478.000 Euro von Schulkonto veruntreut Ex-Verwaltungschef am Nige Esens muss vor Gericht
Der frühere Finanzbeamte wird wegen gewerbsmäßiger Untreue angeklagt. Insgesamt 72 Fälle undurchsichtiger Buchführung und Transaktionen hat die Auricher Staatsanwaltschaft rekonstruiert.
Esens/Aurich - Insgesamt etwa 478.000 Euro soll der frühere Verwaltungsleiter des Niedersächsischen Internatsgymnasiums in Esens veruntreut haben. Der langjährige Mitarbeiter hat sich den Ermittlungen der Auricher Staatsanwaltschaft zufolge einer gewerbsmäßigen Untreue in 72 Fällen schuldig gemacht. Jan Wilken, Sprecher der Staatsanwaltschaft, erläuterte dies auf Nachfrage. Der Beschuldigte soll zwischen März 2020 und Juni 2022 unter anderem Geld von den Schulkonten auf eigene Konten umgelenkt haben. Jetzt steht der Termin für die Hauptverhandlung fest: Am Montag, 29. Juli, beginnt am Auricher Landgericht die Hauptverhandlung um 9 Uhr.
Der Beschuldigte war bis Mitte 2022 Verwaltungsleiter und soll sich an den finanziellen Mitteln der Schule bereichert haben. Bekannt wurde dies durch ein anonymes Schreiben, was an verschiedene Medien wie diese Zeitung sowie die Schulleiterin Anja Renken-Abken adressiert worden war. Der Schreiber nannte sich selbst einen „internen Whistleblower“ – und machte die Vorwürfe öffentlich, die damals schon zur Untersuchung bei der Staatsanwaltschaft bekannt waren. Der langjährige Finanzverantwortliche habe in die eigene Tasche gewirtschaftet, habe sich der Vorteilsnahme und Unterschlagung schuldig gemacht, so der anonyme Hinweis des Briefeschreibers.
Bank stieß auf Unstimmigkeiten und fror Konten ein
Zu diesem Zeitpunkt im Herbst 2022 hatte man den Ex- Verwaltungsleiter bereits kaltgestellt und ihm sämtliche Computerzugänge gesperrt. Das sagt jetzt Ulrich Schubert, stellvertretender Pressesprecher des Niedersächsischen Kultusministerium. Das Nige in Esens hat eine Sonderstellung: Zahlreiche Kinder von den Ostfriesischen Inseln besuchen das Esenser Internat. Das Nige ist darum die einzige Schule, für die das Land Niedersachsen selbst die Trägerschaft hat – normalerweise liegt die Zuständigkeit für die Schulen sonst bei Städten, Gemeinden oder Landkreisen. „Dies ist eine anders strukturierte, besondere Schule“, so Schubert.
Beim Kultusministerium hält man sich derzeit zwar mit Auskünften zu den Hintergründen bedeckt – sagt aber immerhin etwas dazu, wie der Betrug letztlich aufflog: Demnach seien damals Unregelmäßigkeiten bei der Bank aufgefallen. Sie habe die Konten gesperrt, weil der Verdacht auf Geldwäsche bestand. Zudem soll sich der Angeklagte den Informationen der Behörde zufolge selbst angezeigt haben. Dies setzte schließlich die Untersuchung in Gang, die nun in einer Verhandlung vor dem Auricher Landgericht gipfelt. Die Staatsanwaltschaft hat im Februar Anklage erhoben, teilt Wilken dazu mit. Zuvor seien in „mühsamer Kleinstarbeit“ unzählige Transaktionen überprüft worden. Der Fall habe eine gewisse Komplexität: „Das muss erst einmal nachvollzogen werden.“ Für die in der Anklage zusammengefassten 72 Fälle gebe es jedoch nachvollziehbare Buchungen.
Für das Nige kehrt auch mit der Aussicht auf die Hauptverhandlung noch längst keine Ruhe ein: Ein neuer Verwaltungsleiter hatte zwischenzeitlich seinen Job angetreten – und ist nach nur zwei Wochen wieder gegangen. Das Aufgabenspektrum habe nicht seinen Erwartungen entsprochen, so Schubert. Die Stelle ist seit nun fast zwei Jahren unbesetzt. Jetzt muss also wieder ein Bewerber gefunden werden. Wie weit die Suche nach passenden Kandidaten ist, konnte er nicht sagen. Eine vakante Stelle sei für eine Schule immer eine Herausforderung, lenkt der Sprecher ein. Zugleich stellt er klar: „Die Schule ist nicht führungslos.“ Wie viel diese Führung vom Treiben des ehemaligen Finanzchefs gewusst hat, soll die Hauptverhandlung zeigen, heißt es seitens der Behörde. Die behält sich außerdem vor, Schadenersatz von ihrem früheren Mitarbeiter einzufordern.