zudem Bürokratie-Abbau versprochen. Passiert ist noch nichts …
Frage: … auf europäischer Ebene …
Antwort: Ja, da sind Bauern aus mehreren Ländern aufgestanden und haben protestiert. Diese Geschlossenheit hat Eindruck hinterlassen. Ein bisschen wie bei den Lokführern in Deutschland: Wer entschlossen genug ist, der setzt seine Ziele durch. Bei der deutschen Landwirtschaft kann ich das nicht erkennen.
Frage: Sie waren doch seinerzeit Mitbegründer der Bauernbewegung „Land schafft Verbindung“, die mittlerweile etwas anders heißt und der andere Köpfe vorstehen. Haben die es verbockt?
Antwort: Der Haushalt 2025 wird weitere Zugeständnisse vermutlich auch vom Agrarsektor einfordern. Statt eigene Vorschläge und Strategien mit der Politik zu diskutieren, hat der LSV seine Chance nicht genutzt, obwohl es in den eigenen Reihen kluge Köpfe gibt, die aber nicht ausreichend gehört werden.