Emsbüren  „Oma Afrika“: Wie Emsbürenerin Hildegard Hölscher in der Rente Kinder in Ghana rettet

Sören Becker
|
Von Sören Becker
| 03.05.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hildegard Hölscher hilft regelmäßig im Kinderhaus Hanukkah in Ghana. Foto: Kinderhaus Hanukkah
Hildegard Hölscher hilft regelmäßig im Kinderhaus Hanukkah in Ghana. Foto: Kinderhaus Hanukkah
Artikel teilen:

Ein Rentenalltag zwischen Arzt, Einkauf und TV? Das soll es schon gewesen sein? Von wegen! Unsere Leser erzählen von ihren Abenteuern – als Inspiration für Alt, aber auch Jung. Heute im Porträt: Hildegard Hölscher, die in Ghana armen Kindern das Leben rettet.

Das Leben des kleinen Mädchens stand unter keinem guten Stern. Kaum einen Tag alt wurde sie in Ghana von einer offenbar überforderten Mutter auf einem Müllhaufen an einer Straße bei der ghanaischen Kleinstadt Sunyani ausgesetzt. Der Säugling trug ein Armband und Ohrringe.

Hier hätte seine Geschichte, sein Leben zu Ende sein können. Doch die Kleine wurde von Mitarbeitern des Kinderhauses Hanukkah gefunden. Hildegard Hölscher, angereist aus Emsbüren im weit entfernten Emsland, half, ihr einen Start ins Leben zu geben. Hölscher gab dem Mädchen vom Müllhaufen den Namen Ruth.

„Ich bin keine große Erzählerin“, sagt die 74-Jährige, die derzeit wieder in Deutschland ist und seit Jahren ihre Rente genießen könnte. Tatsächlich erzählt sie nur widerwillig und auffällig nüchtern von sich selbst. Dabei verrät das gerollte R, dass ihre Muttersprache Plattdeutsch ist.

Aber wenn es um Ghana geht, sprudelt es nur so aus ihr heraus: Dann erzählt sie von Kofi Ghana, einem Jungen, der ausgesetzt wurde und nach dem Wochentag, an dem er gefunden wurde, benannt ist. Kofi heißt in der örtlichen Sprache Twi Freitag. Von Ama, der sie einen Rollstuhl aus Europa mitgebracht hat. Und eben auch von Ruth. 

Sie ist nur eines der um die 40 Kinder, die in dem Kinderhaus leben, indem Hölscher hilft: „Ich habe zwei Kinder, zwei Schwiegerkinder, fünf Enkel und 45 Kinder, die mich Oma nennen”, sagt die 74-Jährige. Seit 2019 fliegt sie jedes Jahr im Sommer nach Ghana, um im Haus Hanukkah zu helfen.

Betrieben wird es von der niederländischen Organisation „Mariëtte‘s Child Care“, die von der Krankenschwester Mariëtte Krouwel gegründet wurde. Niemand, der für die Hilfsorganisation arbeitet, bekommt ein Gehalt. Alles Geld fließt in die Unterstützung der Kinder. Die Emsländerin Hölscher bezahlt sowohl ihre Flüge als auch die Unterkunft in Ghana selbst.

Ausgesetzte Kinder sind in Ghana ein großes gesellschaftliches Problem. Besonders oft ausgesetzt werden Kinder, die eine Behinderung haben. „In Ghana gibt es keine Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Diese Kinder haben meist keine Chance im Leben“, sagt Hölscher. Diese Chance bekommen sie im Haus „Hanukkah“. Dort werden sie erzogen, wie in einer Familie. Eine Hausmutter kümmert sich dort um drei bis vier Kinder. 

„Wir bringen den Kindern alles bei. Vom Benutzen einer Schere bis hin zu Lesen und Schreiben. Manchmal muss man sie auch einfach ein bisschen in den Arm nehmen“. Gerade die körperliche Nähe scheint den Kindern zu fehlen: „Sie hängen an einem wie die Kletten“, erzählt Hölscher.

Wie sie dazu gekommen ist, dort auszuhelfen? Hölscher wird wieder sparsam mit den Worten. „In Bremen ist uns einer hinten aufs Auto gefahren und ich habe mich am Nacken verletzt“, berichtet sie fast beiläufig vom Unfall, der ihr Leben verändert hat. Ihr Physiotherapeut habe ihr vom Engagement seiner Frau in ebenjenem Kinderhaus erzählt. „Und dann meinte er, dass ich da ja auch mal ein paar Wochen kochen könnte. Ich hätte ja jetzt Zeit“, sagt sie. Mit dieser Idee war er bei Hölscher an der richtigen Adresse.

Schon als Mädchen, im kleinen Ort Gildehaus bei Bad Bentheim im südlichen Niedersachsen, wollte sie Entwicklungshelferin werden: „Eine Lehrerin hat im Unterricht von den SOS-Kinderdörfern erzählt. Das wollte ich auch machen“, sagt sie. Doch ihr Vater, ein Landwirt, habe wenig von Hölschers Karrierezielen gehalten. „Er wollte, dass ich zu Hause arbeite“, sagt sie. Sie machte eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin, die sie mit Meisterbrief abschloss und heiratete ihren Mann Hubert.

Auch in Ghana sollte sie eigentlich kochen. Sechseinhalb Stunden war sie mit dem Flugzeug unterwegs. Acht Stunden fuhr sie mit dem Bus über Land, um nach Hanukkah zu kommen. Doch die Gegebenheiten dort überstiegen ihre Fähigkeiten. Trotz Meisterbrief und Jahrzehnten Cateringerfahrung.  Die Küche bestand aus drei Baumstämmen und einem Topf, der über dem offenen Feuer hing. Überhaupt waren die lokalen Spezialitäten für Hölscher gewöhnungsbedürftig: „An den Straßen hängen Flughunde und Fledermäuse zum Trocknen auf, wie Fisch in Skandinavien“, berichtet sie. Kein Wunder, dass es für die Freiwilligen „Europäisches Essen“ gibt. Ghanaer scheinen darunter vor allem Nudeln mit Tomatensauce zu verstehen. 

Statt zu kochen, half Hölscher überall sonst aus, wo sie gebraucht wurde. „Die Arbeit in Ghana ist für mich mehr als nur ein Hobby“, sagt sie. Selbst wenn sie nicht dort ist, sammelt sie Spenden.  Auch ihre ganze Familie unterstützt das Engagement. Ihr Sohn war schon mehrmals als Freiwilliger dort. Auch bei ihrer jüngsten Enkelin hat Hölscher einen Spitznamen weg. Für sie ist sie „Oma Afrika“.

Was haben die Besuche in Ghana mit ihr gemacht? Sie hat dort Armut gesehen: „Auf den Märkten schlafen Kinder unter den Tischen und essen, was herunterfällt. Es gibt kaum neue Sachen zu kaufen, aber sehr viel Recyceltes, das in reichen Ländern weggeworfen wurde“, sagt sie.

Ihre Erfahrungen haben Hölscher genügsam gemacht: „Ich weiß jetzt, mit wie wenig man auskommen kann. Man braucht nicht immer neue Sachen“, sagt sie. Auch ihre Sicht auf die Nachrichtenlage hat sich verändert: „Ich habe mehr Verständnis für Flüchtlinge als früher. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig“. 

Ruth, die als Neugeborene auf einem Müllhaufen ausgesetzt wurde, ist mittlerweile übrigens zwei Jahre alt und kerngesund. Vor kurzem wurde sie von einer ghanaischen Familie adoptiert.

Ähnliche Artikel