Osnabrück  Graue Maus als Trendsetter: Warum das Sachbuch das Genre der Stunde ist

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 27.04.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Sachbuch sorgt in den letzten Jahren für die Zuwächse bei den Buchverkäufen. Im Bild: Ein Stand der Leipziger Buchmesse 2024. Foto: picture alliance/dpa
Das Sachbuch sorgt in den letzten Jahren für die Zuwächse bei den Buchverkäufen. Im Bild: Ein Stand der Leipziger Buchmesse 2024. Foto: picture alliance/dpa
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Wer hat Lust auf Sachbücher? Das Genre saß in der Imagefalle. Doch jetzt boomt das Sachbuch. Warum punktet ausgerechnet das Sachbuch in einer Zeit der Krisen und Spannungen?

Diätratgeber, Reiseführer, Fragenkatalog für die Führerscheinprüfung? Das Wort Sachbuch klingt nach dem Brot-und-Butter-Format des Buchmarkts. Nützlich, aber fad, kompetent, aber kein Lesevergnügen – das Image des Sachbuchs kann kaum grauer sein.

Doch diese Einschätzung hat sich so radikal geändert wie die Bücher, die in dieser Sparte publiziert werden. Ob C. W. Cerams „Gräber, Götter und Gelehrte“, Golo Manns „Wallenstein“ oder Arno Borsts „Mönche am Bodensee“ – natürlich gab es sie immer, die Sachbücher, die zu Bestsellern avancierten. Seinerzeit waren das Ausnahmen. Jetzt jagen sich die Titel, die als Sachbücher die breite Leserschaft faszinieren.

Mich fasziniert dieser Erfolgstrend eines unterschätzten Genres. Rüdiger Safranski ist einer der Autoren, die seit Jahren vormachen, wie es geht – mit Büchern, die immer beides waren: lehrreich und angenehm zu lesen. Dichter und Denker von Goethe und Schiller bis Friedrich Nietzsche, sie gewinnen neue Leser, weil Safranski ihr Wirken packend erzählt.

Der Sachbezug allein reicht lange nicht mehr, wenn ein Buch interessant sein soll. Themen müssen überraschen, Fragen neu gestellt, Fakten literarisch kompetent aufbereitet sein: Die neuen Sachbücher überzeugen als thematische Wegweiser und als gute Literatur. Der gute, alte Ratgeber wirkt dagegen überlebt.

Die Zahlen sprechen ohnehin eine klare Sprache. Wenn der Buchhandel zuletzt wieder auf leicht steigende Verkaufszahlen verweisen konnte, dann verdankten sie sich dem Sachbuch. Sicher, Romane werden weiter viel gelesen. Aber die schöne Literatur muss sich die Aufmerksamkeit der Leser mehr als bisher teilen, wenn es um Bücher geht, die die Welt erklären.

In Krisenzeiten suchen Leser nach Erklärungen für komplexe Prozesse, nach verlässlichen Fakten, kompetent strukturierten Informationen. Der Trend zum gut gemachten Sachbuch ist auch als Reaktion auf schlechte Erfahrungen mit der Netzwelt zu verstehen. Fake News, Polemik, Geschrei: Digitale Netzwerke überzeugen einfach nicht, wenn es um valide Information geht. Das Buch orientiert. Das Netz verwirrt.

Schon die bloße Nominiertenliste für den Deutschen Sachbuchpreis 2024 zeigt, warum das Sachbuch reüssiert. Ein Buch zur Weltkarriere einer Frau an der Macht, eine Globalgeschichte des Mülls oder eine Analyse der verletzlichen Gesellschaft: Jeden dieser Titel möchte man lesen.

Glücklich ist nicht, wer keine Fragen mehr hat. Schön ist das Leben, wenn die richtigen Fragen gestellt werden. Denn sie zeigen den Gedanken, welche gute Richtung sie nehmen können. Die neue Generation der Sachbücher bringt mich dabei ungemein voran. Ganz gleich, wer am Ende den Preis für das beste Sachbuch gewinnt. Alle nominierten Autorinnen und Autoren hätten ihn verdient. Bravo!

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